Von Fleischeslust und Exzessen

KLEINTHEATER ⋅ Das Theater Mimito schickt uns auf eine apokalyptische Reise mit viel Fleisch und Blut. Zum Glück begegnen wir am Ende noch den Bremer Stadtmusikanten.
20. Oktober 2017, 08:30

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Auf der Bühne liegt ein Stück Frauenfleisch. Eine pompöse Klaviermusik hebt an, während die Scheinwerfer aus dem Bühnenhintergrund eine leere Landschaft beleuchten, in der ab und zu ein paar Figuren mit Tiermasken herumstalken. Dann kippt die gespenstische Intro-Szenerie sekundenschnell in ein fröhliches Gebalge auf der Bühne. Wo sind wir? Soeben haben ein paar junge Leute einen Schlachthof besetzt. Kichernd purzeln sie durchs neue Interieur, machen Witze. Alles scheint gut. Nur der Nachtwächter musste halt leider dran glauben.

«Fleisch» heisst die neuste Produktion des Theaters Mimito, das am Mittwochabend im Kleintheater Luzern Premiere hatte. Es ist ein deftiges Stück, in das wir da reinbeissen, bon appétit! Unter der Regie von Ursula Hildebrand zieht es die vier Spielenden Claudia Berg, Melinda Giger, Sylvie Kohler und Christov Rolla aus dem tändelnden Schlachthof-Besetzer-Idyll mit seinem pubertären Aktivismus unweigerlich zur radikalen Konsequenz ihres Terrorismus gegen Menschen, die Tiere schlachten, weil sie Fleisch essen wollen.

Auch Menschen sind Tiere

Es ist eine wüste Groteske, die uns da serviert wird, in der das Heitere, das Schreckliche und das Makabre durcheinanderpurzeln und auch der kleine pädagogische Zeigefinger nicht fehlt: Ein Wissensspiel, mit dem sich die vier Protagonisten die Zeit vertreiben, klärt uns auf über die Hintergründe des verheerenden Fleischkonsums. An diesen Facts gibt es nichts zu rütteln. Dass darob Menschen so erzürnt werden und Gerechtigkeit herstellen wollen, indem sie selber zu drastischen Mitteln greifen, soll uns, wie damals in den 1970er-Jahren mit den Kapitalistenschweinen, zu denken geben.

Auf ihrem Feldzug gegen die Menschen, die Tiere morden, kennt die Gruppe keine Tabus. Zunächst wird, weil man Hunger hat, der Nachtwächter verspiesen, vom saftigen Arschmuskel über den Penis und die Innereien bis zum Knabbergebäck der Finger- und Zehennägel.

Und man denkt sich dabei: Auch Menschen sind Tiere, warum sollten sie auf dem Speisezettel fehlen? Zu süssen Haustierchen, die von der Fleischgier paradoxerweise verschont werden, hat es uns offenbar nicht gereicht.

Die kleinen Vorbehalte in der Gruppe – Mitleid mit dem armen Nachtwächter – schwinden schnell, ist der Kannibalismus erst mal vollbracht. In der Folge überschlagen sich die Ereignisse. Nachrichten werden eingeblendet, die von immer wieder neuen Attacken auf Menschen berichten. Sie werden geschächtet, wie die Opfer des Islamischen Staats, gehäutet oder mit brutalsten Methoden gefoltert und gemordet, dass es dem Splätterlitheater das Blut in den Adern gefrieren würde. Am Ende scheinen auch Tiere am Schlachtzug beteiligt zu sein, die Opfer werden zu Tätern.

Versöhnliches Schlussbild

Das «Melodarm» wird inszeniert als ein Sammelsurium von Einfällen und Szenen, die collagemässig aneinandergereiht werden. Ein eigentlicher Plot ist nicht auszumachen, es sind mehr einzelne Bilder und überzeichnete Situationen, die das Thema einkreisen und in blutige Fantasien katapultieren. Witzige Statements führen zu Lachern im Publikum, die sogleich wieder ersticken.

Nach einer Stunde scheint die Apokalypse perfekt und hat man sich schon damit abgefunden, dass uns die grellen Scheinwerfer über die Schlachtfelder der Verwüstung ohne Trost wieder in den Alltag zurückbeamen. Aber dann ersteht aus der Asche dieses Schlussbild, dass uns so seltsam berührt und – ja – versöhnlich stimmt.

Die vier mordenden Protagonisten sind nun Hahn, Katze, Hund und Esel, die sich vor der Todeshand ihrer Meister gerade noch retten konnten und nach Bremen ziehen, um Stadtmusikanten zu werden.

Friedlich sind die vier am Bühnenrand vereint und schildern in brillanter Verknappung, was sie treibt und bewegt. Christov Rolla (Texte/Musik) steht gelassen da, zupft die elektrische Gitarre und fistelt mit Kopfstimme die Arie «Nessun Dorma» von Puccini so wunderbar entrückt, dass der ganze Graus langsam verpufft und wir uns mit den Bremer Stadtmusikanten sofort einig sind: «Öppis Bessers als de Tod findsch überall.»

Hinweis

Heute Freitag und morgen Samstag, 20 Uhr, Kleintheater Luzern. Tickets: www.kleintheater.ch

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