Treppensteigen fördert die Verblödung

DREIGROSCHENOPER ⋅ Am Schauspielhaus Zürich feierte vorgestern Bertolt Brechts Evergreen wieder einmal Premiere. Das Ensemble gibt in der langfädigen Aufführung sein Bestes.
16. September 2017, 04:40

«Stägeli uf, Stägeli ab, juhe!» Das populäre Lied von Artur Beul kommt einem aus drei Gründen in den Sinn: Zum einen spielt sich diese «Dreigroschenoper» fast ausschliesslich auf und unter einer Treppe ab, zum andern wird das Stimmfach der Kurt Weill interpretierenden Schauspielerinnen etwas gar in die hohen Register ausgereizt, und drittens deckt sich der Inhalt des Lieds, auch wenn viel weniger drastisch, mit dem Inhalt der Brecht’schen «Bettleroper».

«Zuerst das Fressen, dann die Moral»

«Die Liebe dauert oder dauert nicht, an dem oder jenem Ort.» Alle haben es verinnerlicht. Polly Peachum, gespielt von der herrlich mädchenhaft agierenden Isabelle Menke, ihr krimineller Gemahl Mackie Messer, das Bettlerkönigspaar Peachum, die ­Huren, Diebe und Polizisten. Alle sind sie auf berechnende Art miteinander verbandelt im Sinne von «fressen, bevor man selbst gefressen wird».

Uraufgeführt vor bald einhundert Jahren, stellt die von Brecht, Hauptmann und Weill überarbeitete beziehungsweise neu vertonte Fabel die komplizierten Sisyphus-Fragen. Dies in einem Weltzirkus, in dem Ausbeutung, Korruption und mafiose Strukturen zur Höchstform auflaufen. Bettina Meyer hat ihn als runde Arena angelegt, mit hoher Lamellenfassade, die sich zu bleichen Halbmonden auffächern lassen. Dahinter dann jene Treppe, dem Hauptschauplatz der Moritat um den berüchtigten Mackie Messer in roten Lederhosen (Kostüme: Heide Kastler). Jirka Zett zeichnet ihn mit Weichstift, getüncht in süssen Sirup. Das ­manipulative Kalkül seiner Figur bleibt gerade deshalb überall kleben. Zweieinhalb Stunden (plus Pause) betreibt das Ensemble, teilweise in Doppelrollen besetzt, auf den Stufen der drehbaren Treppe Akrobatik. Macheaths Bandenmitglieder geben auch die Huren und Bettler; Letztere am Ende als kotzende Untote. Das hervorragende Orchester um die Leiterin Polina Lapkovskaja rettet die spröde Inszenierung in der Regie von Tina Lanik.

Zuerst die Unterhaltung, dann der Diskurs

Niklaus Helbling hatte das Stück am gleichen Ort vor acht Jahren aufgeführt. Die Kritik sprach von einer nichtssagenden Variante. Im aktuellen Programmheft stellt die verantwortliche Dramaturgin einem Theaterwissenschafter die Frage, ob das Werk nicht Gefahr laufe, mit dem Attribut «Harmlosigkeit» versehen zu werden. Das klingt angesichts des zähen Unterhaltungsabends fast wie ein schlechter Witz.

 

Brigitte Schmid-Gugler

Pfauen, Zürich: Nächste Aufführungen: Mo, 18.9, 22., 25.9.

www.schauspielhaus.ch


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