«Shakespeare der Musik» in der Klosterkirche St. Urban

ENSEMBLE CORUND ⋅ Das Ensemble Corund verband in der Klosterkirche St. Urban zwei Werke von Monteverdi. Dies gelang dank einem quasi liturgischen Rahmen besonders eindrücklich.
20. Juni 2017, 04:39

Runde Geburtstage werden gerne dazu benutzt, um noch weniger bekannte oder gar vergessene Komponisten neu aufleben zu lassen. Oder sie werden zum Anlass genommen, grosse, anerkannte Meister zu feiern, eben weil sie gross und berühmt sind.

Letzteres ist bei Monteverdi der Fall. Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre dies völlig undenkbar gewesen, war doch der italienische Barockmeister einem grösseren Publikum kaum ein Begriff. Spätestens seit dem legendären Monteverdi-Zyklus des Zürcher Opernhauses unter Harnoncourt, der die Monteverdi-Renaissance einleitete, hat sich dies gründlich geändert. Ja, vor wenigen Jahren schrieb ein Kritiker gar etwas abschätzig, Monteverdi sei schon Mode geworden.

Mode oder nicht Mode, heute gehört Monteverdi, dieser «Shakespeare der Musik», wie er mit vollem Recht bezeichnet wird, ganz einfach zum Standard-Repertoire. Wobei eine Monteverdi-Aufführung auch heute noch eine grosse Herausforderung sowohl an die Ausführenden wie an den Hörer ist. Und dabei auch Probleme an die Aufführungspraxis stellt, die immer wieder neu gelöst werden müssen. So besteht auch kaum die Gefahr der Routine, wenn in diesem Jahr, aus Anlass des 450. Geburtsjahrs, auch in Luzern sich die Monteverdi-Aufführungen häufen, und zwar sowohl in lokalem als auch in internationalem Rahmen.

Zwischen Tradition und Revolution

Geradezu geballt war die Luzerner Monteverdi-Ehrung am letzten Wochenende, nachdem bereits das Luzerner Theater mit der «Marienvesper» vorgespurt hatte. Das Lucerne Festival folgt demnächst mit der Trias der drei grossen Opern Monteverdis unter der Leitung des Monteverdi-Kenners Sir John Gardiner.

Bereits am Freitag hatte das aus Sängern aus dem Umfeld der Schola Cantorum gebildete Ensemble Voces Suaves in der Mat­thäuskirche Luzern mit einer Auswahl von Liebes-Madrigalen aus den acht Madrigalbüchern eindrücklich hörbar gemacht, wie sehr sich in der Umbruchszeit zwischen Renaissance und Frühbarock die Musiksprache Monteverdis radikal gewandelt hat.

Stephen Smith ging mit seinem Ensemble Corund einen ­etwas anderen Weg, indem er einem Werk der Frühzeit mit purer Kontrapunktik (die «Missa in illo tempore») ein solches gegenüberstellte, das dem Wort, dem Gefühl und der Melodie stärkeren Ausdruck verleiht.

«Gegenüberstellt» ist vielleicht zu viel gesagt – der Leiter fügte das «Magnificat a 6 voci» ohne Zäsur an die sechsstimmige «Missa in illo tempore», die sich an eine rund 50 Jahre früher entstandene Motette von Nicolas Gombert anlehnt. Zudem stellte er die beiden Kompositionen quasi in einen liturgischen Rahmen, indem er ähnlich wie seinerzeit bei einer früheren Luzerner Fassung von geistlichen Monteverdi-Werken die Messe mit gregorianischen Antiphonen ergänzte.

Das war umso berechtigter, als die Aufführung in einer Kirche stattfand, am Samstag in der Matthäuskirche und am Sonntag in der prachtvoll barockisierten ehemaligen Klosterkirche und heutigen Pfarrkirche St. Urban (wir besuchten die Aufführung hier).

Während Stephen Smith diskret an der Seite die komplexe Metrik der Messe taktierte, füllten die vier Frauen und acht Männer des Ensembles Corund, ­gestützt vom Orgelpositiv (Eva Hagberg), von Beginn mit einem vollen, runden, unablässig fliessenden Klang ohne Vibrato den halligen Raum. Dynamisch ergaben sich kaum Veränderungen, umso geheimnisvoller erklangen die wenigen Pianostellen wie im «Incarnatus est».

Gefühl und Melodie stärker

Während bei der Messe die Frauen und Männer gleichmässig verteilt waren, rückten die vier Frauen beim Magnificat gemeinsam auf die linke Seite zu zwei Männern, während sechs Männer die andere Hälfte bildeten. So wurde dem Umstand Rechnung getragen, dass gerade die hohen Stimmen besonders zum Zug kamen. Sie vermochten sich virtuos zu steigern, wobei der Raum ganz unscheinbar auch für Echo-Wirkungen genutzt wurde.

Ins Zentrum rückten auch der nun wirklich dirigierende Stephen Smith und die Orgel, die verstärkt konzertant gefordert war und auch die Ritornelle zwischen den Chorgesängen ausführte. Auch wenn man sich den Spannungsbogen von der streng kontrapunktischen Messe zum moderneren «Magnificat» noch stärker vorstellen könnte, kam der freiere, weniger gebundene Stil der «seconda pratica» doch angemessen zum Ausdruck. Das Publikum zeigte sich beeindruckt und überschüttete die Ausführenden mit grossem Beifall. Das Ensemble Corund nahm die Aufführung auch auf CD auf.

 

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

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