Überraschende «Leoparden»

KINO ⋅ Mit der Preisverleihung ist gestern das 70. Festival Locarno zu Ende gegangenen. Ein chinesischer Dokumentarfilm und drei Genre-Variationen gewinnen Hauptpreise. Die Schweiz geht leer aus.
13. August 2017, 05:01

Andreas Stock, Locarno

Das Filmfestival Locarno, das sich seit diesem Jahr nur noch «Festival Locarno» nennt, feiert einen runden Geburtstag. Die 70. Ausgabe wurde unter anderem mit kurzen Clips zelebriert, worin verschiedenste Regisseurinnen und Regisseure einen Film vorgestellt haben, der ihr Leben besonders geprägt hat. Ob jemand dieses Jahr so einen «Movie of my life» gesehen hat? Auf der Piazza Grande und unter den 18 Filmen im Internationalen Wettbewerb war kein Film, der als überragende Entdeckung zu werten wäre. Was jedoch nicht heisst, dass der 70. Jahrgang ein schwacher war. Doch über die Vergabe der «Leoparden»-Preise lässt sich einmal mehr streiten.

Der Internationale Wettbewerb, der Werke im Fokus haben möchte, die ungewohnte Erzählformen suchen, war dieses Jahr stärker als zuletzt von Filmen geprägt, die eher konventionell inszeniert waren. Doch mehrere Regisseure versuchten sich in Variationen des Genre-Kinos. Und die Jury unter dem Vorsitz des französischen Regisseurs Olivier Assayas hat insbesondere diese Filme dann auch mit Preisen ausgezeichnet.

Variationen von Horror- und Film-noir-Werken

Gleich drei Streifen, die sich auf das Genre-Kino berufen, gehören zu den Preisträgern. Der in kunstvollem Schwarzweiss schwelgende «9 Doigts» aus Frankreich gewinnt den Preis für die beste Regie. Der 61-jährige F. J. Ossang hat einen selbstverliebten Joseph-Conrad-Remix abgeliefert, eine formvollendete, aber blutleere Film-noir-Fingerübung. Viel Blut fliesst dafür in der Werwolf-Variation aus Brasilien, «As Boas Maneiras», die mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wird. Interessant am Werk des Regie-Duos Marco Dutra und Juliana Rojas ist nicht das Werwolf-Thema, sondern die Gegenüberstellung der Gesellschaftsschichten São Paulos. Ebenfalls eine Variation des Horror-Genres, hier von «Mr. Jekyll & Mr. Hyde», zeigt «Madame Hyde» von Serge Bozon, allerdings wenig überzeugend. Doch als überforderte Lehrerin wird Isabelle Huppert als beste Darstellerin geehrt. Zumindest den Preis für den besten Darsteller verleiht die Jury an einen jungen Schauspieler: Elliott Crosset Hove wird für seine eindringliche Rolle im düsteren «Winter Brothers» gewürdigt. Das dänische Brüder-Drama erhält auch den ersten Preis der Jugendjury.

Das langsame Sterben, der Konflikt mit dem Vater

Den Hauptpreis gewinnt ein Werk, das nur wenige Filmkritiker auf ihrer Liste möglicher Preisträger hatte. Der «Goldene Leopard» geht an den Dokumentarfilm «Mrs. Fang» aus China. Regisseur Wang Bing, der letztes Jahr noch selber Mitglied in der Wettbewerbs-Jury war, begleitete die letzten Wochen im Leben der Bäuerin Fang Xiuying, die an Alzheimer leidet. Sie wird zu Hause von ihrer Familie gepflegt. Mrs. Fang liegt mit offenem Mund oft schlafend im Bett. Ihren Leidensweg zeigt der Film in langen Einstellungen, unterbrochen von wenigen Szenen aus dem Alltag der Familie.

Die Familie, insbesondere die abwesenden Väter und Mütter, respektive schwierige Eltern-Kind-Beziehungen waren in mehreren Filmen ein Thema. Auch im Schweizer Beitrag «Goliath», worin es um einen jungen Mann geht, der von der Aussicht, bald Vater zu werden, überfordert ist. Der Sohn in «Wajib» der Palästinenserin Annemarie Jacir – neben zwei Co-Regisseurinnen die einzige Frau im Wettbewerb – steht hingegen im Konflikt mit seinem Vater. Die beiden bringen die Einladungen zu einer Hochzeit, wie es Tradition ist, den Eingeladenen persönlich vorbei. In den unterschiedlichen Positionen von Vater und Sohn wird auch die ­Situation der arabischen Bevölkerung in Nazareth vermittelt. «Wajib» erhielt einen Nebenpreis der Jugendjury, «Goliath» hingegen ging leer aus.

Rassismus und Überwachungskameras

Einer der stärksten Filme im Wettbewerb war «Did You Wonder Who Fired the Gun» von Travis Wilkerson. Der Amerikaner lüftet ebenso beklemmend wie formal bestechend ein Familiengeheimnis. Ein Film, der sich als kluger Essay über Rassismus erweist, allerdings lediglich eine «Besondere Erwähnung» der Jugendjury erhält.

Eine Entdeckung war auch «Qing Ting zhi yan» des Chinesen Xu Bing. Der Pekinger Professor und Grafikkünstler, der weltweit schon mehrere Ausstellungen zeigte, hat seinen Film allein aus Aufnahmen zusammengeschnitten, die von Überwachungskameras stammen. Aus diesen Bildern hat er die fikti- ve Geschichte einer unerfüllten Liebe imaginiert. Der Fipresci-Preis der Internationalen Filmkritiker geht ebenso an dieses interessante Werk wie der dritte Preis der Jugendjury sowie eine besondere Erwähnung der Ökumenischen Jury.

Die Ökumenische Jury ist es auch, die ihren Hauptpreis an den Publikumsliebling vergeben hat. «Lucky», der Regieerstling des US-Schauspielers John Carroll Lynch, ist eine von zarter Melancholie durchzogene Elegie um einen alternden Einzelgänger. Der 91-jährige Harry Dean Stanton verkörpert diesen alten, kauzigen Mann anrührend.

Der schönste Film nicht auf der Piazza

Die 70. Ausgabe hat auch Gelegenheit geboten, auf die Filmgeschichte zurück zu blicken. So waren Werke von Filmschaffenden zu sehen, die in Locarno einen ersten Markstein zu ihrer Karriere setzten. Darunter war «Poison», der erste Film von Todd Haynes, der zuletzt mit «Carol» einen Welterfolg feierte. Der amerikanische Regisseur wurde auf der Piazza mit einem Ehrenleoparden ausgezeichnet – und er zeigte sein neustes Werk, das in Cannes Premiere gefeiert hat: «Wonderstruck». Ein kunstvolles, märchenhaftes Poem über zwei Kinder im New York von 1927 und 1977. Es war der schönste, kunstvollste Film des gesamten Festivals, er war jedoch nicht auf der Piazza Grande zu sehen. Was umso unverständlicher ist, weil das Piazza-Programm nicht mit begeisternden Filmen aufzutrumpfen wusste. Die amerikanische Liebeskomödie «The Big Sick» sowie die Thriller «Good Time» und «What Happened to Monday?» gehörten noch zu den besten Beiträgen.


Leserkommentare

Anzeige: