Autor Peter Handke: Vom Revoluzzer zum Prediger

ROMAN ⋅ Der ehemals «junge Wilde» Peter Handke wird morgen 75 Jahre alt. Mit seinem Theaterstück «Publikumsbeschimpfung» wurde er 1968 bekannt. Nun hat er einen neuen Roman vorgelegt: «Die Obstdiebin».
05. Dezember 2017, 09:51

Peter Henning

Begonnen hat alles 1966 mit seinem denkwürdigen Auftritt bei der «Gruppe 47» im amerikanischen Princeton. Peter Handke, damals gerade mal 24 Jahre alt, hatte den etablierten Schriftsteller-Kollegen «Beschreibungsimpotenz» vorgeworfen – und die während der Tagung anwesenden Literaturkritiker als «ebenso läppisch» bezeichnet wie die Literatur, die zum Vortrag gekommen war. Handke, der bis zu diesem Zeitpunkt erst ein Buch vorgelegt hatte, den zwei Jahre zuvor im Suhrkamp-Verlag erschienenen Roman «Die Hornissen», hatte mit seinem gezielten Tabubruch die deutsche Literatur in ihrem Selbstverständnis als Nachkriegsliteratur erschüttert – und ganz nebenbei einen veritablen Coup in Sachen Selbstvermarktung gelandet. Bis zu diesem Zeitpunkt lenkten die damals angesagten Protagonisten Heinrich Böll, Siegfried Lenz und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki den Literaturbetrieb. Fortan galt der höchst medienwirksam agierende Peter Handke als junger Wilder, der neue Töne und Themen wie Popmusik und Film in die deutschsprachige Literatur einführte.

Literatur-«Popstar» wird Innerlichkeitsprophet

Als zwei Jahre später sein legendäres Sprechstück «Publikumsbeschimpfung» unter der Regie von Claus Peymann in Frankfurt zur Aufführung kam und für einen weiteren veritablen Handke-Eklat sorgte, war aus dem pilzköpfigen Literatur-Beatle, der stets dunkle Sonnenbrille trug, ein ernst zu nehmender, stimmgewaltiger Autor geworden. Einer, der für ein neues, popkulturell orientiertes Erzählen stand – und dabei einen wunderbar amerikanischen Ton anschlug.

Das Schlagwort vom «literarischen Popstar» machte fortan die Runde – und die Auflagen seiner Bücher «Die Angst des Tormanns bei Elfmeter» (1970) und «Der kurze Brief zum langen Abschied» (1972) gingen in die Hunderttausenden. Handke wurde zum Held der nachrückenden Leser-Generation – und war total angesagt. Im Folgenden erwies sich der 1942 als Sohn einer Slowenin und eines Deutschen in Österreich geborene Schriftsteller als äusserst produktiv – und als genialer Selbstvermarkter: Fast zwanzig Arbeiten legte er, der sich fortan in der Manier des introvertierten Dichters inszenierte, alleine zwischen 1970 und 1980 vor: Stücke, Filmskripts und längere Prosastücke – darunter auch die 1978 erschienene, später mit Bruno Ganz und Edith Clever verfilmte Erzählung «Die linkshändige Frau», mit der sich zugleich ein Wechsel im Erzähl- programm des Autors andeutete. Denn Handke vollzog mit seiner aus den Büchern «Langsame Heimkehr» (1979), «Die Lehre der Sainte-Victoire» (1980), «Kindergeschichte» (1981) und «Der Chinese des Schmerzes» bestehenden Tetralogie die Abkehr vom Revoluzzer-Prosaisten hin zum klassisch anmutenden Erzähler. Die Auflagenzahlen seiner Arbeiten gingen darüber erkennbar zurück. Denn der neue, priesterliche Ton, den er plötzlich anschlug, erinnerte mehr an Adalbert Stifter und Goethe denn an den Sound von US-Bands wie Creedence Clearwater Revival, der bislang seine Bücher unterlegte. Gegen alle Einwände aber schreibt Handke seine raumgreifende Privatliturgie bis heute fort, in der das Erzählen und dessen Feier selbst an die Stelle wendungsreicher Plots traten.

Wanderer im Denk- und Fühlkosmos

So auch in seinem aktuellen Roman «Die Obstdiebin», in welchem er einmal mehr die Geschichte einer Wanderung ins «Offene» erzählt. Das Ergebnis ist ein Text, in dem es um die aufrüttelnde Wirkung eines Bienenstichs ebenso geht wie um das allerorts herrschende «allgemeine Stillschweigen.» Wer Handkes Heldin aus der sogenannten «Niemandsbucht», in welcher Handke an der Pariser Peripherie lebt, auf ihrer Wanderung folgt, den nimmt ihr Schöpfer mit auf eine Reise durch seinen eigenen Denk- und Fühlkosmos. Wieder versammelt er all das, was schon seine früheren grossen Bewegungsbücher beschworen. Diesmal verdichtet in der Suche seiner Protagonistin nach Halt, Erkenntnis und innerer Einkehr. Das Resultat ist ein weiteres «Märchen aus neueren Zeiten», wie nur Handke sie zu schreiben vermag.

Am 6. Dezember begeht der erleuchtungssüchtige Mythologe seinen 75. Geburtstag. Seine kurzen, Mitte der Neunzigerjahre erschienenen «Versuche über die Müdigkeit», die «Jukebox» oder der «Geglückte Tag» zählen dabei zum Schönsten, was ihm aus der Feder floss. In ihnen ist er bei sich und der Welt, kommt es zu jener vollkommenen Verschmelzung von Inhalt und Form, um derentwillen er bis heute schreibt und schreibt.

Peter Handke, Die Obstdiebin, Suhrkamp, 560 S., Fr. 45.–

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