Von Marotten und Menschen

FOTOAUSSTELLUNG ⋅ «The Hobbyist» thematisiert das Verhältnis von Fotografie und ­Hobbykultur und zeigt, wie das Internet private und soziale Räume verschoben hat.
12. September 2017, 07:33

Das Plakat ist zugleich irreführend und treffend: Es zeigt einen Bodybuilder in Pose. Ein Selfie? Mitnichten. Den prachtvollen Körper hat Eckhard Schaar Ende der 80er-Jahre fotografiert – ein deutscher Kunsthistoriker.

Hobbys sind gelebte Leidenschaften, sind ritualisierte Leidenschaften. Aber was ist, wenn sie ins Bild gesetzt werden? Und wenn ja, wie? Da ist die Hobbyfotografie: Amateure, die fotografieren, was auch immer ihnen gefällt. Und da ist die künstlerische Fotografie, die sich als Motiv bisweilen der Hobbys annimmt.

In der Ausstellung «The Hobbyist» sind beide Sichtweisen vertreten. Und die Grenzen sind insofern fliessend, als nicht immer ersichtlich ist, wer das ist, der fotografiert hat – primär soll das Abgebildete für sich stehen. «The Hobbyist» gibt sich äusserst vielfältig. In den fünf unterschiedlich eingerichteten Räumen werden die Themen strukturiert, werden unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen verdeutlicht. Und mehr noch weitet ein reichhaltiges Begleitprogramm den Rahmen der Ausstellung aus, ebenso ein kluges Magazin (Spector Books), das neben einer Auswahl der gezeigten Fotografien Essays und Hintergründe versammelt. Selbst Adorno wird zur Freizeit zitiert.

Zwischen Amateurkultur und Professionalisierung

Die Ausstellung lässt beim Betrachter spannende Einsichten zu, denn sie thematisiert frisch und freimütig die offene Schnittstelle zwischen Dokumentarist und Hobbyist, zwischen Experte und Amateur. Und lässt oft unfreiwilligen Humor durchschimmern. Etwa beim Komponisten John Cage, der als Pilzsammler gezeigt wird und sich als herausragender Kenner entpuppt. Oder bei Benedikt Bock, einem passionierten Angler aus Colorado, der sich mit jedem seiner gefangenen Fische fotografiert und daraus eine Diashow gemacht hat. Die Fotografin Lotte Reimann ist im Netz auf Wetlook-Foren gestossen – und hat Wetlook-Parties besucht und sich mit den Menschen unterhalten, die sich in nassen Kleidern ablichten lassen; Ende Oktober wird sie aus ihren Gesprächen lesen.

Erst recht bei Mike Mandel, einem professionellen Fotografen. Er machte sich einen Spass daraus, die allgegenwärtigen Baseball-Sammelkarten (die er selbst 1958 gesammelt hatte) zu einem ironischen Spiel auszuweiten. Er lud befreundete Fotografen ein, ähnliche Bilder zu machen. Brillant der Kontrast zwischen Realität und Fake, Held und Normalbürger.

Die Kuratoren Pierre Hourquet, Anna Planas und Thomas Seelig machen auch zeitliche ­Dimensionen sichtbar. Erzählen von den Gegenkulturen der Hippies und Computer-Communities, von der Arts-and-Crafts- und der Maker-Bewegung, mit Dokumenten wie dem «Whole Earth Catalog» und Objekten aus dem britischen «Folk Archive», mit Tribünen und Sitzbänken aus Holz. «The Hobbyist» wird so zu einer alle Sinne ansprechenden Ausstellung.

Dieter Langhart

The Hobbyist: Fotomuseum Winterthur; bis 28.1. Begleit­programm: fotomuseum.ch


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