Seit 50 Jahren «gguuggets im Schyssächerli»

AUTOR ⋅ Ein halbes Jahrhundert «Totemügerli», Auftritte im Kleintheater Luzern, ein neuer Roman: Franz Hohler (74) sagt, was ihn weiterhin bewegt, was ihn sorgt und freut – und wo er sich abgehängt fühlt.
17. September 2017, 09:22

Interview: Pirmin Bossart

piazza@luzernerzeitung.ch

Franz Hohler, «Geduld!» steht auf dem Blatt Papier, das Sie in Ihrem Arbeitszimmer an die Wand geheftet haben. Wie oft müssen Sie das beherzigen?

Jeden Tag! Ich habe immer sehr viel Unerledigtes und denke: Ah, das muss ich noch machen, dieses und jenes, es hört nicht auf. Da muss ich Geduld haben. Ich bin auch daran, meine Bibliothek auszudünnen, jedes Buch in die Hand zu nehmen und die Taschen für das Bücher­brocki zu füllen. Das braucht Geduld. Ebenso, wenn ich etwas Längeres schreibe. Ich muss mir dann sagen: nicht pressieren. Es geht so lange, wie es geht.

Was seit 50 Jahren gut geht, ist Ihr wohl bekanntester Text, das «Totemügerli». Warum ist gerade diese Geschichte so populär geblieben?

Damals war das Berndeutsche omnipräsent, es herrschte ein gewisser Überdruck. Die prägenden Hörspiele waren alle auf Berndeutsch. Auch ich bin als Bub mit roten Ohren vor dem Radio gesessen. Vielleicht hat man auf etwas gewartet, das die Dominanz des Berndeutschen etwas auf die Schippe nimmt. Interessanterweise sind inzwischen viele Ausdrücke aus dem «Totemügerli» selber ins Berndeutsche eingeflossen. «Agschnäggelet», «desumeschirggelet», «i d Chnöde glöötet», «böös im Schyss­ächerli gguugget». Viele Leute wissen gar nicht, woher diese Wörter kommen.

Wie sind Sie vorgegangen beim Text?

Ich wollte so etwas wie ein Ur-Berndeutsch kreieren. Ich habe ein Berner Wörterbuch studiert und begonnen, einzelne Ausdrücke herauszuschreiben. Schon beim Buchstaben B sagte ich mir: Das hört ja nie auf, da kann ich die Wörter ebenso gut selber erfinden.

Das «Totemügerli» wird im Kleintheater Luzern gefeiert (siehe Hinweis am Schluss). Was passiert da?

Unter vielem anderen wird die Luzerner Linguistikprofessorin Helen Christen erzählen, warum sie das «Totemügerli» in ihren Seminarien als Beispiel für die Wortbildung verwendet. Nora Gomringer wird eine Fortsetzung des «Totemügerli» aufführen. Die Musik stammt von Albin Brun sowie Lo & Leduc.

Wie das «Totemügerli» feiert diesen Herbst auch das Kleintheater Luzern sein 50-Jahr-Jubiläum. Welchen Bezug haben Sie zum Kleintheater?

Es ist für mich immer ein Stück Heimat gewesen. 1967 hat mir Emil Steinberger einen Brief geschrieben und mir mitgeteilt, dass er «aufgrund des schlechten Geschäftsgangs des Telecafés» nun ein Kleintheater eröffnen könne. 1968 bin ich erstmals dort aufgetreten. Emil hatte eine unglaubliche Liebe zu dieser Art Bühnenkunst. Das hat sich auch bei seinen Nachfolgerinnen durchgezogen. Es sind alle Künstler sehr gerne im Kleintheater aufgetreten. Immer.

Wann standen Sie denn zum ersten Mal auf der Bühne?

1965, mit meinem ersten Programm «Pizzicato». Aufgetreten bin ich im ehemaligen Heizungskeller der Universität Zürich, den ich mit einigen Freunden in ein Kleintheater umgewandelt habe. Eine der beteiligten Personen von damals ist meine Frau geworden. Nachher trat ich in Bern und Olten auf, anschliessend ging es nach Berlin. Das funktionierte so gut, dass ich mir sagte: Jetzt machst du mal ein Jahr Pause mit der Uni. Dieses Jahr dauert heute noch an.

Damals begann auch Emil mit seinen Programmen. Sie hatten da auch ein wenig die Hand im Spiel.

Ich schlug damals Emil vor, gemeinsam ein Programm zu entwickeln. Dabei wollte ich darauf achten, dass er nur das macht, was ihm wirklich liegt. Heute könnte man das als eine Art Coaching bezeichnen. Wir haben verschiedene Szenen ausprobiert und aufgenommen. Einmal war ich der Bub, der fragte, wie ein Flugzeug funktioniert, und Emil improvisierte Antworten dazu. Beim Hören der Aufnahmen stellten wir seinen Text zusammen, und den Buben konnten wir weglassen. Emil hatte es früher auch mit Chansons versucht, aber das war nicht seine Stärke. So hat sich sein Profil herausgebildet. Er war ja immer ein unglaublich guter Improvisator.

Diesen Herbst sind Sie auf Lesetour mit Ihrem neuen Roman «Das Päckchen». Heute wird in der Literatur ja immer mehr performt, Stichwort Slam Poetry oder Spoken Word. Wenn man sich Ihre Karriere vor Augen führt, waren Sie eigentlich schon immer ein Performer.

Ein wesentlicher Grund für viele Sachen, die ich geschrieben habe, war immer, sie aufzuführen. Als ich als Bub begonnen habe, Geschichten und Gedichte zu schreiben, hatte ich schon damals das Gefühl, ein Text sei erst fertig, wenn ich ihn vorgelesen hatte. Das gesprochene Wort ist für mich stets zentral gewesen. Es amüsiert mich deshalb, wenn heute alle von Spoken Word oder Performance reden. Andererseits freut es mich aber auch, dass das anerkannt wird und heute zur Literatur gehört.

Ihr Werk ist sehr gross und vielseitig, die Durchsicht der Liste macht fast schwindlig: Hatten Sie nie Schreibstau, fühlten Sie sich nie ausgeschöpft und ideenlos?

Eigentlich nicht. Als ich früher noch regelmässig aufgetreten bin, habe ich ein paarmal längere Pausen gemacht. Aber diese führten immer dazu, dass mir wieder anderes in den Sinn kam. Vielleicht ist es ein Vorteil, dass ich mich in verschiedenen Formen zu Hause fühle. So ergibt sich bei mir, wie in der früheren Landwirtschaft, eine Fruchtfolge: Wenn ich genug von etwas habe, wechsle ich zum Nächsten. Nach dem Roman «Das Päckchen» schreibe ich zurzeit ein Kinderbuch mit Nonsensgedichten.

Schreiben Sie eigentlich laufend Ihre Eindrücke auf, um jeweils später eine Geschichte daraus zu machen?

Schon lange nicht mehr. Ich habe gelernt, dass Ideen oder Motive, wenn sie etwas von mir wollen, wiederkommen. Sie sitzen draussen vor meinem Arbeitszimmer oder klopfen an die Tür.

Wie nehmen Sie die heutige Zeit wahr? Fällt es Ihnen schwerer, in der Komplexität der global gewordenen Welt etwas Treffendes zu sagen?

Nicht prinzipiell. Die Zeiten waren nie einfach. Es erscheint uns heute komplexer, weil wir zu viel mehr Informationen Zugang haben und so einem Übermass ausgesetzt sind. Man muss auswählen, womit man sich beschäftigen will. Ich muss nicht jeden Tag Zeitung lesen. Wichtige Nachrichten kann ich auch mal von vertrauten Leuten erfahren. Aufgrund des Übermasses meide ich auch soziale Medien. Das sind sicher heutige Mitteilungsformen, aber ich muss nicht alles wissen, was dort verlautet wird.

Fühlen Sie sich nicht abgehängt?

Manchmal schon. Bis heute hat mir noch niemand richtig erklären können, was Algorithmen sind, obwohl ich weiss, dass sie wichtig sind für den Gang der Welt und für unsere Meinungsbildung. Ich verstehe überhaupt vieles nicht.

Was denn noch?

Alle paar Wochen fragt mich jemand, ob ich mich für das Vollgeld einsetzen würde. Und ich muss jedes Mal sagen, dass ich nicht wirklich verstehe, worum es geht. Oder die AHV-Revision, über die wir abstimmen: Ich stimme Ja, aber wer kann sicher wissen, was dies für das Jahr 2030 bedeutet? Ich staune sowieso immer wieder, wie viel an Entscheidungsfähigkeit und Kompetenz einem in der direkten Demokratie zugetraut wird.

War es früher aufgrund der klareren «Feindbilder» nicht einfacher, konkret Kritik zu üben?

