Operette «Madame Pompadour»: Vom Dorfschwank zur eleganten Hofwelt

ENTLEBUCH ⋅ Die Operette löste am Premierenabend mit ihrer Inszenierung von Leo Falls «Madame Pompadour» grosse Begeisterung aus. Die Regie sorgte für viel Situationskomik zwischen luxuriös kostümierter Adelswelt und anrüchigem Etablissement.
09. Oktober 2017, 08:16

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

René, Graf d’Estrades, bricht aus der erst einjährigen Ehe mit Madeleine aus und stürzt sich in die Pariser Amüsierwelt. Aus den gleichen Gründen verlässt Madame Pompadour, die einflussreiche Mätresse von König Ludwig XV., den Hofstaat, um sich inkognito zu amüsieren. Was sie nicht weiss: Der Polizeiminister des Königs ist ihr mit einem Spitzel auf den Fersen. Er möchte sie in flagranti ertappen und denunzieren, weil ihm ihre Machtstellung schon lange ein Dorn im Auge ist.

Es kommt, wie es – zumindest in der Operette – kommen muss: Die Pompadour und der Graf, beide maskiert, verlieben sich ineinander. Ein zweites Paar, die Kammerzofe der Pompadour und der Dichter Calicot, nähern sich einander ebenfalls unerkannt an. Das Feld für Verwechslungen, für lustige oder böse Überraschungen ist bereitet. Das ergibt viel schwankartige Situationskomik.

In Rokokoräumen kommt Handlung in Fahrt

Ohnehin ganz im Stil eines Dorfschwanks beginnt der erste Akt, für den die Bühnenbildner Ueli Binggeli und Fabian Troxler ein schmuddeliges Interieur auf die Bühne im Hotel Port gestellt haben. Dort weist die Bezeichnung «Séparée» unzweideutig darauf hin, zu was das Wirtshaus «Zum Musenstall» eigentlich dient. Es dauert denn auch nicht lange, bis der Graf mit vier Grisetten im Nebenlokal verschwindet.

Anfänglich tut sich die Regie von Claudia Fischer, die vor drei Jahren in die Fussstapfen ihres verstorbenen Vaters trat, etwas schwer damit, das faschingsmässige Treiben in den engen Verhältnissen der Bühne anzukurbeln. Mit der Fortdauer aber gewinnt das Ganze an Fahrt und kommt bei den Szenen am Hof, in den glänzend ausgestatteten Rokokoräumen des zweiten und dritten Aktes zur vollen Entfaltung. Die Absicht der Libretto-Verfasser war ja nicht bloss, Klamauk zu verbreiten. Vielmehr haben sie und der Komponist Leo Fall den frechen Überschwang von Offenbach wieder aufgenommen, der 60 Jahre zuvor die Gesellschaft des Dritten Kaiserreiches geisselte. Allerdings herrschte 1923, als die Operette in Berlin uraufgeführt wurde, eine andere Zeit, die Satire bezieht sich auf das Frankreich von Ludwig XV.

Im Dichter Calicot hat die Operette eine Figur, die nicht so sehr auf amouröse Abenteuer aus ist, sondern vielmehr die Machthaber verspottet, allen voran die Marquise de Pompadour und den trotteligen König. Peter Blum (im Zivilleben Hauswart) spielt diesen Joseph Calicot mit unbändiger Leidenschaft und macht den Verseschmid, der auf seine Dichtkunst pocht, ebenso glaubhaft wie den Revoluzzer, der das beissende Spottlied «Die Pom-, die Pom-, die Pompadour» anstimmt, ohne zu ­wissen, dass eben diese Pompadour anwesend ist. Jedoch ist ­diese gar nicht einmal so böse wegen dessen Majestätsbeleidigungen. Und erotisch hat sie es sowieso auch auf ihn abgesehen.

Im zweiten Akt erreicht die Aufführung, übrigens auch musikalisch mit den militärischen Marschrhythmen (zu denen die Zuhörer mitklatschten), den Höhepunkt. Wie da die Darstellerin der Titelrolle, Christa Hofstetter Marbacher (in Echt Primarlehrerin), im flatternden Hosenkleid im Duett «Joseph, ach Joseph, was bist du so keusch» stimmlich und darstellerisch ihre Verführungskünste ausspielte, wäre auch einer grösseren Bühne würdig wie etwa dem Luzerner Theater, wo vor Jahren Noemi Nadelmann in ihren Karriereanfängen die betörende Dame spielte und sang. Dieser Hauptschlager wurde auch deshalb zu einem Höhepunkt, weil ihr Partner, der sich am Ende in einer Truhe versteckte, sich mit urkomischen Gebärden gegen ihre Angriffe wehrte und mit dem Sturz über einen Stuhl sogar akrobatisches Geschick verriet.

Ein ganzes Dorf im Ausnahmezustand

Akzente setzten auch Philipp Renggli als Polizeiminister Maurepas, der gegenüber der Pompadour das Nachsehen hat, Pascal Stadelmann als Spitzel, Martin Hofstetter als Haushofmeister der Marquise, vor allem aber René Tellenbach als René, Petra Wey-Hofstetter als dessen Frau Madeleine und last, not least Anja von Muralt, die als Kammerzofe einen erfolgreichen Einstand in das Operettenensemble gab.

Nicht nur die Regie, sondern auch die musikalische Leitung (Katja Lassauer) und die Einstudierung des ganz ins Spiel einbezogenen Chors (Ruth Hodel-­Jäger) lagen in Frauenhand. 100 Proben sollen allein mit der Hauptdarstellerin in der einjährigen Vorbereitung stattgefunden haben, mit andern deren 50.

Es ist das besondere Merkmal dieser Produktion, die Entlebuch im Gegensatz zu Arth und Sursee nur alle drei Jahre vornimmt, dass sich ein ganzes Dorf vom Operettenfieber anstecken lässt und ein Gemeinschaftswerk erarbeitet. Rund 200 Personen waren auf und hinter der Bühne beschäftigt. Was früher auch in Sursee noch der Fall war, ist in Entlebuch, wo seit 1834 Theater gespielt wird (seit 1927 vornehmlich Operette), bis heute intakt: Alle Darsteller stammen von hier und sind zum überwiegenden Teil auch hier wohnhaft. Dies hängt sicher auch damit zusammen, dass das Entlebuch eine überschaubare, vom übrigen Kanton etwas abgetrennte Talschaft ist. Wie etwa vor fast zehn Jahren eine Publikation des Entlebucher Musikwissenschafters Hanspeter Renggli dokumentierte, ist das Musizieren in der Familie und in Vereinen hier noch Tradition. Diese lebendige Musikkultur zeigt sich jetzt auch wieder in der Operette.

Hinweis

Operette Entlebuch. Noch 30 Aufführungen bis zum 9. Dezember im Hotel Port. Infos/Vorverkauf: www.operette-entlebuch.ch


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