Totenmesse als visuelles Erlebnis im KKL

LUZERN ⋅ Das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester und der Schweizer Jugendchor führten im KKL Mozarts Requiem auf. Die ambitiöse Kollaboration glückte – und setzte einen selbstbewussten Akzent.
10. April 2018, 19:39

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Musikalische Meilensteine zeichnen sich durch Zeitlosigkeit aus. Mozarts Requiem gehört dazu. Das Stück lässt sich aktualisieren, ohne dass die Musik alt aussieht. Der frische Zugang des Zentralschweizer Jugendsinfonieorchesters (ZJSO) und des Schweizer Jugendchors (SJC) bewies: Die Klassikwelt ist gar nicht so statisch, wie man ihr bisweilen vorwirft.

In der ersten Konzerthälfte stellten sich die Klangkörper einzeln vor. Das ZJSO, dirigiert von Joseph Sieber, spielte Benjamin Brittens «Sinfonia da Requiem», ein beklemmendes, diffiziles Stück. Der gedämpfte Orchesterklang tastete sich durch die voll besetzten Ränge. Sobald die Rhythmen vertrackter wurden und die Dynamik sich nicht mehr auf ein vielfaches Piano beschränkte, rastete der Sound ein. Gustav Mahlers «Urlicht» für A-cappella-Chor, nun dirigiert von Nicolas Fink, setzte dazu einen entrückten Kontrapunkt.

Schon hier verschwammen die Grenzen zwischen Chor und Orchester: Diverse Orchestermitglieder integrierten sich völlig selbstverständlich in den Chor. Das ist eine Seltenheit und ein Hinweis dafür, dass sich das ZJSO und der SJC weniger über ihre Instrumente als viel mehr über die Werke identifizieren. Sie sind flexibel, neugierig und offen.

Das Setting beschritt neue Wege

Das wirklich Neue folgte nach der Pause in Mozarts Requiem. Selten hat man eine so kurzweilige Totenmesse gehört. Das Setting beschritt neue Wege: Die meisten Instrumente wurden stehend gespielt. Der Chor stand beim «Introitus» am hinteren Bühnenrand und gruppierte sich für die «Kyrie»-Fuge registerweise um die Instrumente. Das aussergewöhnliche Klangbild war eine willkommene Herausforderung für die Hörgewohnheiten. Und durch die Beweglichkeit aller Akteurinnen und Akteure wurde die Aufführung visuell zu einem Erlebnis. Das präzise und nie aufdringliche Lichtkonzept von Markus Güdel verstärkte diese Dynamik.

Die vier Solistinnen und Solisten – junge, vielversprechende Stimmen – wurden ebenfalls in das halbszenische Konzept eingebunden. Das Quartett aus Marie Lys (Sopran), Lisa Lüthi (Alt), Remy Burnens (Tenor) und Alexandre Beuchat (Bariton) integrierte sich mühelos in die dramaturgischen Abläufe. Doch wie wurde so viel Bewegung auf der Bühne möglich? Indem alle die Partitur auswendig sangen. Das zeugte von einer fundierten Auseinandersetzung mit dem Stoff, und das hohe Niveau der musikalischen Ausführung wurde durch die Choreografie intensiviert.

Im Programmheft war zu lesen, dass das «Lacrimosa» eindeutig das emotionalste Stück des Requiems sei. Ob das in dieser selbstbewussten Absolutheit stimmt, sei dahingestellt. Es stimmte aber sicherlich für die innige Interpretation von ZJSO und SJC: Sänger lehnten sich an Spielerinnen, dem Dirigenten wurden Arme über die Schultern gelegt. So wurde Nicolas Fink einer von ihnen – Jugendlichkeit braucht flache Hierarchien.

Jugendlichkeit heisst auch Sendungsbewusstsein. Im «Confutatis» drehten die Männer die Köpfe synchron zu den Frauen, die hinter dem Orchester das engelsgleiche «Voca me» sangen. Eine kleine Geste mit grosser Wirkung, deren sich die Instagram-erprobten Teenager sehr bewusst waren.

Eine Woche nach Ostern mag die Aufführung eines Requiems unkonventionell wirken. Doch die Jugendlichen konnten Feiertagskonventionen getrost hinter sich lassen und sich ganz der zeitlosen Qualität des Werkes widmen. So bewiesen das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester und der Schweizer Jugendchor: Und sie dreht sich doch, die Klassikwelt. Und zwar in die Zukunft.

Weitere Aufführungen

21. April 2018, 20:00 Uhr, Eglise St. Michel, Fribourg 
22. April 2018, 17:00 Uhr, Fraumünster, Zürich


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