Wie die Landschaft die Menschen prägt

KINO ⋅ Der Engländer Francis Lee erobert mit seinem Langfilmdebüt «God’s Own Country» Festivals ­ und Kinoleinwände. Ein rundum glaubwürdiger Film über eine Männerliebe vor rauer, schöner Naturkulisse.
11. November 2017, 09:19

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Johnny Saxby geht mit den Tieren behutsamer um als mit den Menschen. Seit sein Vater (Ian Hart) einen Schlaganfall erlitten hat, hat der 24-Jährige die ganze körperliche Arbeit auf der Schafsfarm im nordenglischen Yorkshire quasi allein zu erledigen. Grossmutter Deirdre (Gemma Jones) kümmert sich um den Haushalt. Man redet nur das Nötigste. Man könnte Johnny ebenso gut für einen Knecht halten. Doch dann könnte er sich nicht jeden Abend im Pub besaufen. Der schnelle Sex mit jungen Männern ist reine Triebbefriedigung.

Jetzt, wo die Lammsaison vor der Tür steht, bekommt John Unterstützung von einem rumänischen Gastarbeiter. Gheorghe ist der Einzige, der sich auf die Anzeige gemeldet hat.

Gottes eigenes Land, ­ sagt der Volksmund

Der englische Regisseur Francis Lee hat seinen ersten langen Spielfilm «God’s Own Country» in seiner Heimat angesiedelt. Selbst in den Pennine Hills aufgewachsen, wollte er seine Beziehung zu dieser Landschaft und ihren Gegensätzen – wunderschön und unwirtlich zugleich – erkunden, sagt er im Gespräch. Gottes eigenes Land, so wird Yorkshire im Volksmund genannt.

Lee, der auch das Drehbuch zum Film verfasst hat, arbeitet stark mit diesen landschaftlichen Gegensätzen, die sich auch in den Figuren spiegeln. Denn dieser Gheorghe ist sanftmütig und ­bedacht. Wie sagt man doch, Gegensätze ziehen sich an, und natürlich entspinnt sich zwischen den beiden jungen Männern, als sie da mehrere Tage und Nächte zusammen in der unerbittlichen Umgebung helfen, Lämmer auf die Welt zu bringen und Natursteinmauern wieder in Stand setzen, eine Liebesgeschichte. Eine der schönsten Szenen des Films – zumindest von der Idee, nicht vom unmittelbaren Zuschauen her: Gheorghe zieht einem toten Lamm das Fell ab und stülpt es einem anderen wie eine zweite Haut über, das seine Mutter verloren hat. Das Mutterschaf des toten Lamms erkennt jenes anhand des Geruchs als das ihre an und lässt es trinken. Die Natur ist hart – hier geht es ums Überleben, und die Natur ist schön. Johnny lächelt das erste Mal.

Auf die Szene angesprochen, meint Lee: «Sie funktioniert als Spiegel der Beziehung von Johnny und Gheorghe.» Gheorghe lehrt den wilden, ungestümen Johnny, Verantwortung zu übernehmen und sich richtig um die Tiere zu kümmern, aber auch zu berühren, Zärtlichkeit zuzulassen und sich auf jemanden einzulassen. «He opens him up», sagt Lee. Er öffnet ihn für alles Mögliche. Für das Leben und dafür, dass es womöglich einen Ausweg aus der Sackgasse gibt.

«God’s Own Country» beschreibt den Reifeprozess eines Menschen und erzählt eine berührend schöne Liebesgeschichte. Am Ende hat sich Johnny verändert. Auch im Gesicht – der Ausdruck ist weicher geworden. Das ist glänzend gespielt von Josh O’Connor. Überhaupt, alle spielen sie überragend, und man muss hier das Wort Authentizität heranziehen.Francis Lee hat es seinen Darstellern nicht leichtgemacht. Drei Monate vor Drehbeginn haben sie damit angefangen, bis ins kleinste Detail alles über ihre Figur zu lernen. «Sie wussten sogar, welche Socken sie tragen und wo sie sie gekauft haben», führt Lee aus. Dann kam vielleicht der härteste Part, die Arbeit auf der Farm. Wochenlang mussten Alec Secareanu und Josh O’Connor von der Pike auf lernen, was sie später auf der Leinwand verkörpern sollten. Die oben beschriebene Szene mit dem Lamm wie auch die, in der Gheorghe Geburtshelfer spielt, wurden in nur einem Take gefilmt. Die grösste Herausforderung war denn auch das Wetter, so Lee: «Wir haben im Frühling gedreht, und da hast du vier Jahreszeiten an einem Tag.»

Hier hat einer sein Ding durchgezogen, und das zahlt sich aus. Seit Januar ist Francis Lee unterwegs, um seinen Film zu promoten. Nach der Schweiz fährt er noch nach Schweden und nach Frankreich, dann ist die Tour endlich beendet. In England am 1. September letzten Jahres in den Kinos gestartet, läuft «God’s Own Country» in seiner Heimat Yorkshire – in Halifax, der nächstgrösseren Stadt – immer noch und hat damit sogar «Dunkirk» von Christopher Nolan überrundet.

«Brokeback Mountain» hatte keinen Einfluss

In Sundance hat erstmals ein Kritiker den Vergleich zu «Brokeback Mountain» gezogen. «Wenn es sich um eine heterosexuelle Beziehung handeln würde, würde niemand die beiden Filme miteinander vergleichen», meint Lee. Aber ärgern tut er sich nicht darüber. Damals, vor zwölf Jahren, als er Ang Lees Meisterwerk im Kino gesehen habe, sei er enorm berührt gewesen von dieser tragischen Liebesbeziehung.

Ganz daneben ist der Verweis freilich nicht, auch wenn Francis Lees Film freizügiger, rauer – und hoffnungsvoller ist. Denn neben der inhaltlichen verweist er auf eine weitere Ebene: «Brokeback Mountain», der jüngste Oscar-Gewinner «Moonlight» oder jetzt eben «God’s Own Country» sind Beispiele dafür, wie sich Filme dank tiefer Emotionalität und authentischer Figurenzeichnung für alle öffnen und die sexuelle Orientierung der Liebenden keine Rolle mehr spielt.

Hinweis

«God’s Own Country» eröffnete das Pink Panorama in Anwesenheit von Francis Lee. Ab Donnerstag regulär im Stattkino Luzern.


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