Seit 50 Jahren ein «Frontalangriff auf die Ohren»

MUSIK ⋅ Hardrock hat sich allen Moden und Trends erfolgreich widersetzt. Auch nach 50 Jahren zieht diese Musik Millionen von Fans immer noch in ihren Bann. Wer waren die Wegbereiter, und was macht die Faszination aus?
11. Februar 2018, 09:42

Am Anfang war der Riff. Er ist so einfach, dass selbst Menschen, die gar nicht Gitarre spielen können, es auf einer Saite hinbekommen. Gerade die Schlichtheit und die Eingängigkeit machten aus «Smoke On The Water» einen Jahrhundertsong und Deep Purple zu einer der einflussreichsten Hardrock-Bands. «Ich glaube, wir haben mit unserer Musik gewissermassen den Weg geebnet», sagte Drummer Ian Paice. Die Band wurde 1968 im englischen Hertford gegründet, was als Geburtsstunde des Hardrocks gilt.

Natürlich ist sie bei weitem nicht die einzige Band, die diesen Stil mitgeprägt hat. Auch Led Zeppelin und Black Sabbath gehören dazu. Diese drei Combos gelten als die Urväter eines Sounds, der härter war als alles andere zuvor. «Unser erstes Album sollte ein Frontalangriff auf die Ohren werden: radikal, intensiv und roh», sagte Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page. «Es begann, als der klassische Marshall-Verstärker erfunden war und der Gitarrensound so klang wie auf der ersten Led Zeppelin oder Deep Purples ‹In Rock›», sagt der deutsche Hardrock-Experte Götz Kühnemund. «Da kam der typische Gitarrensound auf, der alle süchtig gemacht hat», verdeutlichte der Ex-Chefredaktor des «Rock Hard» und jetzige Boss des Metalmagazins «Deaf Forever».

Konservatives Gegenstück zu wechselnden Moden

Selbst nach all den Jahren füllen Deep Purple und andere alte Schwergewichte wie AC/DC oder Alice Cooper noch die Konzertsäle und sind ständiger Gast auf den grossen Rock-Festivals. Wie Kühnemund würden wohl auch viele Fans ihr Erweckungserlebnis mit der Droge Hardrock beschreiben: «Der erste Riff, den ich in meinem Leben gehört habe, hat mich so elektrisiert, dass ich diesen Moment immer wieder haben möchte.»

Den Hardrock und seine Fans zeichnet eine Beständigkeit und ein bestimmter Wertekonservatismus aus, der ein Gegenmodell zum Zeitgeist mit seinen rasch wechselnden Moden und Meinungen darstellt. «Der Bedarf nach authentischen Dingen wächst, je mehr sich alles auf Schnelllebigkeit ausrichtet», sagte Kühnemund. Für Hypes sind Hardrocker wenig empfänglich. Dieses Traditionsbewusstsein verhalf dem Genre auch, sich gegen später aufkommende Krisen zu wappnen. Zunächst entwickelt sich der Hardrock aber weiter zum Heavy ­Metal und brachte in den 1980er-Jahren Megastars wie Metallica oder Guns n’Roses hervor. Die beriefen sich auf Vorreiter wie Black Sabbath oder Deep Purple. «Sie waren mein musikalisches Rückgrat, als ich sie im Alter von neun Jahren das erste Mal gehört habe», sagte Metallica-Drummer Lars Ulrich über Deep Purple.

Plötzlich war es uncool, Hardrocker zu sein

Dank einem veränderten Medienzeitalter und einem Musiksender wie MTV avancierten Guns n’Roses Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre zu den letzten Superstars des Hardrock-Business. Die Gunners lebten das Klischee des Sex-and-Drugs-and-Rock-’n’-Roll-Lifestyles wie kein anderer Vertreter und schafften es, ins Bewusstsein des Normalbürgers vorzudringen. «Axl Rose kennt sogar meine Mutter», bemerkte Kühnemund. Erst Kurt Cobain und die Grungewelle ­bescherten dem Metal in den 1990er-Jahren eine Identitätskrise. Plötzlich war es uncool, Hardrocker zu sein. «Auch weil die Mädels umgeschwenkt sind, weil Grunge tanzbarer war», erinnerte sich Kühnemund.

Aber der Metal hat diese Krise einfach ausgesessen. Grunge war am Ende nur eine Welle. Kurt Cobain starb, der Hardrock lebt weiter. Das plötzliche Interesse des Mainstreams am früher verpönten Heavy Metal hat dazu beigetragen: Dies zeigt beispielsweise das Wacken-Festival mit seinen jeweils 80000 Besuchern.

Retro-Bands wie Graveyard und Blues Pills tragen neben Airbourne oder The Darkness das Erbe weiter. Und die Fans müssen nicht auf die Klassiker verzichten: Bis vor kurzem haben AC/DC und Black Sabbath noch Generationen in die Stadien gelockt. Guns n’Roses mobilisieren nach der Reunion von Axl Rose und Slash die Massen fast so wie zu ihrer Hochphase vor gut 25 Jahren. Und Deep Purples aktuelles Album «inFinite» stürmte auf Platz eins der Album-Charts.

Matthias Bossaller (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch


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