Tischgebet mit zwei Ungläubigen

HISTORISCHER ROMAN ⋅ Ilona Jerger lädt Charles Darwin und Karl Marx zu Tisch. In ihrem fabelhaften Roman erfindet sie eine Begegnung der beiden 1881 in London: Ein ohnehin cleverer Trick für historische Romane.
12. November 2017, 09:03

Hansruedi Kugler

«Das ist die gerechte Strafe für den Kaplan des Teufels» – die Schimpftirade gilt dem alten «Ketzer» Charles Darwin. Wütende christliche Fundamentalisten brechen in sein Landhaus ein, zerschlagen Töpfe und Gläser, in denen der berühmte Evolutionsforscher seine Experimente mit Saubohnen macht und in denen er tote Tiere in Spiritus aufbewahrt. Was für ein toller Einstieg! Zum Glück ist die Szene nur von ­der Autorin erfunden, ein böser Traum Darwins. Die Ablehnung aber und der Hohn über ihn, der den Menschen zum Affen degradiert habe, quälen Darwin.

Die Wissenschaftsjournalistin Ilona Jerger hat sich als langjährige Chefredaktorin der Zeitschrift «natur» ein profundes Wissen über Darwin angeeignet. Sie wählt für ihren biografisch-fiktiven Roman nun aber nicht Darwins Expeditionsreisen nach Südamerika. Das hätte zwar eine abenteuerliche Heldengeschichte gegeben, aber wohl auch ein überraschungsfreies Porträt. Jerger lässt zwei Giganten der Geistesgeschichte aufeinandertreffen. Damit befolgt sie das Rezept, das der amerikanische Psychia­trieprofessor Irvin Yalom 1994 in seinem Roman «Und Nietzsche weinte» äusserst erfolgreich angewendet hat: Er liess Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche aufeinandertreffen. Wie bei Yalom erweist sich das fiktive Treffen in Jergers Roman «Und Marx stand still in Darwins Garten» als äusserst fruchtbar: Mehrsträngig erzählt, werden die erstaunlichen Parallelen und schroffen Differenzen zur spannenden Romanlektüre. Eine ganze Epoche wird dabei lebendig. Die Autorin hat überdies Talent für komische und anrührende Szenen sowie für spitzzüngige Tischgespräche.

Trost findet Darwin bei den Regenwürmern

Tatsächlich haben Darwin und Marx viele Jahre nur 20 Meilen voneinander entfernt in London gewohnt. Getroffen haben sie sich nie, ihre Bücher aber haben sie sich mitsamt Widmungen zugeschickt. Darwins Lebensstil im komfortablen Landhaus steht in krassem Gegensatz zur kargen Existenz des Kommunisten Karl Marx. Der neun Jahre jüngere deutsche Exilant wohnt ebenfalls in London, hustet, hat Hautausschläge und muss Bettelbriefe schreiben.

Im Briefwechsel zwischen Karl Marx und Friedrich Engels fand Ilona Jerger besonders viel Material: «Da kommt einem der Mensch Marx schnell näher», sagt sie in einem Interview. Die Gemeinsamkeiten von Darwin und Marx seien frappant: Neben dem weissen Rauschebart schildert die Autorin vor allem die ­gesundheitlichen Probleme. Und erfindet den schlauen Doktor Beckett, der beide behandelt und der erkennt, dass grossteils psychosomatische Störungen vorliegen: Marx leidet am Exil, Darwin an Selbstzweifeln. Beckett wirkt somit wie ein Vorfahre des Psychoanalytikers Sigmund Freud. Der von Migräne, Verdauungsproblemen und Schlaflosigkeit geplagte alte Forscher Darwin findet Zuflucht bei den Regenwürmern. Ihnen widmet er sein letztes Buch. Wer mal auf einer Stehparty punkten will, fragt genüsslich in die Runde: Wer hat entdeckt, dass Regenwürmer taub sind? Eben: Charles Darwin. Er hat auch den immensen Wert der Regenwürmer als Humusproduzenten entdeckt – denn vor Darwin galten diese bei Landwirten als Schädlinge.

Zwei gottlose Gesellen streiten beim Abendessen

Dass Jergers Sympathie eher beim feinfühligen Skeptiker Darwin als beim verbohrten Rechthaber Marx liegt, wird in der zentralen Szene klar: dem gemeinsamen Abendessen bei Darwin. «Ich tauge nicht zum Pfaffenbeisser», weist Darwin die Avancen von Marx ab. Dieser sah in ihm einen Kampfgenossen und brummelt nun «Hundsfott». Wie Darwins Frau mit gespielter Naivität die hochtrabenden Gäste provoziert, liest sich so köstlich wie die Gesellschaftssatiren von Oscar Wilde. Am Ende fällt auch der anwesende Pastor in Ohnmacht.

Aber es geht Ilona Jerger nicht um Satire. Schwer zu schaffen macht nämlich beiden Wissenschaftern die Religionsfrage. Marx’ heimliche Geliebte, mit der er einen unehelichen, verheimlichten Sohn hat, und Darwins Ehefrau Emma mögen sich nicht mit deren Überzeugungen abfinden, dass es kein Leben nach dem Tod gebe und sie somit ihren Charles und ihren Karl nie mehr wiedersehen werden. Das breche ihnen das Herz. Überhaupt sind die Experimente Darwins eine Zumutung: Nennt er seine Frau liebevoll «mein Täubchen», bleibt ihr das im Hals stecken. Denn Darwins Taubenzucht hinterlässt Leichenberge: Züchten, morden, kochen, skelettieren – alles für die Untersuchung der Artenbildung. So bringt uns Ilona Jerger den Forscher in seiner sympathischen, kauzigen Art als Menschen und als Wissenschafter sofort sehr nah. Der hypochondrische Greis, der das Weltbild der Menschheit erschütterte, hat Freude an feinfühligen Regenwürmern. Man wird also bestens unterhalten und erfährt nebenbei viel über Marxismus und die Evolutionstheorie. Und erspart sich fast die Lektüre zweier dicker Biografien.


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