Verrückter Kummer – fröhliche Kunst

PERFORMANCE IN GISWIL ⋅ Die 16. Ausgabe der «International Performance Art Giswil» fand mitten im Dorf statt, bei Dauerregen. Was der Laune und der Spielfreude von Publikum und Künstlern keinen Abbruch tat. Für diesen sorgte lediglich ein Bagger.
11. September 2017, 04:39

Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

Wie passend. Kunst sei, sich in den widrigen Wind zu legen, erklärt der Basler Performance-Künstler Martin Chramosta am Samstag dem Publikum in Giswil – während es regnet und regnet und regnet. Chramosta und seine fünf Gefährten – alle in lichtes Weiss gekleidet – eröffnen mit ihrer Performance zwischen Kiesbergen nahe dem Bahnhof Giswil einen langen und unterhaltsamen Rundgang durchs Obwaldner Dorf. Zwölf Stationen, bespielt von Performance-Künstlern aus der Schweiz und Österreich sowie von lokalen Akteuren, warten auf die rund 60 Neugierigen und Kunstaffinen.

Die 16. Ausgabe der «International Performance Art Giswil» findet erstmals nicht in der Turbinenhalle, sondern an verschiedenen Schauplätzen im Dorf statt. Unterstützt von Pro Helvetia ist sie ein überkantonales Partnerprojekt im Rahmen der Initiative «Kulturelle Vielfalt in den Regionen». Und weil im Dorf performt wird, hat 2017 zudem die Gemeinde das Patronat für das spezielle Kulturereignis übernommen. Gemeinde-Vizepräsidentin Doris Ming freut sich darüber und meint, die «International Performance Art» sei schon längst in Giswil installiert, auch wenn viele sie immer noch für «irgendwas Verrücktes in der Turbine» hielten.

Eine kindliche Freude an schrägen Gedanken

Für Andrea Saemann, Kuratorin und künstlerische Leiterin des Festivals, steht der Austausch zwischen Performern und lokalen Gastgebern im Vordergrund, aber auch die wertefreie Reibung zwischen verschiedenen Kunst- und Kulturbegriffen.

Tatsächlich ist das Schöne an Performance ja, dass sie sich nicht einordnen lässt. Als situations- und handlungsbetonte sowie vergängliche Darbietung «hinterfragt sie die Trennbarkeit von Künstler und Werk ebenso wie die Warenform traditioneller Kunstwerke» (Wikipedia). Eine Performance ist stets einmalig, der Performer ist nicht austauschbar, keine Regelästhetik wohnt ihr inne, und neben Zeit, Raum und dem Körper des Künstlers spielt auch die Beziehung zwischen Künstler und Zuschauer eine Rolle.

Was die Kunst der Performance zu einer emotionalen macht, einer sehr individuellen und freiheitlichen zudem. Im Dauerregen am Samstag war das deutlich zu spüren: Je verrückter die Darbietungen erscheinen, desto mehr schliesst man die Künstler ins Herz. Eine kindliche Freude an der Freiheit des Denkens – an schrägen Gedanken auch – mischt sich mit dem Gefühl, Teil eines einmaligen Vorgangs zu sein. Man fragt sich zudem von Station zu Station: Wäre diese Performance jetzt eine andere, würde es nicht regnen, sondern die Sonne scheinen? Wäre sie nicht in Obwalden, sondern in Zürich? Sie wäre es.

«Jeder denkt sich Kunst anders», sagt Martin Chramosta zu Beginn der ersten Performance. Und stellt die Frage, wie weit man gehen könne, «himmelwärts singend, erdwärts ringend»? Jedenfalls wolle man sich nicht «ins Reich der mittelmässigen Tugenden und verlogenen Rücksichtnahmen begeben: Denn dort lebt Kunst nicht». Diesen Worten folgen Taten: Sechs Menschen in Weiss stecken die Köpfe zusammen und tanzen auseinander, sie erschaffen sich ein «Kunstland» zwischen Kiesbergen – mit Hilfe eines Baggerführers, der ein kreisrundes Stück Boden aushebt, über das bald ein rot-weisses Absperrband flattert.

Sich an den eigenen Haaren in die Senkrechte ziehen

Im Dauerregen geht’s zur Station zwei. Antoinette Abegg aus Obwalden bietet Vertrautes: Sie jodelt. Derweil ein Mensch mit dem Kopf einer Ziege über den regennassen Rasen huscht. Station drei bietet das Kontrast­programm: Hier ist es einer Frau mit schwarzen Haaren und in knapper schwarzer Kleidung ­(Irina Lorez aus Luzern) so gar nicht nach Jodeln zu Mute. Vor dem Coiffeursalon «Elisabeth» kriecht sie die Stufen hinunter. Das ist ein schön anzuschauendes Muskelspiel aus Beinen, Armen und viel weisser Haut, die Kummer und Verzweiflung atmet. Während vor dem Salon die Autos vorbeirauschen und die Künstlerin sich irgendwann an ihren Haaren wieder in die Senkrechte zieht.

Eine weitere Station befindet sich im Rebstock 6. Endlich darf man ins Trockene: In einer Garage (oder Ähnlichem) sind Bänke vor einer kleinen Bühne aufgereiht. Daneben steht leise lächelnd der Berner Schriftsteller der Stunde: Michael Fehr. Gross, schmal und sympathisch. Er lächelt so lange, bis das Publikum kapiert: Die Musik spielt zuerst woanders. Nämlich im Rücken der Zuschauer, wo die Kinder des Quartiers auf Plastiktraktoren hin und her fahren und ordentlich Lärm machen. Quasi das Intro zur Performance, die Fehr nun bietet: Der Wortkünstler erzählt zwei Geschichten seines neuesten Buchs «Glanz und Schatten». Mit seiner Lebendigkeit lässt er die Worte anschaulich glänzen und fröhlich tönen. Der skurrile Inhalt tut sein Übriges: Wie oft an diesem Tag lacht ein zufriedenes Publikum glücklich und amüsiert in sich hinein.


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