«Waz ist minne?»

LITERATUR ⋅ Die Herausgeber der Lyrikanthologie «Unmögliche Liebe» haben Minnelieder von zeitgenössischen Lyrikern übersetzen lassen. Ein spannendes, entdeckungsreiches Rendez-vous über 800 Jahre hinweg.
14. November 2017, 07:46

Valeria Heintges

Man kann sich verlieren in all diesen verzweifelt Liebenden, die die Angebetete partout nicht erhören will. «Meinen schlimmen Liebeskummer muss / ich Euch klagen, meine liebe Dame» heisst es bei Albrecht von Johannsdorf. «Du süsse, liebliche Mörderin,/ Warum willst du meinen Körper schlachten», verzweifelt Heinrich von Morungen. Walther von der Vogelweide reiht sich ein in die Schlange und lamentiert: «Frau Minne, ich klag euch noch mehr.»

Walther stellt auch die entscheidende Frage: «Saget mir ieman, waz ist minne?» 800 Jahre ist das jetzt her, aber was die Liebe ist, das fragen sich die Dichter noch heute und wohl bis in alle Ewigkeit. Die Antworten der Dichter damals unterscheiden sich nicht so sehr von denen zeitgenössischer Lyriker. Das zeigt eine Gedichtanthologie, die im Hanser-Verlag erschienen ist und auf 300 Seiten hochspannende Dichtertreffen veranstaltet. 114 Gedichte von 41 namentlich bekannten, dazu drei von anonymen Schöpfern wurden von über 60 heute lebenden Dichterinnen und Dichtern übertragen.

Ja sagt sie erst, wenn er Rhein und Elbe umleitet

Einleitend führt der Mediävist und Lyriker Tristan Marquardt, der zusammen mit dem Lyriker, Übersetzer und diesjährigen Büchner-Preisträger Jan Wagner als Herausgeber fungiert, in die Minnelyrik ein. Marquardt weist darauf hin, dass sich das Genre erst entwickeln konnte, als die Fürsten an ihren Höfen be­gannen, Lyrik zu fördern. Die wurde nicht wie die geistliche Dichtung in Latein, sondern in Deutsch verfasst. Behandelt wurden Themen, die am Hof von Interesse waren. Im Wesent­lichen ging es um Ritter und Hofdamen und deren Verhältnis zueinander. Marquardt spricht von «Variationskunst», denn immer wieder geht es um die angebetete Schöne, die das Werben des Ritters nicht erhören darf, weil sie so tugendhaft ist. Gerade das macht paradoxerweise ihre Tugend aus. Die Schöne weist den Ritter ab, egal, wie sehr er fleht und bittet und bettelt. Einige Gedichte sprechen von der schönen Liebesnacht, die aber – bei Tage besehen – verschwiegen werden muss.

Die Auswahl der mittelalterlichen Gedichte, die auch im Original abgedruckt sind, beeindruckt, weil sie neben Meistern wie Walther von der Vogelweide, Heinrich von Morungen, Reinmar der Alte, Neidhart, Frauenlob oder Hadlaub bis zu Oswald von Wolkenstein auch Künstler umfasst, deren Namen heute nur noch Spezialisten bekannt sein dürften. Und so kann man immer wieder Überraschungen erleben, etwa Muskatblut, den Marcel Beyer übertrug und dem er in der Reihe «Zwiesprachen» ein eigenes Bändchen widmete. Herrlich ironisch der Tannhäuser, der die Wünsche der Dame ad absurdum führt, die ihn erst erhört, wenn er den Rhein und die Elbe umleitet, den Salamander aus dem Feuer holt und den Regen stoppt.

Bei manchen bleibt das Original fast unsichtbar

Mit kleinen Schlichen versuchen die Dichter, den Fesseln zu entkommen. Etwa, wenn auf das Wehklagen des Ritters die Dame antwortet. Oder die Natur die Stimmungen des Dichters spiegelt. Ein Buch zum Stöbern, Finden und Entdecken.

Allerdings nicht nur des Mittelalters. Denn auch die Lyriker von heute zeigen in ihren Übertragungen eine extreme Bandbreite. Sie erhielten eine Rohübersetzung des mittelalterlichen Textes und konnten sich bei Mediävisten zusätzliche Hilfe holen. Manche erweisen sich als Meister der Sprache, wenn sie die komplizierten Reimschemata der Originale so übertragen, dass weder Witz noch Sinn verloren geht. Das gelingt vor allem Richard Pietrass, aber auch Marcel Beyer, Durs Grünbein und der promovierten Mediävistin Ursula Draes­ner. Mehr Freiheiten nehmen sich etwa Sylvia Geist oder Ulf Stolterfoht, die sich vom Original entfernen und ihm doch treu bleiben, weil sie den Ton treffen und den Rhythmus.

Und dann gibt es die, bei denen das Original fast unsichtbar hinter der Übersetzung zurückbleibt, bei Urs Allemann etwa, Nora Gomringer oder Oswald Egger. Ihnen scheint es wichtiger gewesen zu sein, den eigenen Stil zu beweisen als die Mittelalterlyrik zu transportieren. Eine Arroganz, die zum Glück nur eine kleine Minderheit der Lyriker befällt.


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