Theater im ganz weiten Sinne

ZÜRCHER THEATERSPEKTAKEL ⋅ Für das Zürcher Theaterspektakel ist Sandro Lunin einmal mehr um die Welt gereist. Das Ergebnis: Vorstellungen aus Ungarn, Ägypten Burkina Faso, die sich sehen lassen können.
11. August 2017, 05:00

Valeria Heintges

Ein Rom wird erstochen. Der Täter ein Rechtsextremer. Klarer Fall, oder? Doch der Mörder ist selbst ein Rom, einer allerdings, der seine Identität immer verleugnet hat. Das Leben erzählt nur selten Geradeaus-Geschichten, das weiss auch der ungarische Regisseur Kornel Mundruczó, dessen Theaterstücke um die Welt touren, dessen Filme Preise gewinnen, der am Zürcher Schiffbau «Hotel Lucky Hole» inszenierte, ein bild- und auch sonst gewaltiges Epos, und dessen «Imitation of Life» am Zürcher Theaterspektakel zu sehen sein wird. Wie könnte es wirklich gewesen sein, fragt sich Mundruczó. Vielleicht starb die Mutter des späteren Täters, als ihr der Schuldenbeamte auf die Pelle rückt. Vielleicht kehrte der Sohn in die Wohnung zurück, als längst jemand anders dort wohnt. Vielleicht war es so. Sicher ist nur: Die Welt steht auf dem Kopf, auch in Ungarn, aber nicht nur dort.

Der Ägypter Wael Shawky ist ebenfalls ein Spezialist für das Auf-den-Kopf-Stellen eingefahrener Weltsichten. Er nimmt sich berühmte europäische Mythen – und zeigt sie aus arabischer Perspektive. Seine Video-Trilogie «The Cabaret Crusades» zeigt die arabische Sicht auf die Kreuzzüge, der Theaterabend «The Song of Roland: The Arabic Version» macht er das Gleiche mit dem französischen Nationalmythos. Karl der Grosse befreit Südeuropa von den islamischen Sarazenen, sagen die Franzosen. Der 46-jährige Shawky lässt das Rolandslied von 20 Fidjeri-Sängern vortragen, auf einer Bühne, gestaltet nach alten Karten von Aleppo, Istanbul und Bagdad, den alten und den neuen Krisenherden in Nahost. Die Fidjeri-Gesänge der arabischen Perlentaucher entstanden vor 800 Jahren, ihr Gewerbe hat die moderne Ölindustrie mittlerweile zerstört. Nein, Shawky bleibt nicht in der Vergangenheit stecken.

40 Künstlergruppen auf acht Bühnen

Mundruczó und Shawky sind nur zwei der rund 40 Künstlergruppen, die sich von 17. August bis 3. September auf der Landiwiese am Zürichsee treffen. 18 Tage lang wird auf acht Bühnen Theater gezeigt, im ganz weiten Sinne, denn das Festival umfasst die Seebühne mit Tanzstücken oder Konzerten, es umfasst die Zentralbühne mit ihren gratis zugänglichen Veranstaltungen, es umfasst auch die Künstler, die über das Festivalgelände ziehen. Es umfasst schwerer zugängliche Inszenierungen wie die des Schweizers Tim Zulauf, aber auch Kinderstücke wie «Ritalina» der drei Theatermenschen Ernestyna Orlowska, Sivan Perlstein und Sebastian Kläy, die sich aus eigener Erfahrung mit der Krankheit ADHS auseinandersetzen. Und es umfasst Mischwesen wie «Tristesses» der Belgierin Anne-Cécile Vandalem und ihrer «Das Fräulein (Kompanie)», die Film und Schauspiel mischt, um von sieben bizarren Inselbewohnern zu erzählen, die rechtsradikalen Ideen anheimfallen.

Manche Werke, die auf der Landi­wiese gezeigt werden, touren um die ganze Welt, wie das von Salia Sanou aus Burkina Faso choreografierte Werk «Du désir d?horizons», das durch Europa reiste, aber auch in China, Brasilien und Ougadougou zu sehen ist, und das auf stille, nachhaltige Art das Warten der Flüchtlinge auf die Überfahrt, die Reise, die Papiere verbindet mit der Hoffnung, die deren Schicksal nur erträglich macht. Andere feiern in Zürich ihre Premiere, etwa die Schweizer Tänzerin Eugénie Rebetez, die ihre dritte Arbeit «Bienvenue» zeigt. Im Stück versucht sie, vor allem sich selbst willkommen zu heissen. Doch egal, was sie tut, wie sehr sie auch ihren Wortschatz ausbaut, ihre sozialen Kompetenzen erweitert, nach geeigneten Ausdrucksmitteln sucht – sie stösst immer wieder an ihre eigenen Grenzen.

Auch mit «Bienvenue» heisst es allerdings Abschied nehmen von Sandro Lunin, der zehn Jahre lang die Künstlerische Leitung des Zürcher Theaterspektakels innehatte. Ab nächstem Jahr wird Matthias von Hartz diese Aufgabe übernehmen.

 


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