Trotz Klischees ein Glücksfall

KRIMI ⋅ Rabbi Klein klärt seinen vierten Fall: Ein schwuler TV-Moderator wird ermordet. Judaistik-Professor Alfred Bodenheimer lässt seinen Hobby-Sherlock-Holmes fast an engstirnigen Familienpatriarchen verzweifeln.
09. August 2017, 04:39

Hansruedi Kugler

«Grossartig – Weiss ist ohnehin Trendfarbe.» Mit dem neuen, weissen Auto entkommt Rabbi Klein unverhofft einem Rache­anschlag. Als Leser lächelt man über den trockenen Sarkasmus, mit dem Alfred Bodenheimer, Basler Schriftsteller und Professor für Jüdische Studien, seinen Krimi nicht ganz logisch enden lässt. Weiss war auch das Auto, mit dem zu Beginn der schwule TV-Liebling Kim Nufener überfahren worden ist. Klein, Seelsorger der orthodoxen jüdischen Gemeinde Zürich, hat gerade seinen vierten Mordfall gelöst.

Aber wie schon in den drei bisherigen Fällen hat sich der sympathische Rabbiner, menschenfreundlich und unvorsichtig wie er ist, in Gefahr gebracht. Es geht um Eifersucht, krankhafte Familienehre und Fundamentalismus – und dies in mehrfacher Hinsicht und gleich in drei Religionen: Im jüdischen, muslimischen und christlichen Milieu.

Familienpatriarchen als Starrköpfe

Alfred Bodenheimer ist ein Glücksfall für die Schweizer Literatur: Seine süffigen Krimis mit lakonischem Witz und einem warmherzigen Rabbi als tapsigem Detektiv wider Willen bieten manche Einblicke ins Milieu des orthodoxen Judentums in der Schweiz. In seinem neuen Krimi zeichnet Bodenheimer nun jüdische und muslimische Familienpatriarchen als Starrköpfe, die durch ihre eigene Engstirnigkeit unglücklich werden. Eingemauert in Familienehre und religiöse Dogmen ist ihnen der Weg zu ihren Kindern versperrt, die ein modernes Leben führen. Weil sich der Konflikt um ein schwules Paar entzündet (der beliebte TV-Moderator und ein jüdischer Modeschöpfer) sprühen die gesellschaftskritischen Funken wie in einem Feuerwerk. Mitten drin Rabbi Klein, der als Vermittler begehrt, aber oft machtlos ist.

«Collombin war perfekter als Bernhard Russi»

Zu Beginn zeigt Bodenheimer sein satirisches Talent. Rabbi Kleins schlaue Frau hatte ihn gewarnt. Aber der gutmütige Klein hat sich einspannen lassen für eine Imagekampagne des eitlen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde. Nun sitzt er als Kandidat des Fernseh-Quiz «Weisch no» im Studio. Zu Bernhard Russis Olympia-Gold in Sapporo (Russi sitzt ebenfalls im Studio) sagt der Rabbi tatsächlich treuherzig: Er halte Roland Collombin für den kompletteren Skifahrer, ohnehin hätte der von den Spielen ausgeschlossene Karl Schranz gewinnen müssen. Rabbi Klein fliegt nach diesem Tritt ins Fettnäpfchen sogleich in der ersten Runde raus, vergisst sein Handy im Studio, kehrt spätnachts dorthin zurück und wird Zeuge, wie Moderator Nufener zu Tode gefahren wird, inklusive Fahrerflucht. Zusammen mit dessen Ex-Geliebtem macht sich Klein nun auf, den Mörder zu ­finden. Als Mörder kommen in ­Frage: ein Fernseh-Rivale, der ­verlassene Geliebte selbst, ein pädophiler Priester, ein funda- mentalistischer Moslem, eine verschmähte Verehrerin. Bodenheimer dreht das Karussell der Verdächtigen fast zu routiniert. Die Fährten legt er geschickt.

Ein intellektuelles Vergnügen

Nur kranken Krimis, die ein so breites gesellschaftliches Panorama überblicken, oft daran, dass die einzelnen Figuren klischiert wirken. Das mindert auch etwas Bodenheimers neues Buch. Allerdings ist dieser Krimi wiederum ein intellektuelles Vergnügen: Denn man kann das Buch auch als theologische und lebenspraktische Reflexion zum Thema Fremdenliebe und Fundamentalismus lesen. Aber keine Angst: Alfred Bodenheimer ist zwar Professor für jüdische Religionsgeschichte in Basel, aber wie er die Ebenen dramaturgisch elegant miteinander verbindet, macht das Buch trotz einiger Klischees zum Lesegenuss.


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