Pianistin Gabriela Montero: «Schumann in Stalins Welt zu integrieren könnte ein ziemlicher Schock sein»

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Das Piano-Festival präsentiert Klassik-Pianisten im KKL und Jazz-Pianisten in Luzerner Bars. Beides, Klassik und Improvisation, bringt die venezolanische Pianistin Gabriela Montero zusammen.
15. November 2017, 07:35

Interview: Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Die venezolanische Pianistin Gabriela Montero (47) interpretiert bei Lucerne Festival am Piano Klassiker und improvisiert über Themen aus dem Publikum. Wie immer ist ihr unermüdliches humanitäres Engagement ein Teil ihrer Musik.

Gabriela Montero, Sie spielen am Piano-Festival unter anderem die «Children’s Songs» des Jazz-Pianisten Corea. Wie haben Sie die Stücke kennen gelernt?

Zum ersten Mal habe ich die Stücke vor zehn Jahren an Martha Argerichs Festival in Lugano gespielt. Ich habe sie sofort gemocht! Das war damals ein Kinderkonzert, in dem ich nach Coreas Stücken meine eigenen Kinderlieder improvisierte.

Sie kombinieren die «Children’s Songs» mit Robert Schumanns «Kinderszenen». Passt das zusammen?

Und wie! Ich werde ohne Unterbruch von Schumann zu Corea überleiten. Beide Werke erzählen von Kindheit und Unschuld – unabhängig von der Zeit, in der sie geschrieben wurden. Wie in Lugano werde ich eigene Lieder improvisieren, in Erinnerungen an meine Kindheit in Venezuela schwelgen. Das wird eine Weltpremiere!

Welche Rolle spielt Improvisation in klassischen Konzerten?

Leider wird auf klassischen Bühnen kaum je improvisiert. Nicht mehr – denn Improvisation gehörte zum Vokabular der meisten Komponisten. Und das Publikum schätzt die Spontanität und Ehrlichkeit dieses Ausdrucks.

Nach den «Kinderszenen» spielen Sie Schostakowitschs zweite Klaviersonate: Suchen Sie doch auch die Gegensätze?

Die erste Hälfte behandelt die Kindheit mit all ihren Schönheiten und Unartigkeiten, es geht um Unschuld, Erinnerungen, um verlorene Verletzlichkeit. Schostakowitschs zweite Sonate hingegen ist ein Ruf nach Freiheit, ein Versuch, sich von politischen Fesseln zu befreien. Ein dunkles Stück. Es ringt nach Luft, thematisiert aber auch das Verlangen nach Schönheit in dunklen Zeiten. Ich will zeigen, was mit Menschen passiert, die unter Unterdrückung leiden in einer Gesellschaft, die zu ersticken droht. Schumann in Stalins Welt zu integrieren, könnte ein ziemlicher Schock sein.

Sind Sie auch im Alltag eine Improvisatorin?

Alles, was ich erlebe, ist von einem Soundtrack in meinem Kopf begleitet. Seit acht Jahren engagiere ich mich politisch und humanitär für Venezuela. Meine Improvisationen versuchen, diese Geschichte zu erzählen. Ich habe das nicht geplant, aber Improvisation wurde für mich zu einem persönlichen Werkzeug. Ich will Bewusstsein kreieren, wo Apathie und Schweigen herrschen.

Sie bezeichnen das rhythmische Element als Rückgrat Ihrer Improvisationen und Interpretationen. Können Sie das erklären?

Ich bin eine perkussive Pianistin. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich Latina bin. Rhythmus ist der Pfeffer in meiner Musik, die ursprünglichste Form von musikalischer Kommunikation. Auch Schostakowitsch macht sich das in seiner Klaviersonate zu Nutzen: Dort repräsentiert Rhythmus ein Gefühl von Verfolgung, Paranoia, Aggression und Angst.

Seit einigen Jahren komponieren Sie. Spielt Rhythmus auch da eine grosse Rolle?

Ja. «Ex Patria» für Klavier und Orchester etwa verwendet aggressive Rhythmen als Metaphern für Maschinengewehre und Schüsse. Der Klavierpart drückt die wiederholten Aggressionen gegen die Bevölkerung Venezuelas aus. Mein nächstes Stück komponiere ich für Klavier und Perkussion – die passen wunderbar zusammen!

In den letzten Wochen wurde die Berichterstattung rund um Venezuela ruhiger. Was ist der Status quo?

Es wurde schlimmer, und zwar drastisch. Die Leute essen Abfälle, sind mangelernährt, tagtäglich geschehen Gewaltverbrechen. Die politische Krise hat sich nun zu einer humanitären ausgeweitet. In Venezuela stehen die Menschenrechte auf dem Spiel.

Worin sehen Sie dabei Ihre Aufgabe als Künstlerin?

Ich thematisiere die kriminelle Situation in Venezuela in jedem Interview. Ich erhebe meine Stimme laut, weil so viel Stillschweigen herrscht. Es ist schwierig, diese Ignoranz zu durchbrechen. Nicht viele klassische Musiker stecken ihre Nase in die Politik. Aber ich konnte nicht anders, weil das Elend für mich herzzerreissend war und ist.

2015 wurden Sie Ehrenkonsulin von Amnesty International. Verändert das Ihre Rolle auf der Konzertbühne?

Eine Bühne ist nicht nur ein Ort, an dem Geschichten von Komponisten und ihren Meisterwerken erzählt werden. Wir müssen auch thematisieren, was in der Welt um uns geschieht. In Pop, Punk, Soul oder Jazz ist dieses soziale Bewusstsein viel verbreiteter. Aber auch die klassische Musikwelt muss anfangen, sich diesbezüglich zu artikulieren und nicht in einer Art Blase zu bleiben. Es geht letztendlich um Empathie.

Hinweis

Montag, 20. November, 19.30, Konzertsaal, KKL Luzern. Das Piano-Festival dauert vom 18. bis 26. November. www.lucernefestival.ch


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