Schwindelfreie Königinnen belauern sich

LUZERNER THEATER ⋅ Donizettis Belcanto-Oper «Maria Stuarda» wird nur selten gespielt. Jetzt zeigt das Luzerner Theater eine halbkonzertante Aufführung des Melodrams – mit Licht und Schatten vor allem bei den männlichen Gesangsparts.
17. April 2018, 08:19

Stefan Degen

stefan.degen@luzernerzeitung.ch

Das Orchester ist im hinteren Teil der Bühne platziert, davor stehen zwei Metalltürme für die beiden Königinnen – gleichzeitig Thron und Gefängnis. Die zwei Regentinnen, Elisabetta I. von England und Maria Stuarda, Königin von Schottland, belauern sich gegenseitig drei Meter über dem Boden. Auf Augenhöhe. Doch Maria wirkt die ganze Zeit seltsam abwesend. Mit wirrem Haarschopf blickt sie starr ins Zuschauerrund, während Elisabetta den ­Augenkontakt sucht.

Maria erwidert den Blick erst in der finalen Szene. Sie singt ihr Schlussgebet – und plötzlich hält das Orchester inne. Maria verlässt über eine Treppe ihr Gefängnis. Schritte und Stille. Dann die letzten Töne des Orchesters. Maria wird so um einen effektvollen Schlusston geprellt.

Zweiter Versuch mit neuem Format

So endete an der Premiere vom Sonntagabend die lyrische Tragödie in zwei Akten «Maria Stuarda» von Gaetano Donizetti in einer semikonzertanten Aufführung. Dieses Format ist in der vergangenen Spielzeit mit Rossinis «L’italiana in Algeri» erstmals ausprobiert worden. Was bei der actionreichen Komödie gut funktionierte, hat bei der Opera seria ihre Tücken.

Die szenische Einrichtung besorgte Friederike Schubert. Ihr Grundkonzept ist soweit einleuchtend. Sie rückt mit den zwei Türmen (Bühne: Vanessa Gerotto) die Königinnen klar ins Zentrum. Diese sind ständig präsent – auch wenn sie nicht zu singen haben. Im ersten Teil hat Elisabetta eine Treppe an ihrem Turm, im zweiten dann Maria. Beiden steht eine Thermosflasche (!) mit einem Getränk zur Verfügung: Elisabetta füllt den Becher und trinkt öfters mal. Maria trinkt gleich aus der Flasche. Das alles unter den Augen des Publikums. Irgendwie hat man Mitleid mit den beiden Protagonistinnen aus dem Ensemble, die da schwindelfrei und isoliert auf ihrem Hochsitz ausharren müssen.

Der Höhepunkt wird vergeben

Donizettis 1835 uraufgeführte «Maria Stuarda» (frei nach Schillers Drama «Maria Stuart») kulminiert in der berühmten Szene am Ende des ersten Aktes, die es historisch (1587) nie gegeben hat. Die beiden Königinnen treffen aufeinander, werfen sich gegenseitig wüste Beschimpfungen an den Kopf. Maria nennt ihre Kontrahentin «vil bastarda» (abscheulicher Bastard). Damit ist ihr Schicksal besiegelt.

Doch hier vergibt die Regie den Höhepunkt der Oper: Maria schleudert ihre Beleidigungen nicht ihrer Rivalin entgegen, sondern den Zuschauern. Die thea­trale Wirkung verpufft. Wenig später unterzeichnet Elisabetta das Urteil gegen Maria: Tod auf dem Schafott.

«Maria Stuarda» ist ein typisches Werk des Belcanto. Dabei geht es aber um mehr als reinen «Schöngesang». Die Stilmittel des Belcanto sind zahlreich – zu hören gab es an diesem Abend nur wenige. Das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Rolando Garza Rodriguez spielt solide, aber über weite Strecken viel zu laut. Das verleitet die männlichen Protagonisten leider zum Forcieren. Der Tenor Denzil Delaere als Roberto, Conte di Leicester, singt in einem Dauerforte ohne jeden Schmelz. Wenn er doch mal ein Piano versucht, droht ihm die Stimme zu brechen. Wenig differenziert auch Jason Cox (Bariton) als Cecil. Lediglich Bernt Ola Volungholen (Bassbariton) sang als Talbot kultiviert. Zuverlässig die Anna von Sarah Alexandra Hudarew und der Chor des Luzerner Theaters.

Diana Schnürpel als Maria kann einen schönen persönlichen Erfolg verbuchen mit dieser immens schwierigen Partie. Zwar setzt sie Spitzentöne sparsam ein, verfügt aber über eine runde Sopranstimme, die mitunter ein wenig metallisch tönt. Dass man ihr gleich zwei der in der Oper zahlreichen Duette um die Hälfte gekürzt hat, geht wohl auf das Konto des musikalischen Leiters. Es fehlte die zweite Hälfte des Duetts mit Leicester und der zweite Teil des Duetts mit Talbot. Dazu kommen weitere Striche.

Lyrische Emphase und dramatische Attacke

Die abgerundetste Leistung des Abends bietet Marina Viotti als Elisabetta. Sie setzt ihren kostbar timbrierten Mezzosopran überaus differenziert ein, brilliert mit lyrischer Emphase ebenso wie mit dramatischer Attacke. Sie verfügt auch über ein Messa di Voce, das im Belcanto so wichtig ist. Nachdem sie das Todesurteil für Maria unterzeichnet hat, nimmt sie die rote Perücke vom Kopf und schält sich aus ihrer engen Korsage wie aus einem Kokon (Kostüm: Claudio Pohle). Ihr fragender Blick hinüber zu Maria soll wohl bedeuten: «Habe ich richtig entschieden?»

Die semikonzertante Form der Aufführung bleibt ein Zwitterding: Einerseits versucht die Regisseurin so viel Aktion wie möglich auf die Bühne zu bringen. Andererseits wirkt es geradezu komisch, wenn sich die männlichen Protagonisten im Abendanzug gegenseitig an den Kragen gehen. Der Fokus sollte klarer auf dem Gesang liegen. Nur allzu gross ist die Verlockung, durch szenische Aktion um jeden Preis von sängerischen Defiziten abzulenken.

Hinweis

Einzige weitere Aufführungen am Luzerner Theater am 19. und 27. Mai. Gastspiele im Theater (Uri) am 24. April und im TAK Theater in Vaduz am 30. Mai. Infos: www.luzernertheater.ch


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