Nachgefragt

«Spiritualität mit dem weltlichen Leben verbinden»

21. Mai 2017, 04:38

Nach dem Händel-Chor (jüngst mit Dvorák und Gershwin) führt auch der andere traditionelle ­Luzerner Grosschor, der Konzertchor Klangwerk Luzern, ein Programm auf, das über klassisches Kernrepertoire hinausgeht: Moana N. Labbate dirigiert den Chor und das Orchester Santa Maria in Francis Poulencs «Gloria» und Luis Bacalovs Tango-Messe.

Moana N. Labbate, Gross­chöre sind aus einer romantischen Tradition heraus entstanden. Zeigen die Ausflüge in andere Stile, dass man das angestammte Repertoire heute ausweiten muss, um einen Konzertsaal zu füllen?

Moana N. Labbate: Nein, mit der Tango-Messe sprechen wir wohl auch ein etwas anderes Publikum an, aber Luis Bacalovs «Misa Tango» ist als Werk kaum bekannter als Mendelssohns «Elias», den wir vor einem Jahr gemacht haben. Wir alternieren bewusst seit ein paar Jahren zwischen klassischem Chorrepertoire und modernen populären Werken. Diese Vielfalt bringt auch der vor gut einem Jahr gewählte Name Konzertchor Klangwerk Luzern zum Ausdruck.

Poulencs «Gloria» und eine Tango-Messe haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Wieso diese Kombination?

Beide Werke interpretieren eine religiöse Tradition neu, sie verbinden Spiritualität quasi mit dem weltlichen Leben, aber aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen. An Poulencs «Gloria» faszinieren mich schon lange die originelle Rhythmik und die farbigen Harmonien, die mal ins Jazzige gehen, mal orientalisch klingen. Das «Gloria» ist zwar sehr gross besetzt, dauert aber nur knapp eine halbe Stunde. Bacalovs Tango-Messe hat fast die gleiche Orchesterbesetzung. Die Kombination liegt also nahe und ist zugleich kontrastreich.

Und welchen Bezug haben Sie zum argentinischen Tango?

Ich liebe Tangomusik, weil sie pure Emotion ausdrückt – aber ich tanze selber leider nicht. Traurigkeit und Leidenschaft, aber auch Freude und Vitalität finden beim Tango einen ungefilterten Ausdruck, der bei klassischer Musik zuerst den richtigen Kanal finden muss. Das Bandoneon, aber auch die Stimmen, ob als Solo oder im Chor, haben etwas tief Menschliches. Vielleicht klingt da etwas an meine mediterranen Wurzeln an.

Dass in einem geistlichen Programm auf der Bühne Tango getanzt wird, ist doch eine Seltenheit. Wie ist das Tangopaar Nicole y Luis ins Konzertprogramm integriert?

Ich wollte unbedingt noch echten Tango ins Konzert einbinden, um die sinnliche Quelle der Tango-Messe zu erleben. Da mussten einfach Piazzolla und ein Tanzpaar ins Chorkonzert integriert werden. Wer nach der «Misa Tango» Lust zum Tanzen hat, bekommt dazu nach dem Konzert Gelegenheit. Die Bar im Foyer wird noch zwei Stunden offen sein, damit man bei Tangomusik (vom DJ) etwas trinken oder tanzen kann.

Von den laufenden Spardebatten ist auch die Kultur betroffen. Spüren auch Laienchöre den finanziellen Druck?

Ja, sehr stark, das höre ich von all meinen Kollegen. Einerseits fordern die Erwartungen an die Qualität eines Laienchors professionelle Chorarbeit. Andererseits fehlen die finanziellen Mittel dafür, weil man Mitgliederbeiträge und die Preise für Konzertkarten nicht beliebig anheben kann. Das grosse Angebot an Konzerten und kommerziellen Events macht es zudem immer schwieriger, auf ein Stammpublikum zu zählen. Aus meiner Sicht wird der nachhaltige gesellschaftliche und kulturelle Wert der Musikvereine zu wenig anerkannt und unterstützt.

(mat)

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