Viele, viele Vögel in Luzern

FREILICHTSPIELE ⋅ Die siebten Luzerner Freilichtspiele holen die alten Griechen auf die Halbinsel Tribschen. «Die Vögel» von Aristophanes in neuer Interpretation ist anspruchsvoll, originell – aber auch etwas flatterhaft.
16. Juni 2017, 05:01

Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

Es ist eine bezaubernde Idee, «Die Vögel» von Aristophanes auf der Halbinsel Tribschen aufzuführen, wo während der Vorstellung die echten Vögel in hohen Bäumen sitzen und zwitschern. Die Natur ist ideale Bühne für diese antike Komödie, aufgeführt erstmals 414 vor Christus.

Im antiken Stück geht es um die Machtergreifung der Vögel, angestossen durch zwei frustrierte Menschen aus Athen. Das Werk gilt als Kritik an der damaligen Politik Athens, welches seine Macht gegenüber Bundesgenossen mittels Drohungen durchsetzte. Doch am Ende marschieren bei Aristophanes auch die eigentlich freien Vögel, mit denen alles besser werden sollte, in militärischer Formation.

Viel Federvieh, das nach vorne denkt

Theaterautorin Gisela Widmer war sich laut eigener Aussage bewusst, dass es schwer sein würde, die antike Komödie ins Heute zu verlagern. Vögel, Menschen, Götter – eine fremde Welt mit vielen antiken Fussnoten. Weshalb sie «Die Vögel» zur «Stadt der Vögel» umschrieb und auf Luzerner Verhältnisse herunterbrach.

In schönen Sätzen schreibt Widmer im Begleitheft zu den siebten Luzerner Freilichtspielen, dass der utopische Gedanke ihre treibende Kraft gewesen sei, und zitiert Ernst Bloch: Utopie sei «Denken nach vorn». Zusammen mit Regisseurin Annette Windlin und Ausstatterin Ruth Mächler dachte Widmer also nach vorn und baute eine glückliche Stadt zwischen Himmel und Erde.

Das Premierenpublikum vom Dienstag versteht das komödiantische Ansinnen und dankt es immer wieder mit Lachen und zuletzt mit Bravo-Rufen. Profi-Schauspieler Walter Sigi Arnold als Athener Makarios harmoniert perfekt mit den 40 Laiendarstellern, die allesamt viel Spielfreude zeigen. Ein echter Hit sind die Vogelkostüme. Beispiel Fredy Schuler: Als König Tereus und Wiedehopf darf er wie ein Mix aus Indianer und Pfau durchs Grün stolzieren und den Kopf sehr hoch tragen – kurze weisse Federn an den nackten Beinen und Pelzbesatz am Mantel. In dieser Vogelfigur vereinen sich ganz wunderbar Kostüm und Dichtung zur Komödie. Passend dazu die Worte: «Borniert und düpiert, pochiert und püriert ...»

Sehr schön sind auch die Licht­effekte (Martin Brun), die die Bühne im Grünen mit ihren Baumstümpfen und Vogeleiern in gelbe, rote oder violette Farbe tauchen, während das zahlreiche Federvieh zur «Vogel-Volks-Vollversammlung» ruft oder vom König «Regenwürmer à discretion» geboten bekommt, sollte es ihm zuhören.

«Vogel, friss oder stirb»

Und während links die Band (Myrta Amstad, Gesang; Christian Wallner, Gitarre; Pit Furrer, Drums; David Zopfi, Bass) Bluesiges hören lässt, zitieren die geflügelten Protagonisten in der Mitte Sprichwörter am laufenden Band. «Vogel, friss oder stirb» beschreibt wohl am treffendsten, wie es ist, eine bessere Staatsform erfinden zu wollen und vermutlich an dieser Utopie zu scheitern.

Denn wie hoch muss eine Stadt gebaut werden, damit sie endlich verhungern, die strafenden Götter? Während sich die Vögel dies fragen, zeichnen sich die Baumkronen auf der Halbinsel Tribschen fast schon schwarz gegen den dunkler werdenden Abendhimmel ab.

Und wie soll die Stadt heissen? Sparta oder doch besser ­Cumulus? Wie viele Veloplätze braucht sie, wie sieht es aus mit einem Minergie-P-Standard? Da rennen die Vögel davon, doch später leuchten die Baumstümpfe von innen, und das gefiederte Volk pustet Seifenblasen in die Utopie der freien Stadt. Ein schöner Moment. Aber nur so lange, bis Götterbotin Iris (Olivia Arnold) auf einer Seilbahn angedonnert kommt und ruft: «Ich brauche keinen Passierschein, fuck!»

Wie es ausgeht mit dieser neu interpretierten Vogelutopie? Das sei hier nicht verraten. Aber man sollte gut aufpassen, dass einen die vielen, vielen Vögel nicht von der Handlung ablenken und sich die Konzentration auf Flügeln davonmacht.

  • Die Darsteller in Gisela Widmers Aufführung von «Stadt der Vögel» sind in ihrem vollen Element. (© Nadia Schärli (LZ))
  • Die Darsteller in Gisela Widmers Aufführung von «Stadt der Vögel» sind in ihrem vollen Element. (© Nadia Schärli (LZ))
  • Die Darsteller in Gisela Widmers Aufführung von «Stadt der Vögel» sind in ihrem vollen Element. (© Nadia Schärli (LZ))

Auf der Luzerner Halbinsel Tribschen wurde am Dienstagabend Gisela Widmers Komödie «Stadt der Vögel» uraufgeführt. Widmer hat Aristophanes 2400 Jahre alten Klassiker neu geschrieben.


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