Verlogener Zirkus

JETZT IM KINO ⋅ Auch der begabte Hugh Jackman kann das Retro-Musical «The Greatest Showman» nicht retten. Es erzählt vom berühmtesten Zirkuspionier Amerikas – und blendet dessen skrupellose Seiten aus.
03. Januar 2018, 04:39

Das an technischen und politischen Umwälzungen so reiche 19. Jahrhundert war auch die grosse Epoche der Schaustellerei. So befremdet man heute auf die damals so populären Kuriositätenkabinette und Freak-Shows zurückschaut, auf kolonialistische Völkerschauen oder Buffalo Bills Wildwest-Show, muss man doch zugeben: Auch die ersten Filme waren Jahrmarktsattraktionen und konkurrierten dort um Aufmerksamkeit mit bärtigen Frauen und Männern ohne Unterleib.

Das Filmmusical «The ­Greatest Showman» erzählt von einem der berühmtesten Schausteller Amerikas, Phineas Taylor Barnum (1810–1891). Sein Name ist heute vor allem in Verbindung mit einem Mehr-Manegen-­Circus geläufig, der erst im vergangenen Mai nach 146 Jahren schliessen musste. Die Elefantendressuren passten einfach nicht mehr in die Gegenwart.

Auch Michael Graceys Film macht einen Bogen um alles nach heutigen Moralvorstellungen Abstossende an Barnums Schaugeschäft, und das hat nicht nur mit Elefanten zu tun: Das Schicksal des Riesen-Dickhäuters Jumbo, mit dem Barnum noch in ausgestopftem Zustand ein Vermögen machte, fehlt in der Geschichte ebenso wie die angeblichen «Aztekenkinder», die er aus einem Heim für geistig Behinderte in seine Show verfrachtet hatte.

Präparat einer Meerjungfrau

Der echte Barnum war ein skrupelloser Schwindler, der sich nicht scheute, den leichtgläubigen New Yorkern des Jahres 1841 das Präparat einer angeblichen Meerjungfrau zu zeigen, das tatsächlich aus einem Affentorso und einem Fischschwanz montiert worden war. Das Leben ­dieses Filous in angemessener Schwärze zu verfilmen, wäre eine gute Idee für Tim Burton. Der Barnum, den Hugh Jackman spielt, ist dagegen ein grund­sympathischer Held, der sogar von den behinderten Menschen, die er als Freaks ausstellt, wie ein umsorgender Patriarch verehrt wird. Der Schurke der Geschichte ist ausgerechnet ein Kritiker, den Paul Sparks verkörpert. Ihm fällt die Rolle des arroganten «high brow» zu. Noch schwerer fällt es Barnum, dem Hans Dampf und Selfmademan, in dieser formelhaften Aufsteigergeschichte die Anerkennung seines vermögenden Schwiegervaters zu erringen. So vertraut jedes dieser Handlungsmuster wirkt, passen sie doch nicht zusammen. Der grösste Anachronismus in diesem poppig-bunten 19. Jahrhundert aber ist der Soundtrack. Jenny Lind rührt das Publikum mit pathetischen Pop-Balladen zwischen Las Vagas und unechtem «Abba». Nicht dass die Songs der «La-La-Land»-Komponisten Benj Pasek und Justin Paul nicht schmissig wären – sie fühlen sich nur kein bisschen ein in den historischen Kontext. Das hätte keineswegs so sein müssen – denn es gibt ja sogar stimmige Broadway-Musicals, die im Mittelalter spielen («Camelot»).

Tapfer schmettert Showman Hugh Jackman diese «Show ­Tunes» herunter. Doch wie einst in Barnums New Yorker Kuriositätenkabinett wirkt das meiste doch wie «Fake».

Daniel Kothenschulte

Anzeige: