Das Lucerne Festival Orchestra trifft auf ein enthusiastisches Publikum

ASIEN-TOURNEE ⋅ Lange Fan-Schlangen und begeisterter Applaus für Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra: Ihre Tournee nach Asien bringt aus Japan auch Inspirationen für künftige Erlebnistage in Luzern mit.
11. Oktober 2017, 21:38

Urs Mattenberger, Tokio

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Wenn Konzertbesucher im KKL dem Dirigenten gratulieren, findet das im Backstagebereich quasi hinter verschlossenen Türen statt. Undenkbar, dass sich eine Warteschlange durch den Seitengang am Parkett vorbei ins Foyer und weiter hinaus auf den Europaplatz zieht.

Genau solche Warteschlangen hat man aber nach den Konzerten erlebt, mit denen das Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly in den letzten Tagen grosse Konzertsäle in Tokio, Kawasaki und Kioto bespielte. Kam hinzu, dass die zurückhaltenden Japaner die Auftritte frenetisch feierten und Riccardo Chailly nochmals auf die Bühne klatschten, als das Orchester ­diese längst verlassen hatte. Das kennt man in Luzern nur aus der Zeit, als Abbado das Festival-­Orchester leitete. Und es war ein Zeichen dafür, dass der Wechsel zu Chailly auch im Ausland erfolgreich vollzogen wurde.

Werbung für die Schweiz als Kulturnation

Das ist aus Luzerner Sicht um so wichtiger, als das Orchester über seine künstlerische Bedeutung hinaus eine wichtige Rolle in der neuen Strategie spielt, mit der sich unser Land und Luzern in ­Japan vermarkten will. Neben den landschaftlichen Schönheiten sollen dabei zunehmend kulturelle Leistungen in den Fokus gerückt werden, wie Fabien Clerc als Leiter von Schweiz Tourismus Japan an einem Anlass im Umfeld dieser Tournee erklärte. Imagefilme in den Konzertsaal-Foyers zeigten denn auch neben Kapellbrücke oder Vierwaldstättersee Aktivitäten des Lucerne Festival im KKL Luzern.

Mit dessen Traumlage am See können die japanischen Säle nicht konkurrieren. Der bekannteste, die Suntory Hall in Tokio, ist unsichtbar in einen Hochhauskomplex integriert, in Kioto liegt er in einem Hinterhof der Millionenstadt zwischen Strassen und einer Grossgärtnerei. Allerdings bestätigen ihre Qualitäten den Enthusiasmus der Japaner für klassische Musik. So hörte man die beiden Programme, die modi­fiziert in Luzern zu hören waren, mit anderen Akzenten. Am weitesten entfernt von der klaren Akustik im KKL ist die weit ausladende Suntory-Hall. Deren eher zentrale, an die Berliner Philharmonie angelehnte Bühnenanlage fördert einen Breitwandsound, der den Orchesterklang vergrössert und Strawinskys «Sacre» zu unglaublicher Kraft und Wucht verhalf.

Spannende Beethoven-Premiere

Das brachte zwar den «warmen, mitteleuropäisch geprägten Klang» zur Geltung, mit dem Chailly das Orchester an einer Medienkonferenz charakterisierte. Aber er bot erschwerte Bedingungen für die auf dieser Asien-Tournee erstmals gespielte achte Sinfonie von Beethoven: Chaillys Ansatz, Beethoven in Grossbe­setzung nach dessen schnellen ­Metronomangaben zu realisieren, führte hier zu Unschärfen, empfahl sich aber für den angedachten Beethoven-Zyklus mit diesem Orchester im KKL.

Dessen Akustik näher standen die Säle in Kawasaki und ­Kioto. Hier zeigte sich im Programm mit Tondichtungen von Richard Strauss, wie dieses temporäre ­Orchester auf Tournee weiter ­zusammenwachsen kann: Mit grossorchestral ausgewei­teter Kammermusik in «Also sprach Zarathustra», magischen Übergängen in «Tod und Verklärung» und improvisatorisch freien solistischen Glanzlichtern in «Till Eulenspiegels lustigen Streichen».

Der lebhafte Sonderapplaus für die Solisten bewies, dass das japanische Publikum diese zum Teil auch von Konzerten mit anderen Orchestern kennt. Aber er galt nicht nur Stars wie dem Trompeter Reinhold Friedrich, sondern zu Recht auch dem Hornisten Ivo Gass – neben der Geigerin Isabelle Briner und dem Hornisten Florian Abächerli einer der drei mitreisenden Musiker aus der Innerschweiz.

Der solistische Glanz, den das prominent zusammengesetzte Ad-hoc-Orchester noch immer hat, und das langjährige Renommee von Chailly, der seit 30 Jahren in Japan auftritt, erwies sich damit als Win-win-Konstellation. Chailly hat denn auch dieses Orchester gewählt, um seine Jubiläums-CD bei Decca einzuspielen. Da erscheint nach dem Strawin­sky-Programm in diesem Herbst nächstes Jahr auch das Strauss-Programm mit dem Lucerne Festival Orchestra.

Woher kommt das junge Klassik-Publikum?

Der Enthusiasmus des japanischen Publikums legt es nahe, dass bei künftigen Tournee-Plänen Japan nicht erst wieder in elf Jahren berücksichtigt wird, wie Intendant Michael Haefliger und Chailly betonen. So lange liegt die Japan-Reise des Orchesters unter Abbado zurück. Das mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass die Konzerte in Japan nicht ausverkauft waren. Dass der Vorverkauf für die anstehenden Konzerte in Seoul und Peking besser lief, hängt aber auch mit der wirtschaftlich schwierigen Lage im Inselstaat zusammen, wie der japanische Konzertveranstalter Masa Kajimoto erklärt.

Er nennt auch einen Grund, ­wieso das japanische Klassik-­Publikum derart gut durchmischt und deutlich jünger ist als hierzu­lande. Kajimoto verweist auf die Aufbauarbeit, die er nach dem Vorbild des «La Folle Journée»-Festivals leistet, das 1995 in Nantes gegründet wurde. Dessen Konzept übertrug Kajimoto 2005 nach Tokio und später in andere Städte Japans. Namhafte Künstler sind da bereit, zu tiefen Gagen in einem Festival mitzuwirken, das mit einer Vielfalt von einstündigen Konzerten zu Tiefstpreisen ein breites und eben auch jugendliches und ganz junges Publikum anspricht. Das Festival in Tokio zählte seit 2005 knapp sieben Millionen Besucher.

Das Beispiel zeigt, dass Tourneen keine Einbahnstrassen sein müssen. Sieht man sich die thematisch attraktiv aufbereiteten Festivalprogramme an, wo etwa eine Zigeunerband als Vorgruppe zu Bartók auftrat, kann man ­ sich davon jede Menge Inspiration für künftige Erlebnistage des Lucerne Festival versprechen.


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