Von Märchen und Wunderkindern

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Unter dem Motto «Kindheit» bietet das Sommerfestival 2018 Jugenderinnerungen grosser Komponisten, Kinderprogramme und «Wunderkinder». Mit Projekten für die Jüngsten rückt es das Publikum von morgen in den Fokus.
14. November 2017, 07:52

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

«Wer am Sonntag das Spiel der Schweizer Nationalmannschaft gesehen hat, weiss, wie sehr auch die Schweiz ein multikulturelles Land ist», lachte Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger an der gestrigen Medienkonferenz und fügte hinzu: «Und wie sehr sie davon profitiert!»

Das gilt auch für das Lucerne Festival, wo im Festivalorchester und in der Akademie Musiker aus aller Welt zusammenfinden. Und diesen multikulturellen Aspekt akzentuieren verschiedene Projekte zum Festivalmotto im kommenden Sommer, das ohnehin jeder mal hatte und das jeden etwas angeht: «Kindheit».

Multikulturelle Kinderprojekte

Menschen aus verschiedenen Kulturen bringen die Projekte für die jüngste Generation zusammen, die das «Publikum von morgen» in den Fokus rücken. Lucerne Festival Young lanciert ein Projekt mit der Institution ­Superar Suisse, die in verschiedenen Schweizer Städten Kinder mit Migrationshintergrund in Musik- und Orchesterprojekte einbezieht. «Das Ziel ist, hier etwas Ähnliches aufzubauen», sagt Young-Leiter Johannes Fuchs, der dafür den Kontakt mit Institutionen suchen will, die in Luzern in diesem Bereich aktiv sind.

Multikulturell ist auch das neue Projekt von Regisseur Dan Tanson, der in Luzern die tolle Young-Performance «Heroïca» inszeniert hatte. Er erarbeitet (als zweiter «artiste étoile» neben der Cellistin Sol Gabetta) für die jüngsten Zuhörer eine «Senegalliarde» mit Musik aus dem Senegal. Daneben geht es bei Lucerne Young an verschiedenen Konzertorten vom KKL-Konzertsaal über das Neubad bis zum Kleintheater bunt und interaktiv zu und her – unter anderem in einem Familienkonzert mit dem Teatro Dimitri. Im KKL erklingen Klassik-Klassiker für Kinder wie Prokofjews «Peter und der Wolf» oder Brittens «Young Person’s Guide To The Orchestra». Zur «Kindheit» gehören auch viele Werke grosser Komponisten, die Kindheitserinnerungen oder Märchenstoffe thematisieren – von Prokofjews «Aschenputtel» bis zu Strawinskys «Feuervogel». Eine eigene Reihe des Festivals stellt «Wunderkinder» wie die 14-jährige englische Komponistin, Geigerin und Pianistin Alma Deutscher vor.

Darin sieht Haefliger einen gesellschaftlichen Aspekt auch in diesem Thema: «Es geht auch um die Frage, wie man Spitzenbegabungen entdecken und über das Normalmass der Gesellschaft hinaus fördern soll. Das ist ja in der Schweiz viel umstrittener als etwa in Russland oder asiatischen Ländern, die eine klare Eliteförderung betreiben.»

Zurück zur Fantasie der Kinder

Zum «Kindheit»-Thema steuert auch der Schlagzeuger Fritz Hauser als «composer in residence» Projekte bei. «Gerade improvisierende Musiker versuchen ja, zur Energie und zur Offenheit zurückzufinden, die Kinder und ihre Fantasie auszeichnet», begründete er seine Begeisterung für das Motto. Im Projekt «Schraffur» greift Hauser die kindliche Praxis des Schraffierens auf – mit 200 Mitwirkenden aller Altersklassen.

Mit «Klangkörper» und zwei Uraufführungen in der Regie von Barbara Frey bringt er das ganze KKL bis hinein in die Echokammer zum Klingen. «Mich interessiert nicht der Anschlag, der etwas zum Klingen bringt, sondern der Klang selbst, Klänge, deren Obertonreichtum einen einfach hineinzieht», sagte Hauser, «dafür eignet sich der Konzertsaal des KKL nicht nur wegen seiner Akustik, sondern weil er auch eine Stille ermöglicht, als würde Schnee hereinfallen.»

Moderne-Akzente und Orchesterpremieren

Ein Moderne-Akzent ist die Konzertreihe «Kosmos Stockhausen»: Sie stellt den Avantgarde-Pionier, der nächstes Jahr 90 Jahre alt würde – mit zentralen Werken wie «Inori» für zwei Tanzmimen und Orchester sowie «Gruppen» vor, in dem das Orchester der Academy mit Simon Rattle und seinem London Symphony Orchestra zusammenspannt.

Die prominente Reihe der Sinfoniekonzerte wird angeführt vom Lucerne Festival Orchestra, das unter Chefdirigent Riccardo Chailly in drei Programmen unter anderem mit Lang Lang als Solist in Mozarts Klavierkonzert c-Moll, mit Debussy und Ravel sowie Bruckners Siebter Sinfonie auftritt.

Neu sind in den Sinfoniekonzerten der erste Auftritt der Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko und des London Symphony Orchestra unter Simon Rattle.Der Auftritt des aus Jugendorchestern hervorgegangenen Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela unter Gustavo Dudamel erinnert daran, dass auch Kinder einmal erwachsen und wie Dudamel zu Stars werden können.

Jetzt beginnt der Vorverkauf für Ostern 2018

Bereits bekannt ist, dass das Oster-Festival (17.–25. März 2018) als «artist in residence» die Sopranistin Julia Lezhneva präsentiert. Hier treten unter anderen das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Mariss Jansons, Riccardo Chailly mit der Filarmonica della Scala und die Cappella Andrea Barca unter András Schiff auf.

Hinweis

Eröffnet wird heute der schrift­liche Vorverkauf für das Oster­festival 2018.

www.lucernefestival.ch


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