Wenn die Klassik rockt

BÜRGENSTOCK ⋅ Der Schlussabend des Bürgenstock-Festivals vereinigt die Beatles mit östlicher Volksmusik. ­Wobei Klassik und Rock frech ihre Rollen tauschen.
12. Februar 2018, 17:11

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Eigentlich ist Miloš Karadaglic so etwas wie ein Star. Einer jener klassischen Musiker, der weit über «sein Publikum» hinaus die Menschen erreicht. Und dies mit der Gitarre, welche in der Klassik heute eher zu den Exoten gehört. Was seinen Erfolg ausmacht? Vor vier Jahren sah ich Miloš das erste Mal in der Royal Albert Hall in London, eine Art Kolosseum, 7000 bis 8000 Zuschauer und in der Mitte der junge Künstler.

Alleine, ohne jede Begleitung spielte der 34-Jährige seine ruhigen, meist klassischen Stücke. Das Publikum ist konzentriert, der Applaus «normal». Da ist ­keine rasende Virtuosität, keine Melodie, mit der man singen könnte. Doch all seine CD schafften es in England in die Hitparade, nicht auf die vordersten Plätze, doch mindestens unter die ersten 50. In den Klassikcharts belegte er gar den ersten Rang.

Ruhige Natürlichkeit

Also, was ist das Geheimnis seiner Popularität? Am Sonntag trat ­Miloš im Rahmen des Schlusskonzertes des 6. Bürgenstock-Festivals in der Villa Honegg auf – vor knapp 60 Personen. «Ich konzertiere gerne an unterschiedlichen Orten», erklärt der Gitarrist. «So habe ich auch schon in einer Disco gespielt. Schlussendlich geht es immer darum, das Publikum zu spüren, mit ihm Kontakt aufzunehmen, sein Konzert hinüber zu bringen.» Sicher, mit Alben wie «Latino» oder «Blackbird – The Beatles» bewegt er sich in populären Gefilden. Doch auch auf dem Bürgenstock ist Miloš nicht für den Effekt zuständig, spielt ruhig, intim, ja unspektakulär. Und vielleicht ist dies das Geheimnis seiner Wirkung. Er konzentriert sich ganz auf die Musik, ist sich selber, wirkt authentisch.

Natürlich sind die Stücke der Beatles marktkonform. Doch sind die für Miloš geschriebenen Arrangements grösstenteils raffiniert, übertragen die weltbekannten Gesänge in ein neues Gewebe. Die Ohrwürmer laufen mehr in der Nebenrolle denn als Hauptakt. Die «aufrührerische» Musik der Beatles in Meditationsform. Er spielt Rhythmus, Akkorde und Melodie in Personalunion. Die komplexen Griffe meistert er gut. Dies ist keine Selbstverständlichkeit. Denn für den montenegrinischen Gitarristen ist es das erste Konzert seit über einem Jahr. «Zu viele Auftritte», erklärt Miloš. «Die Muskeln haben nicht mehr mitgemacht. Ich bin froh, kann ich wieder auftreten, aber ich muss in Zukunft sicher besser dosieren.»

Im Gegensatz zu den ruhigen Beatles – ganz getreu dem Titel «Kontraste» – bietet der klassische Teil einen kräftigen, expressiven, ja rockigen Gegenpol. Vor allem der erste Teil überzeugt. Der Pianist José Gallardo, die Violinistin Rosanne Philippens und der ­Cellist Stephan Koncz spielen ­einen explosiven Rachmaninow (Trio élégiaque Nr. 1). Die Musiker geben dem Stück, das nur wenig Ruhe kennt, einen weiten, sinnstiftenden Bogen und viel Charakter. Mit Fülle, Tiefgang, aber auch Explosivität wird die russische Melancholie gezeichnet. Aufmerksam ist das Zusammenspiel.

Meer aus Gedanken und Emotionen

Höhepunkt des Abends ist die «Elégie pour Mimi» für Cello und Klavier. Stephan Koncz spielt satt, manchmal auch bewusst rau. Mit vielen Facetten fächert er das Meer aus Gedanken und Emotionen. Ein freier und fas­zinierender Schwan, der im letzten Akkord tot auf das Eisfeld klatscht.

Etwas weniger überzeugen die Volkslieder im Programm. Béla Bartóks «Kontraste für Violine, Klarinette und Klavier» sind als Auftragswerk für den Jazz-Klarinettisten Benny Goodman entstanden. Während die Violine neckt und springt, mit Arpeggi, Pizzicato und viel Tremolo, ist die Klarinette (Andreas Ottensamer) für das singende Volkslied verantwortlich. Hier, wie auch in der abschliessenden «Overture on Hebrew Themes» (Sergei Prokofiev) fehlen die letzte Präzision und der innere, starke Bogen, welcher die anderen Stücke prägt. Etwas unglücklich ist die Zugabe, wo drei der Musiker sich am gleichen Klavier der «Romanze für 6 Hände» (Rachmaninow) widmen, die dieser für seine Cousinen komponierte. Wohl der familiären Stimmung des Festivals geschuldet, bringt dies musikalisch wenig.

Fazit: Mit seiner Mischung von Tango bis zu den Beatles und von Mozart bis ins 20. Jahrhundert erlebte das Festival eine spannende 6. Auflage. Wie immer bildeten die Musiker der Berliner Phil­harmoniker das qualitative Rückgrat. Auch beim Publikum kam die Mischung an. Die Konzerte waren bis auf eines alle aus­verkauft, inklusive des Abends im Zürcher Kaufleuten mit 500 Gästen.

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