Tanz der Kannibalen

SKANDALFILM ⋅ Starregisseur Darren Aronofsky («Black Swan») inszeniert mit Hollywoodstars einen ­enttäuschenden Horrorfilm über einen diabolischen Dichter und seine schwangere Frau. Altmeister Roman Polanski lässt grüssen.
15. September 2017, 08:04

Daniel Kothenschulte

 

Man kann Darren Aronofsky ­lieben oder hassen, mit einem abwägenden Dazwischen wäre Hollywoods notorischster Bilderstürmer wohl selber kaum zufrieden. So wie es in seinem surrealen ­Beziehungs- und Künstlerdrama «mother!» zwar von Details ­wimmelt wie in einem Bosch-Gemälde – aber nicht gerade von ­Zwischentönen. Entsprechend viel Augenfutter bietet er damit Freund und Feind; Venedig, wo dieser Film Weltpremiere feierte, konnte sich freuen: Andere Festivals lassen nach der Mitte ihre halbzahmen Skandalkätzchen aus dem Sack. Hier aber kommt ein echter Knüppel aus dem Sack gesprungen, selten hörte man am Ende einer Pressevorführung so viele Buhs und Bravos.

Leicht hat man schon zu viel verraten, denn die erzählerische Substanz passt in vier Zeilen, von denen die letzte schon die Pointe wäre, die in keine Filmkritik ­gehört. Es ist die alte Geschichte von ungebetenen Gästen in einem einsamen Haus, ver­bunden mit jener vom Dichter mit der Schreibblockade. Dazu kommt das bekannte Thema von der jungen Muse, die ihn abgöttisch liebt und einem gemeinsamen Kind entgegenfiebert – und als dann die erhoffte Schwangerschaft eintritt, alle Zeichen ignoriert, dass es dabei mit dem Teufel persönlich zugehen könnte. Über jedes dieser Themen hat Roman Polanski mindestens ­einen Film gedreht, Aronofsky rührt sie nun alle zusammen, und dass wir bis zum Ende zuschauen, hat dann doch mit seinem eigenen Stil zu tun, seiner hier sehr barock aufgetragenen Idee von magischem Realismus.

Michelle Pfeiffer klingelt an der Tür

Jennifer Lawrence (die übrigens mit Regisseur Aronofsky liiert ist) und Javier Bardem spielen das ungleiche Paar, das sich im ehemaligen Familiensitz des gefeierten Dichters einnistet. Die Arbeit ist schnell verteilt: Er schreibt nichts, sie streicht und repariert derweil das Haus. Den Enthusias­mus dieser Hausfrau im wahrsten Wortsinn kann man derweil nur bewundern, auch wenn die Anstrengung Lawrence’ Stirn in sattsam bekannte Falten wirft: Man muss schon die «Hunger Games» überlebt haben, um dieser Bruchbude zu trotzen. Ebenso gut hätte man in die Psychokulisse im Universal-Studio-Park einziehen können. Doch bevor noch die Dielen zu leben beginnen, was sie natürlich tun werden, klingeln ausgerechnet Michelle Pfeiffer und Ed Harris an der Tür, um die Gastfreundschaft der beiden auszutesten. Das Ehepaar outet sich als Fans, was dem eitlen Schreiber gut gefällt. Und als kurz darauf noch ihre asozialen Söhne eintrudeln, von denen der eine den anderen grusslos über das Erbe des todkranken Vaters totschlägt, ist der Dichter aus dem Häuschen: Dies sei doch das wahre Leben, freut er sich und badet förmlich in der Inspiration. Nachdem eine ähnlich ungesittete Trauergesellschaft das Haus verwüstet hat, meldet sich seine verlorene Potenz zurück: erst in der Hose, dann auf dem Papier.

Fanatische Fans fallen über Ehepaar her

Ebenso irreal ist die kurze Idylle, in die Aronofsky schwenkt. Die Tinte ist kaum getrocknet, da ist der neue Gedichtband schon ein Bestseller. Parallel dazu wächst bei seiner Partnerin der Mutterbauch. Und während wir uns noch fragen, wie es wirklich möglich sein kann, heute noch eine Frauenfigur zu entwerfen, die ­allein durch die Bewunderung für ihren Mann und ihren Kinderwunsch definiert ist, geht ihr Martyrium von vorne los. Nun ist es die fanatisierte Leserschaft, die wie eine biblische Plage über das Haus und seine Bewohner einbricht. Das Ganze könnte man durchaus lustig finden – ganz ernst gemeint kann es jedenfalls hoffentlich nicht sein. Man wähnt sich in Polanskis «Tanz der Vampire» – nur, dass dem Dichter selbst diese ins Kannibalische umschlagende Verehrung noch gefällt. Ist diese Apokalypse nur eine innere Vision einer psychisch Kranken wie in Polanskis «Ekel»? Oder fügen sich die okkulten Zeichen zu einem zweiten «Rosemaries Baby»? Der eigentliche Kannibale ist derweil der Regisseur, der diese feinsinnigen Klassiker mit allem Blockbuster-Aufwand förmlich zermalmt.

Hinweis

«Mother!» läuft im Bourbaki (Luzern), Maxx (Emmen), Cinema 8 (Schöftland) und Gotthard (Zug).


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