«Türen öffnen für ein neues Publikum»

BILDERKONZERT ⋅ Wären sie Filmstars, hiessen sie Henmaud. Aber auch so sind die Pianistin Hélène Grimaud und der Fotograf Mat Hennek ein kraftvolles Paar. Am Samstag testen sie im KKL ihr neues Konzertformat «Woodlands and Beyond» mit Musik und Bildern.
17. Oktober 2017, 07:31

Interview: Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Hélène Grimaud, Mat Hennek, Sie sind seit 13 Jahren ein Paar. Entstand daraus der Wunsch, Musik und Bilder zu kombinieren?

Hélène Grimaud: Wir wollen die zwei Kunstformen zusammenbringen im eigentlichen Sinn des Wortes. Es ist praktisch ein Kammermusikprojekt. Der Austausch, die Vereinigung wird wie Energie sein. Wir lehnen uns die Flügel des anderen aus. Das Publikum wird auf eine Reise mitgenommen. Diese soll ins Innere gehen, die Emotionen direkt ansprechen. Wir haben bereits einmal so ein Projekt gemacht, haben die Wirkung gesehen, die es hinterliess. Jetzt wollten wir etwas machen, das noch tiefer geht.

Aber Musik und Bilder, das tönt weder neu noch spektakulär.

Mat Hennek: Doch, das ist es. Wir haben lange gewartet, bis die Technik stimmt. In Deutschland haben wir dies schon einmal gemacht, aber da war es noch Bild für Bild, Klick für Klick. Heute haben wir eine moderne LED-Technik zur Verfügung und im KKL eine tolle Leinwand von 9 mal 9 Metern. Darauf zeige ich nicht nur Bilder. Ich lasse sie so langsam ineinander übergehen, dass der Wechsel gar nicht wahrgenommen wird. So kommt es zu einer Art Zwischenwelt, die der Zuschauhörer aus verschiedensten Perspektiven erleben kann.

Also alles eine Frage der Technik?

Hennek: Natürlich nicht nur. Ich habe am Anfang meiner Karriere viele Musiker porträtiert. Mich hat immer interessiert, was erlebt der Musiker auf der Bühne. Welche Energie fliesst zwischen dem Klavier, dem Publikum, dem Saal. Oder wie kann ich Momente kreieren, die diese Welt dazwischen ausfüllen. Hélène schafft mit ihrer Musik ja genau solche Zwischenräume, die dem Hörer viel Freiheit und Platz geben.

Wie wichtig war Ihre private Gemeinsamkeit für das Projekt?

Grimaud: Wir leben zusammen, arbeiten in gemeinsamen Ateliers. Es wäre mir unmöglich, nicht mit einem Künstler zusammenzuleben. Es ist wie eine gemeinsame Welt, aber voller Wunder. Zum wirklichen Leben kommt noch ein imaginäres dazu. Alltägliches kann plötzlich bezaubernd sein, voller Kreativität und Licht, erhält eine Tiefe, die mit Kollegen nicht möglich ist. Aber ich könnte wohl auch nicht mit einem Musiker zusammenleben. Ich brauche diese andere Richtung. Beim aktuellen Programm haben wir uns über ein Jahr gegenseitig inspiriert.

Was war zuerst: die Musik oder die Bilder?

Hennek: Ich fotografierte vieles, das ich nie veröffentlicht habe. Wir haben dann mit Musik und Bildern im privaten Rahmen unter Freunden experimentiert. Irgendwann kommt eine Atmosphäre, wo das eine automatisch das andere ergibt, eine Choreografie, die sich schrittweise entwickelte.

Die gewählten Musikstücke handeln alle von der Natur. Wirkt das nicht plakativ?

Grimaud: Wir wollen die Welt auf die Bühne bringen. Die Natur in ihren verschiedenen Facetten ausdrücken. Die Musik muss dies spiegeln. Viele Komponisten wie Brahms, Schumann oder Beethoven haben sich oft in der Natur aufgehalten und dort ihre Quelle gefunden. Wir haben auch schon mit abstrakten Stücken experimentiert. Aber hier muss es direkte, fassbare Musik sein.

Im Konzert spielen Sie zusätzlich Musik von Nitin Sawhney ein.

Grimaud: Er ist ein indisch-britischer Musiker, den ich schon lange bewundere. Er ist aus einer komplett anderen Welt. Seine Musik hat eine spezielle Sensibilität. Sie rührt etwas im Menschen, das ganz tief innen liegt.

Sie suchen bewusst neue, übergreifende Konzertformate. Steht dahinter ein Unbehagen gegenüber klassischen Konzertritualen?

Hennek: Das klassische Lager ist stark in ein Normdenken eingebunden. Wie oft erscheint der Dirigent, wann stehen die Musiker auf, wann klatscht man? Wir wollen dies etwas aufbrechen. Wir lassen zum Beispiel die Pause weg, weil es intensiver ist. Diese «Zwischenstücke» sind für uns spannende Orte des Übergangs. Das Publikum der Zukunft sieht gemischter aus. Da wollen wir Türen aufmachen. Es wird in den nächsten Jahren viel passieren auf der Bühne.

Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür?

Hennek: In New York entsteht der Culture Shed, wo wir auch involviert sind. Dieser wird 2019 eröffnen und ist ein Ort, wo sämtliche Künste zusammentreffen. Ein flexibles Viel-Raum-System, das von Pop zu Klassik zu Design alles ermöglicht. Das Publikum ist reif, sich beides am gleichen Ort und eventuell gleichzeitig anzuschauen. Die Interessenten der einen Richtung kommen direkt in den Kontakt mit anderen Richtungen. So ein Angebot versuchen wir mit unserem Konzert zu schaffen.

Hinweis

Hélène Grimaud tritt diese Woche als Solistin mit dem Luzerner Sinfonieorchester auf (Mi/Do, 19.30, Konzertsaal KKL).

Rezital «Woodlands and Beyond»: Samstag, 21. Oktober, 19.30, Konzertsaal, KKL.

VV: Tel. 041 226 05 15.


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