Theater – nahe an der Gegenwart

BÜHNE ⋅ Zehn herausragende Inszenierungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum – darunter vier mit Schweizer Beteiligung. Das ist das Berliner Theatertreffen –ein in jeder Hinsicht lohnender Katzensprung.
14. Mai 2017, 05:00

Brigitte Schmid-Gugler, Berlin

 

«Warum fühlt es sich an, als würde alles auseinanderfallen?» Dieser Satz, kurz vor dem drastischen Ende des Stücks ausgesprochen, zieht sich wie ein roter Faden oder ein gemeinsamer Nenner durch die ausgewählten Stücke am diesjährigen Theatertreffen. Etwas muss zusammengehalten werden. Nur was? Oder vielmehr: wie? Simon Stones entstaubte Tschechow-Fassung «Drei Schwestern» spielt in einem sich drehenden Glashaus, einer modernistischen SAC-Hütte nachempfunden. Alles dreht sich, wie der globale Motor mit seinem gierig aufgerissenen Zeitenschlund. In ihm gefangen die Protagonisten einer Wohlstandsdauerkrise, verkeilt in der Sehnsucht nach immer genau jenem Ort, jenem Zustand, der gerade mit Abwesenheit glänzt. Übertüncht wird dieses Nicht-aushalten-Können mit Drogen, Alkohol und Affären. Die drei Schwestern und ihre männlichen Begleiter sind zeitgenössisch gesetzt und somit genau dort, wo Tschechow – das Stück wurde 1901 uraufgeführt – sie wollte: in der jeweiligen Gegenwart.

Viel Jubel für Basler Tschechow

Bis zur Hälfte des gut zwei Wochen dauernden Festivals ist die Inszenierung des 1984 geborenen Regisseurs, die vergangenen Dezember im Theater Basel Premiere feierte, eine der meistbejubelten am diesjährigen Theaterfestival. Ob es sich bei der 10er- Auswahl um die wirklich zehn besten handelt, lassen die sieben Jurymitglieder offen. Sie ver­weisen in dem 136 Seiten um­fassenden Programmbuch ganz unbescheiden auf die weltumspannenden drei «W» als mathematische Formel für «Wahrheit mal Widerspruch gleich Wesentliches» im Sinne einer symbo­lischen Reflexion «über ein 16 ­Jahre verspätetes Millenniums-­Gefühl und Albträumen von der Rückkehr überwunden geglaubter Gewaltpolitik». Für das aus den unterschiedlichsten Sprachregionen hergereiste Publikum bietet dieser Rundblick eine einzigartige Möglichkeit, sich nicht nur mit Theater, sondern gerade in dieser Stadt ganz unmittelbar mit der Geschichte Europas auseinanderzusetzen.

Einer, der sich seit vielen Jahren dies- und jenseits von Bühnenräumen einmischt, ist der Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Kulturforscher Michael Schindhelm. Er hat ebenfalls Basel-Erfahrung: von 1996 bis 2006 Intendant am dortigen Theater und fast gleich lange Co-Präsident des Sinfonieorchesters Basel. Im Foyer der Berliner Festspiele, nur wenige Gehminuten vom Kurfürstendamm entfernt, stellte er sein eben erschienenes Buch «Letzter Vorhang» vor. Auch zwischen diesen Seiten bahnt sich ein Erdbeben an – angelehnt und sehr subtil umschrieben am bevorstehenden Wechsel an der berühmten Berliner Volksbühne, wo Intendantenfürst Frank Castorf von einem Kulturmanager abgelöst werden wird, was nicht nur am Rosa-Luxemburg-Platz für Turbulenzen sorgte. In der «Berliner Zeitung» kann man in diesen Tagen nachlesen, dass der scheidende Intendant nicht, wie bis anhin geplant, mit seinem siebenstündigen «Faust» in Pension geht, sondern doch noch eine allerletzte Inszenierung anberaumt hat.

Geschichte drängt in die Theaterstücke

Auf der gleichen Zeitungsseite nimmt Schaubühnen-Leiter Thomas Ostermeier – er selber war viermal ans Theatertreffen eingeladen – in einem Interview Stellung zum Wahlausgang in Frankreich. Dies in seiner Funktion als Präsident des Deutsch-Französischen Kulturrats. Und der Kritiker des am Vorabend gezeigten 10er-Auswahl-Stücks «Border­line-Prinzessin» von Kay Voges (Schauspiel Dortmund) moniert: «Und was wird eigentlich gewollt, wenn man glaubt, den Zuschauer in seinem vermeintlichen Daseinsempfinden abholen zu müssen, um ihn in eben diesem Empfinden fortwährend zu bestätigen?»

Die dreistündige multimediale und interdisziplinäre Produktion wird in einer Fabrikhalle nahe des Spreeufers gezeigt. Der Weg dorthin ist eines von unzähligen Teilstücken, die man gut zu Fuss erforschen kann und einen in diese eigenartige Mischung aus Realität und Fiktion katapultiert: In der Rummelsburger Bucht, heute ein schickes Wohnquartier, stand früher ein Arbeitslager. Erst für Waisenknaben, während der NS-Zeit für «Asoziale», bevor sie in Konzentrationslager abtransportiert wurden; währen der DDR-Zeit diente der Komplex als Gefängnis für mehrere Tausend Häftlinge.

Nichts Neues von der Kulturkritik

Diese Vergangenheit – «auf den Tag genau 72 Jahre seit der ­Befreiung» bis hin zur Stimme des «America first»-Populisten – verpackt Kay Voges in seinen «Loop um das, was uns trennt». Prozessionen, Weihrauchgeruch, Gesänge, Wiederholungsszenen wie Mantras und Rosenkranz, Gewaltexzesse, Biederkeit, Lolita- Projektionen, philosophische Zitate und Musikmix. Die Kamera dreht ihre Runden um das ­Setting, ein Mikrokosmos. Das Publikum wechselt dreimal die Plätze. Erst in der Wiederholung, die frei nach Kierkegaard allem Sein in der Schöpfung innewohne, lerne der Mensch sehen und begreifen. So sprach der Regisseur Kay Voges an einem der zahlreichen Podiumsgespräche, die das Theatertreffen begleiten. Auch zum Thema «Kulturkritik» strömten die Menschen herbei. Neues erfuhr man allerdings kaum. Thesen: «Eine Krise der Kulturkritik gibt es nicht. Eher eine Inflation wegen der Blogs. Die etablierte Deutungshoheit versus deren Anarchie. Theater und ernsthafte Auseinandersetzung damit kostet Geld. Weniger Mittelmässigkeit – sowohl auf der Bühne wie auch bei der Rezension.»

Die Anschlussinszenierung «Der Schimmelreiter» (Thalia- Theater Hamburg) nach Theodor Storms gleichnamiger Novelle musste infolge Krankheit eines Darstellers abgesagt werden. Dafür gab’s eine Lesung des Ensembles und als Sahnehupferl einen konzertanten Auftritt des Pianisten Igor Levit. Auf dem Nachhauseweg jenseits des glitzernden Westens, vorbei an mit Werbezetteln vollgeklebten Strassenlaternen und Säulen, Abfalleimer mit Aufschriften wie «Gib Gummi» oder «Für die Zigarette danach», da klingt Igor Levits Beethoven-Sonate nach: Wie der dieses Pianissimo spielte! Als ob er in einer Seidenpapiertüte mit spitzen Fingerkuppen nach dem besten Bonbon tastete, das bei der kleinsten Berührung zerfiele.


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