Ein klares Feindbild ist auch langweilig, weil es etwas Komplexes auf etwas Einfaches reduziert. Das sture Rechts/Links-Gefüge im Kalten Krieg war elend. Das ist heute längst nicht mehr so klar. Schon bei der Europafrage gingen die Ja/Nein-Risse durch verschiedenste Gruppierungen hindurch. Der Satire geht jedenfalls der Stoff nicht aus, wobei ich persönlich mit dieser Form eine gewisse Sättigung erreicht habe.

Vielleicht hat sich vieles von dem zum Guten gewendet, gegen das Sie einst angetreten sind?

Ja, es gibt positive Veränderungen. Anfang der 1970er nahm ich an den ersten Anti-AKW-Kundgebungen teil. Da gehörte man zum «linken Haufen», wie das damals pauschal abgefertigt wurde. Heute ist AKW-Kritik mehrheitsfähig. Auch das Bankgeheimnis – ich habe in den 1980ern die Banken-Initiative unterstützt – hat massiv Federn verloren. Dasselbe mit der Dienstverweigerung: Ich bin damals bei der satirischen Fernsehsendung «Denkpause» ausgestiegen, weil sie einen militärkritischen Beitrag von mir nicht senden wollten. Heute ist der Weg zum Zivildienst akzeptiert.

Was regt Sie heute auf, drängt Sie dazu, Partei zu ergreifen?

Ich bin heute viel stärker mit Fragen konfrontiert, auf die ich politisch keine Antwort habe. Beim Thema Flüchtlinge und Migration herrscht eine grosse Ratlosigkeit – auch bei mir. Dass sich das Ungleichgewicht auf der Welt einmal real auswirken würde, war abzusehen. Jetzt steht plötzlich Afrika vor der Türe, auch Syrien, Afghanistan, Irak. Viele unglückliche Leute, die alles riskieren. Sie kommen, ob wir wollen oder nicht. Finden sie hier etwas Besseres? Und was machen wir, wenn das nicht der Fall ist? All das gehört zu den Fragen, die mich am ratlosesten machen.

Sie wurden immer mal als intellektueller Linker beschimpft. Haben Sie je an die Revolution geglaubt?

Ich habe an mögliche Veränderungen geglaubt. Inzwischen bin ich 74 und habe sehr viele Veränderungen erfahren, auch durchaus positive. Zum Beispiel das Frauenstimmrecht. Dass und wie es zu Stande kam, ist für viele junge Frauen Lichtjahre entfernt. Wir leben heute in einer viel freieren Zeit. Eine alleinerziehende Mutter zu sein, war eine Schande. Homosexualität durfte es nicht geben. Dass solches heute kaum ein Thema mehr ist, man sich zumindest öffentlich nicht mehr darüber aufregt, erachte ich als einen sehr grossen Fortschritt.

Sind Sie mit dem Alter milder geworden oder gelassener gegenüber den Missständen in der Welt?

Eigentlich nicht. Ich halte die Augen offen und nehme wahr, was läuft und was schiefläuft. Gelassenheit meint höchstens, dass man bestimmte Situationen schon oft erlebt hat. Mir ist klar, dass die Ungerechtigkeit niemals aus der Welt geschafft werden kann. Gerade deswegen engagiere ich mich für Einzelfälle. Amnesty macht eine gute Arbeit und ermöglicht, mit Betroffenen von Ungerechtigkeit oder Unterdrückung direkt in Kontakt zu treten.

Was tun Sie denn konkret?

Ich schicke Briefe an Leute, die in Gefängnissen sitzen, oder an Regierungen und Justizbehörden, um auf Missstände und Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Solche Aktionen können durchaus etwas bewirken. Ich habe mich auch für die Wiedergutmachungs-Initiative bei den Verdingkindern eingesetzt. Es ist für mich einer der krassesten Fälle der Schweizer Sozialgeschichte. Es war eine menschliche Katastrophe, wie man diese Kinder behandelt hat.

Was setzen Sie gegen die täglich spürbare Ohnmacht, Teil eines Systems zu sein, dem man fast nicht entrinnen kann?

