Céline Dion – Stimmgewaltige Priesterin mit Rededrang

BERN ⋅ Mit ihrem sympathischen Auftritt in Bern sang sich die kanadische Diva Céline Dion am Samstagabend in die Herzen ihrer Fans. Und sie verriet bei dieser Gelegenheit auch, warum sie gerne so viel redet.
17. Juli 2017, 07:43

Stefanie Christ

kultur@luzernerzeitung.ch

Céline Dion konnte es gar nicht erwarten, im Berner Stade de Suisse aufzutreten. Vier Minuten vor offiziellem Konzertbeginn ihrer «Live 2017»-Tour steht die 49-jährige Kanadierin bereits auf der Bühne. Völlig unaufgeregt in schwarzen Hosen und einem silbernen Glitzerblazer, ganz ohne Bühnenshow-Schnickschnack.

Da weiss eine: Wer zu den erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten gehört, vermag die Fans schon mit dem blossen Erscheinen zu begeistern. Natürlich ist es zuträglich, wenn man noch über eine Portion Showtalent verfügt. Und das wurde Dion wortwörtlich in die Wiege gelegt: «Ich bin eines von 14 Kindern, da kam ich nie viel zu Wort. Darum rede ich heute so gern und viel», erklärt sie auf Französisch, während die untergehende Abendsonne über dem Stadion mit den kitschig-schönen Balladen konkurriert.

Hit um Hit – und fast sakrale Atmosphäre

Dann hört sie auf zu reden, stimmt den ersten Song an und haut den Zuschauerinnen und Zuschauer die Töne so kraftvoll und laut um die Ohren, dass die Geister vergangener Stade-de-Suisse-Rockkonzerte geduckt von dannen ziehen. «I’m Alive», «It’s All Coming Back to Me Now», «All By Myself» – Dion reiht Hit an Hit, die 24000 Fans singen mit, klatschen, schunkeln und erheben sich immer wieder von den Sitzen. Und sie verstummen, wenn ihr Idol erneut dem zuweilen ausufernden Rededrang nachgibt. Dann herrscht eine fast sakrale Atmosphäre. Dion spricht über Ängste und Schwächen, über Hoffnung und die Kraft der Liebe.

Wie eine Hohepriesterin sieht Dion aus, als sie sich nach einem Kostümwechsel und einer erotischen Tanzeinlage im Ganzkörperstrumpf einen opulenten Umgang über die Schultern legt. Da braucht es nur noch «Pour que tu m’aimes encore», und Tausende Feuerzeuge werden gezückt (keine Smartphones: Dion-Fans sind eben noch alte Schule!). Es ist ein Gänsehautmoment unter vielen.

Pathetisch? Mais oui! Aber trotzdem wirkt vieles überraschend authentisch. Vor allem Dion, die an diesem Abend keine millionenschwere Unternehmerin ist, sondern in erster Linie eine gut gelaunte, sympathische Frau, die den Technikern dankt, die Geschenke einsammelt, die Fans in den Bühnengraben werfen, die sich für die verstärkten Sicherheitsmassnahmen beim Einlass entschuldigt – und am Ende sogar durch die Menge schreitet! Und die, wenn sie über ihren verstorbenen Mann und Manager René Angélil spricht, in Tränen ausbricht.

Covers wirken wie Fremdkörper

Bei über 20 dargebotenen Songs vermag Dion zwar die Stimme, nicht aber die Stimmung konstant zu halten. Beim Neunzigertitel «Refuse to Dance» holt sich der eine oder andere ein Bier (ja, das fliesst auch am Dion-Konzert). Covers, etwa Michael Jacksons «Black or White» inklusive Griff in den Schritt, wirken wie Fremdkörper.

Dion ist immer dann am stärksten, wenn sie singt, was ihre Fans am meisten lieben: Powerballaden. Vor allem eine: «My Heart Will Go On». Der Welthit aus dem Film «Titanic» verfehlt seine Wirkung auch 20 Jahre nach seiner Entstehung nicht. Alle stehen. Alle singen. Alle stehen im Geist am Bug eines Kreuzfahrtschiffs und rufen: «Ich bin der König der Welt!» Sie sind es nicht. Aber Dion ist unbestritten die Königin dieser Nacht.

Video: Céline Dion - It's All Coming Back To Me Now

Dion ist mit über 230 Millionen verkauften Tonträgern eine der erfolgreichsten Popsängerinnen weltweit. 1988 gewann sie für die Schweiz den Eurovision Song Contest, zu einer Zeit also, in der sie in Kanada und Frankreich bereits eine berühmte Sängerin war. 1994 heiratete sie René Angélil, der am 14. Januar 2016 im Alter von 73 Jahren an Krebs gestorben ist. (youtube.com, 15.01.2016)

Video: My Heart Will Go On – Céline Dion

Oft gehört, nie vergessen – der Soundtrack zu James Camerons Kassenschlager «Titanic», komponiert von James Horner. Horner stürzte am Montag, 22. Juni 2015 mit seinem Kleinflugzeug ab und kam dabei ums Leben. (youtube.com, 23.06.2015)




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