Viel mehr als eine Stimme

MARIA CALLAS ⋅ Vor vierzig Jahren ist die berühmteste Opernsängerin des 20. Jahrhunderts gestorben. Live-Aufnahmen in neuem Remastering lassen Maria Callas jetzt wieder lebendig werden.
15. September 2017, 08:02

Rolf App

Die Geschichte beginnt mit dem buchstäblichen hässlichen Entlein. Im Jahr 1939 spricht eine Frau mit ihrer sechzehnjährigen Tochter bei der Gesangslehrerin Elvira de Hidalgo in Athen vor. «Dass dieses Mädchen sich ausgerechnet wünschte, Sängerin zu werden, war einfach lächerlich», erinnert sie sich sehr viel später. «Sie war gross, sehr fett und trug eine dicke Brille. Sobald sie diese abnahm, blickte sie einen mit grossen, jedoch vagen und nichts sehenden Augen an. Ihr ganzes Wesen war linkisch.»

Als diese Maria Kalogeropoulos – deren Vater seinen Namen in den USA zu Callas verkürzt – zu singen beginnt, ist sie dann doch fasziniert. Sie hört «wilde Kaskaden von Klängen, die noch nicht vollständig kontrolliert, aber voller Drama und Emotion waren.» Elvira de Hidalgo malt sich aus, «welch eine Freude es sein müsste, mit solchem Material zu arbeiten und es zur Perfektion zu formen».

28 Kilo leichter – und eine ganz andere Frau

Zeit ihres Lebens wird Maria Callas, die berühmteste Opernsängerin des 20. Jahrhunderts, in Dankbarkeit an ihre Lehrerin denken. Neben dem Bild der legendären Sängerin Maria Ma­libran findet sich bei ihrem Tod am 16. September 1977 nur jenes von Elvira de Hidalgo in ihrer Wohnung. Auch die ehrgeizige Mutter ist längst zur Unperson geworden. Sie habe ihr die Kindheit gestohlen, erklärt die Tochter. «Nur wenn ich sang, durfte ich mich geliebt fühlen.»

Ein hässliches Entlein wird sie noch lange bleiben. Sie ist schon zur Königin der Mailänder Scala aufgestiegen, da schreibt ein Kritiker über den Auftritt in Giuseppe Verdis «Aida», man habe zwischen den Beinen der Elefanten auf der Bühne und jenen von Maria Callas nicht unterscheiden können. Sie weint bittere Tränen über diese Worte – und eifert ihrer schlanken, gazellenhaften Freundin Audrey Hepburn nach. Achtundzwanzig Kilo nimmt sie in Saison 1953/54 ab, von 92 auf 64 Kilo. Sie wird, wie der Dirigent Carlo Maria Giulini beobachtet, «eine ganz andere Frau, der sich neue Welten des Ausdrucks eröffneten. Die Möglichkeiten, die in ihr geschlummert hatten, traten hervor.»

Diese Möglichkeiten sind enorm, obwohl Maria Callas keine perfekte Stimme hat. Ihr Mentor Tullio Serafin, der mit ihr Oper um Oper erarbeitet – und vielleicht auch dazu beiträgt, dass nach einer vergleichsweise kurzen Zeit erste Abnützungserscheinungen nicht zu überhören sind – spricht sogar von einer «grossen, hässlichen Stimme». Doch, erklärt ihr Biograf Jürgen Kesting seine Faszination, «es war nicht nur die Stimme oder viel mehr als die Stimme, nämlich die Fähigkeit der Sängerin, das Leben und die Intensität der Emotionen auszudrücken; dass wichtiger als der Eindruck, wie sie sang, die Einsicht wurde, warum sie sang: aus Passion.»

«Sie konnte rachsüchtig und bösartig sein»

Man kann das hören in jenen Live-Aufnahmen, die jetzt, zu ihrem vierzigsten Todestag, in einer Box herausgekommen sind (siehe Text unten). Sie zeigen eine Sängerin, die sich völlig in ihre Rollen hineingibt, die für jede dieser Rollen eine eigene Stimme findet, und der das Publikum zu Füssen liegt. Wenn es sie nicht lautstark bekämpft hat. Denn das ist die andere Seite der Maria Callas: Dass sie schon bald extrem polarisiert, und dass jede Absage zum Skandal wird. «Sie konnte rachsüchtig und bösartig sein», sagt Walter Legge, ihr Schallplattenproduzent. Maria Callas habe an einem übermenschlichen Minderwertigkeitskomplex gelitten. «Dies war die treibende Kraft hinter ihrem ruhe- und ruchlosen Ehrgeiz, ihrer monomanischen Egozentrik und ihrem Hunger nach Berühmtheit.»

Dieser Hunger ist es wohl auch, der sie dazu treibt, ihren Ehemann Carlo Meneghini, der zugleich ihr Manager ist, zu verlassen und sich dem Reeder Aristoteles Onassis zuzuwenden. Es ist eine Liebschaft, die rasch erkaltet, die Maria Callas aber den Weg öffnet in jene Sphäre, die man heute Jetset nennt.

Was bleibt, sind Violetta, Tosca, Lucia

Die letzten zwölf Jahre, zwischen dem 5. Juli 1965, als sie zum letzten Mal auf der Opernbühne auftritt, und dem 16.September 1977, da sie in Paris stirbt, «haben mit der Geschichte der Sängerin nur noch wenig zu tun», schreibt Kesting. «Es waren zwölf Jahre eines ständigen, eines verzweifelten Scheiterns.»

Was bleibt, das ist ihre Violetta. Das ist ihre Tosca. Das ist ihre Lucia di Lammermoor. Das ist ihre Medea. Es sind noch immer aufwühlende Porträts tief verletzter Frauenseelen. In Kestings Worten: «Das Geheimnis dieses Singens liegt darin, dass es erlitten wird und erleidbar ist. In ihm klingt das Leben der menschlichen Emotionen.»


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