Sinfonieorchester im KKL: Schweben auf Wolke sieben

LUZERN ⋅ Das Luzerner Sinfonieorchester setzt seinen Höhenflug fort. Die Zahlen zur vergangenen Saison brechen alle Rekorde – und das Sinfoniekonzert gestern Abend lieferte gute Gründe dafür nach.
07. Dezember 2017, 07:47

Noch vor dem Auftritt des Luzerner Sinfonieorchesters gestern im KKL-Konzertsaal war klar: Dies ist ein Festkonzert. Denn zuvor waren mit dem Geschäftsbericht die Zahlen für die letzte Saison publiziert worden. Und diese brechen alle bisherigen Rekorde und führen die Erfolgsgeschichte des Orchesters überraschend deutlich weiter.

Demnach stieg die Zahl der Besucher der Konzerte in der Schweiz um 3,1 Prozent von 61500 (2015/16) auf 63500. Die Zahl der Einzelkarten stieg gar um 12,6 Prozent auf 49800. Dieser massive Anstieg scheint den Trend zu bestätigen, dass Konzertbesucher sich immer kurzfristiger entscheiden wollen. Aber selbst die Zahl der Abonnements-Besucher stieg um 1,5 Prozent auf 17100.

Diese Steigerungen erklären sich auch nicht durch eine grössere Zahl von Veranstaltungen. Denn selbst die Auslastung der Sinfoniekonzerte stieg um 6 auf 88,77 Prozent. Damit verzeichnet das Orchester auch ein positives Betriebsergebnis und erzielt einen Jahresgewinn von 16000 Franken.

Dirigenten-Legende: Aufregend paradox

Gründe für diesen Erfolg veranschaulichte das anschliessende Sinfoniekonzert. Einer ist, dass das Orchester Solisten der Weltklasse präsentiert, denen man früher nur beim Lucerne Festival begegnete. Dazu zählte gestern auch der Dirigent: Der in Berlin wirkende Marek Janowski (78) hat den Ruf eines herausragenden Orchestererziehers, der in guter Kapellmeistertradition das Beste aus jedem Orchester herausholen kann. Und er ist ein Star ohne Starallüren, ganz wie die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman, die seit ihrem Rücktritt von der Bühne nur noch konzertant und in ­besonderen Projekten auftritt.

Und ein solches war der gestrige Abend für das Luzerner Sinfonieorchester in der Tat. Denn er zeigte, ein zweiter Grund, zu welch herausragenden künstlerischen Leistungen solche Zusammenarbeiten das Orchester selber führen. Der hohe Anspruch begann schon mit einem Programm, das Kernrepertoire des Orchesters (Mozart und Schumann) mit den Kindertotenliedern von Mahler verband.

Wie also würde das Orchester unter der Dirigenten-Legende ­Janowski im klassisch-romantischen Repertoire klingen, in dem es zuletzt mit seinem auf CD erschienenen «Beethoven-Projekt» eine moderate Annäherung an die historische Aufführungspraxis suchte? Schon in Mozarts Ouvertüre zu «Don Giovanni» fiel die Antwort aufregend paradox aus. Trotz reduzierter Besetzung überraschte das Orchester mit einem grossen Ton, der dramatische Akzente nicht schmal zuspitzte, sondern durchaus wuchtig setzte. Andererseits wahrte der Feinschliff bis in wirblige Figurationen hinein eine «moderne» kammermusi­kalische Konturenschärfe und Transparenz.

Auch ein künstlerischer Rekord

Ein körperhafter, ja musku­löser Orchesterklang, der durch straffe Führung und Modellierung dennoch rhythmische Prägnanz, Feinschliff und federnden Drive ermöglicht: Solche Qualitäten prägten auch die grösser besetzte, in den weiträumig aufgebauten Steigerungen riesenhaft klingende d-Moll-Sinfonie von Schumann.

Diese wies mit dem Sinn für musikalische Bögen und Farben auch zurück auf das Herzstück des Abends, die Kindertotenlieder von Gustav Mahler. Janowsky gestaltete sie als intime Kammermusik in den grossen Dimensionen eines Orchesters: Bis ins letzte Detail waren da die Farben und Linien ausbalanciert und abgestimmt auf die Stimme der Solistin. Wie Kulman da hinein ihre Stimme aus expressiv tiefen Lagen emporsteigen, versöhnlich leuchten und schliesslich schweben liess wie auf Wolke sieben, brach auch künstlerisch alle Rekorde.

 

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Das Konzert wird heute um 19.30 Uhr im Konzertsaal des KKL wiederholt.

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