Terror und Versöhnung

LITERATUR ⋅ Mit seinem Roman-Epos «Patria» hat der Baske Fernando Aramburu den ultimativen Roman über die 50 Jahre währende Schreckensherrschaft der ETA geschrieben.
13. Januar 2018, 10:07

Peter Henning

Im November 2011 erklärte die «Euskadi Ta Askatasuna», kurz ETA genannt, ihren mehr als fünf Jahrzehnte währenden Unabhängigkeitskampf für beendet. 4000 Anschläge mit 864 Todesopfern gingen auf das Konto der 1959 als Widerstandsbewegung gegen die Franco-Diktatur gegründeten Separatistengruppe, die bis zuletzt mit Waffengewalt für ein freies Baskenland gekämpft hatte.

Sieben Jahre sind seither vergangen. Doch die Nachwehen des ganz Spanien jahrzehntelang mit immer neuen Terroraktionen in Atem haltenden baskischen Befreiungskampfes sind bis heute spürbar – auch in der Literatur. So veröffentlichte der baskische Lyriker Bernardo Atxaga 2006 seinen Roman «Der Sohn des Akkordeonspielers», in welchem er das Tabuthema des Verrats in der ETA erzählerisch aufgriff. Und das jahrelang inhaftierte Ex-ETA-Mitglied Joseba Sarrionandia machte 2007 das Schicksal baskischer Flüchtlinge zum Thema seines Romans.

Freunde werden zu politischen Feinden

Den bis dato ultimativen Roman über die ETA aber hat 2016 der seit mehr als dreissig Jahren in Hannover lebende Baske Fernando Aramburu vorgelegt. Jetzt ist sein in Spanien viel beachtetes 760-Seiten-Epos «Patria» auf Deutsch erschienen. Und man darf von einem erzählerischen Wurf sprechen. Denn der 1959 in San Sebastián geborene Aramburu verwebt darin die raumgreifende Chronik zweier, jahrzehntelang eng miteinander befreundeter baskischer Familien. Sie werden schlagartig zu erbitterten politischen Widersachern, als Txato, der eine Fabrik unweit von San Sebastián betreibt, Opfer eines ETA-Anschlags wird – und Bittori, seine Witwe glaubt, in Miren und ihrem Mann Joxian Sympathisanten der Separatisten auszumachen. Zwanzig Jahre später hat sie – unrettbar an Krebs erkrankt – nur noch den einen Wunsch: Sie will wissen, wer für den Tod ihres Mannes verantwortlich ist. Denn als Joxe Mari, Mirens Sohn, sich der ETA anschliesst und gefasst wird, hält Bittori ihn, der am Tag des Anschlags in der Nähe gesehen wurde, für den Mörder ihres Mannes. Jahrzehnte lang meiden sich die einst eng befreundeten Familien – denn die durch ihre Köpfe verlaufenden ideologischen Grenzlinien haben sich zu unüberbrückbaren Gräben geweitet. Irgendwann aber bringt Mirens nach einem Schlaganfall gelähmte Tochter Arantxa ihren Vater Joxian dazu, hinter dem Rücken ihrer Mutter wieder Kontakt mit Bittori aufzunehmen. Denn genau darum geht es in Fernando Aramburus Roman, der eng entlang der Lebenswirklichkeit seiner von Krankheiten, Schicksalsschlägen und den blutigen Folgen des Unabhängigkeitskampfes gezeichneten Figuren erzählt: Um die Frage, ob eine Aussöhnung mit denen möglich ist, die einst ihre Urheber waren.

Schmerzvolle Suche nach Antworten

So liefert «Patria» das Gemälde nach der Schlacht. Es zeigt vom Krieg Versehrte und spürt ihren zerplatzten Träumen nach, indem es auch die Frage stellt, was Heimat ist – und wie man eine solche definiert. Doch Aramburus Roman ist mehr als nur die erschütternde Chronik gemachter Verluste, nämlich ein Buch über Familienbanden, Freundschaft, Misstrauen und Entzweiung. «Ich war ein baskischer Junge wie viele andere, die der Propaganda des Terrorismus und der auf ihr basierenden Doktrin ausgesetzt waren», lässt Aramburu zuletzt einen im Buch auftretenden Schriftsteller für sich und die Motivationen, dieses Buch zu schreiben, sprechen. «Und so begann ich, gegen Verbrechen zu schreiben, die eine politische Rechtfertigung suchen im Namen eines Vaterlands, in dem eine Handvoll Bewaffnete mit der schändlichen Hilfe eines Teils der Gesellschaft entscheidet, wer zu diesem Vaterland gehört und wer es zu verlassen hat ... Ich wollte Antworten auf konkrete Fragen finden.»

Von der oft schmerzvollen Suche nach diesen Antworten und den steinigen Wegen, die seine versehrten Figuren dabei gehen müssen, erzählt Fernando Aramburus fabelhafter Roman.

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