Sie alle träumen von der Emigration

KINO ⋅ Moritz Bleibtreu spielt in «Es war einmal in Deutschland» einen jüdischen Kaufmann, der nach ­ dem Krieg mit viel Witz zu überleben versucht. An seiner Seite: Joel Basman und Anatole Taubman.
14. Juni 2017, 04:39

Wer während eines Krieges Gräueltaten erlebt und überlebt, wird danach wohl so schnell wie möglich das Land verlassen wollen. Ein Leben umgeben von einstigen Feinden scheint schliesslich unvorstellbar. Dennoch klappt es mit dem Auswandern nicht immer wie erhofft – wie jetzt das Drama «Es war einmal in Deutschland» zeigt.

Der Film erzählt von einem eher unbekannten Kapitel der deutschen Geschichte: Von Juden, die nach dem Holocaust erst einmal ausreichend Geld verdienen müssen, um sich einen Neustart im Ausland zu ermöglichen. Moritz Bleibtreu spielt David Bermann, der in Frankfurt am Main in einem von der US-Armee errichteten Lager lebt. Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte ihm und seinen beiden Brüdern ein florierendes Wäschegeschäft. Nun ist er der einzige Überlebende seiner Familie und will sich eine neue Existenz aufbauen.

Zusammen mit anderen jüdischen Überlebenden, die alle von der Emigration träumen, beginnt der Geschäftsmann erneut einen Wäschehandel: Mit dem Auto fahren die Männer – unter ihnen Anatole Taubman und Joel Basman – von Haus zu Haus und versuchen, den Frauen Bettlaken, Tischdecken und Frotteehand­tücher («Alles feinste Ware aus Paris!») zu verkaufen.

Dabei nehmen sie es mit der Wahrheit nicht immer so genau: Mal täuschen sie angeblich unschlagbare Rabatte vor, mal behaupten sie bei einer Witwe, der kürzlich gestorbene Ehemann habe die Wäsche zuvor noch bestellt.

Aufatmen hier, ­ verdrängen da

Der in Bayern geborene Regisseur Sam Garbarski, der mit Filmen wie «Vertraute Fremde» und «Irina Palm» bekannt wurde, entwirft in seinem Drama ein Kaleidoskop deutscher Nachkriegsstimmungen: Wenn die Männer durch die zerstörte Stadt fahren, fängt er Bilder von Trümmerfrauen und Schwarzmarkthändlern ein. Er macht auch deutlich, wie die Deutschen nach Kriegsende aufatmen und neugewonnene Freiheiten geniessen – während die jüdischen Holocaustüberlebenden die erlebten Schrecken zu verdrängen versuchen. Es ist ein spannender Einblick in das Leben einer gespaltenen Gesellschaft. Fast beiläufig fragt der Regisseur dabei, ob man als Opfer überhaupt in einem Land leben kann, wo potenziell jeder Mitschuld auf sich geladen hat. Seine Protagonisten, allen voran Bermann, widersetzen sich der Opferrolle dabei auch mit Hilfe des typisch jüdischen Humors. So gelingt Garbarski eine spannende Balance zwischen Tragik und Komik.

Dennoch geht seine Herangehensweise nicht wirklich auf. Zum einen wirkt die Inszenierung zu glatt, strahlen seine von fröhlicher Musik unterlegten Bilder trotz aller Trostlosigkeit ein bisschen zu sehr in warmen Farben und dem Sonnenlicht.

Auch die Figuren bleiben etwas stereotyp und schablonenhaft: Der Regisseur ermöglicht den Charakteren kaum eine Entwicklung und erzählt seine Geschichte zu oberflächlich. Weil diese Aussenseitergruppe aber so sympathisch daherkommt, schaut man ihren Erlebnissen letztlich doch gerne zu und fühlt sich über 100 Minuten auch gut unterhalten.

Bewertung: 2 von 5 Punkten

Aliki Nassoufis, DPA

kultur@luzernerzeitung.ch

Video: Es war einmal in Deutschland - Trailer

Familiensaga von Sam Garbarski. Kinostart: Donnerstag, 15. Juni 2017. (youtube.com, 10.02.2017)




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