Wer die ganze Welt zum Guten wenden will, kann sich gar nicht anders als ohnmächtig fühlen. Ich mache das, was an meinem Platz möglich ist. Man muss nicht das Gefühl haben, man könne die ganze Welt einrichten. Es gibt viel zu viel Elend. Wichtig ist, dass man gleichwohl auch Spass und Freude haben kann an der Welt, an den Menschen und Dingen, dass man lachen kann. Ich habe sehr es gerne, wenn Kinder lachen. Das hilft einem, auch selber zu lachen. Eine Studie hat mal aufgezeigt, dass ein Kind pro Tag im Durchschnitt 400 Mal lacht, ein Erwachsener 15 Mal. Das muss man nicht weiter kommentieren.

Mit 74 wird die Zeit endlicher. Wie gehen Sie damit um?

Ich freue mich am Leben, solange es gut geht. Dass ich begonnen habe, meine Bibliothek aufzuräumen, hat mit dem Wahrnehmen von Endlichkeit zu tun. Ich möchte den Nachkommen kein Chaos hinterlassen, mich von Material befreien. Brauche ich das? Lese ich das nochmals? Meinen Nachlass bekommt das Schweizerische Literaturarchiv. Jedes Jahr liefere ich ihm wieder Bücher, CDs, Manuskripte, Plakate und andere Sachen ab. All das gehört zu meinen ernsthaften Projekten der nächsten Zeit.

Wie fühlt sich die Endlichkeit im zwischenmenschlichen Bereich an?

Die Kontakte zu den Familienmitgliedern und den Freunden werden wichtiger und wertvoller. Man überlegt sich: Wen habe ich schon lange nicht mehr gesehen? Wen laden wir ein? Was ist unser gemeinsamer Freundeskreis? Ich habe zwei Enkelkinder, das ist eine grosse Freude. All diese Fragen und Ideen, die einem entgegenkommen, das braucht Energie, aber gibt auch Energie zurück. Enkelenergie!

Haben Sie als «realistischer Fantast» – so der Titel einer über Sie geschriebenen Biografie – auch einen Bezug zur Welt des Religiösen oder Spirituellen?

Das ist immer ein Thema gewesen für mich. Ich bin einfach nicht gläubig im christlichen Sinne. Philosophisch bin ich ein Agnostiker. Ich werde auf alle Glaubenssysteme allergisch, sobald sie dogmatisch werden. Natürlich ist der Mensch immer auf der Suche nach höheren Kräften, die man rational nicht erklären kann. Je mehr die Wissenschaft über die Natur weiss, desto rätselhafter wird alles. Heisenberg hat sinngemäss gesagt: Wer einmal aus dem Becher der Wissenschaft getrunken hat, ist für den Glauben verloren. Am Grunde des Bechers aber lauert Gott.

Was sind Ihre liebsten Beschäftigungen, wenn Sie nicht gerade am Schreiben oder Konzipieren sind?

«Freizeit» oder «Hobbys» sind für mich höchst suspekte Begriffe. Ich koche gerne, jasse, wandere, höre und mache gerne Musik.

Für welche Musik können Sie sich besonders erwärmen?

Ich spiele noch immer Cello. Ich liebe die Cellosuiten von Bach. Das sind unglaubliche Landschaften, die man immer wieder etwas anders begehen kann. Jetzt habe ich die Noten der Solosuiten von Ernest Bloch bestellt. Ich bin neugierig, ob ich mich da zurechtfinden kann. Kürzlich habe ich den Schlagzeuger Julian Sartorius gehört, wie er in der ZB Zürich auf Büchern gespielt hat. Das hat mir sehr imponiert. Ansonsten verfolge ich auch, was unsere Mundartbands machen, von Züri West über Endo Anaconda bis Büne Huber. Das sind alles auch Poeten.

Sie lesen auch viel. Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller oder eine Lieblingsschriftstellerin?

Franz Kafka ist einer der nahrhaftesten Schriftsteller, die ich kenne. Oder Robert Walser: Ich schlage irgendwo ein Buch von ihm auf und bin nach drei Sätzen daheim. Ich mag auch sehr die Erzählungen von Marie Luise Kaschnitz oder die Russen wie Bulgakow oder Paustowskij. Aber ich lese auch aktuelle Literatur. Gerade habe ich mit Vergnügen das neue Buch «Der weisse Hirsch» von Hedi Wyss gelesen.

Hinweis

Samstag, 23. September, 20 Uhr, Kleintheater Luzern: 50 Jahre «Totemügerli»

Sonntag, 24. September, 11 Uhr, Kleintheater Luzern: Es war einmal ein Igel – Gedichte und Geschichten für Kinder.

www. kleintheater.ch


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