Wie im Kindergarten, nur viel besser

KUNST ⋅ Das international bekannte Schweizer Künstlerduo Lutz & Guggisberg hat in den Ausstellungsräumen des Luzerner Verlags Edizioni Periferia 1200 Tonfiguren aufgestellt. Der «Umzug der Tiere und Möbel» feiert den künstlerischen Schöpfungsakt.
11. November 2017, 09:21

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

«Wir können nicht die Position ­jeder Figur eine halbe Stunde verhandeln», sagt Andres Lutz, während sein Kollege Anders Guggisberg eine Holzplatte an eine Holzkiste lehnt. Guggisberg prüft die Steigung des Brettes genau. Auf dieser Rampe sollen später drei bis vier der insgesamt 1200 Tonfiguren stehen, die in acht Zügelkisten darauf warten, ausgepackt zu werden.

Bis September bildeten diese Figürchen aus gebranntem Ton in der Ausstellung «La grande invasion des peuples et des meubles» in der barocken Abteikirche im jurassischen Bellelay zwischen Plastikblachen auf dem Kirchenboden lange Ameisenstrassen. Jetzt haben sie in den wesentlich überschaubareren Räumen des Luzerner Kunstbuchverlages Edizioni Periferia eine neue Heimat gefunden. Und ihre Erschaffer, das Künstlerduo Lutz & Guggisberg, reflektieren Umzug im Ausstellungstitel gleich mit. Er heisst «Umzug der Tiere und Möbel».

Kindlicher Spieltrieb

Das international bekannte Schweizer Künstlerduo erschafft im kindlichen Spieltrieb aus einfachen Materialien hoch ästhetische installative Mikrokosmen. In der Region bauten sie zuletzt 2014/15 das gutbürgerliche Ausstellungshaus Museum Bellpark in Kriens in ein trashiges Atelier um («More is more») oder liessen vergangenes Jahr in der halbdunklen Strohhalle in Göschenen auf einem mehrere Meter langen Laufsteg vorm Besucher allerlei Figuren defilieren («Umzug/Parade»).

Die Bricolage, die Verwendung vorhandener Materialien, ist für Lutz & Guggisberg essenziell. Auch in Luzern haben die Künstler sich aus dem Fundus der Galerie bedient sowie eine ältere Arbeit namens «Drei Lampen» (2001) recycelt: Mehrere aufeinandergestapelte konische Lampenschirme aus Stoff, die von innen mit Neonlicht ausgeleuchtet sind, verströmen im ersten Raum warmes Stubenlicht. In ihrer Machart erinnern diese Lampentürme an Constantin Brancusis Statue «Endlose Säule». Derselbe geometrische Körper wird in der Stapelung zu einem architektonischen Statement.

Von den 1200 schwarzen, weissen, erd- und fleischfarbenen gebrannten Tonfigürchen ist keines gleich. Dennoch besitzen alle dieselben Proportionen und lassen sich zu Typen zusammenfassen. Lutz & Guggisberg haben eine fantasievolle Nomenklatur erfunden. Aus einem Kollektiv stehender Fingerkuppen wird etwa eine «Fingergruppe». Es begegnen einem ein «grinsender Klotz» und eine «Hundewanne», aus welcher der Kopf eines Hundes ragt, als wäre die rechteckige Wanne dessen Torso.

Es handelt sich bei den Figuren um keine Chimären im strengen Sinn, also um Gestalten, die sich aus den Physiognomien verschiedener Lebewesen zusammensetzen. Es sind hybride Lösungen, halb beseelt, halb Objekt. Und es sind gerade die graduellen Abweichungen innerhalb der Figurentypen, die den Eindruck erwecken, man habe es mit der evolutionären Entwicklung einer Form zu tun, die sich in einem Moment der Instabilität ständig verwirft und aufs Neue erfindet.

Drei Monate Handarbeit

Was für die Figuren gilt, gilt auch für die Installation als Ganzes: Der Kosmos, den die Figuren von Lutz & Guggisbergs bilden, befindet sich in einem fortwährenden Übergang, der nicht zuletzt auch im Namen der Installation eingeschrieben ist. Wer in diesem Gewusel eine Ordnung sucht, wird zwangsläufig scheitern. Lutz & Guggisberg feiern das Chaos mit einem unermesslichen Formwillen. Die Tonfiguren schwärmen im Raum nach allen Richtungen aus, überschreiten Zimmergrenzen. Ihre Marschlinie ist mehr oder weniger geschlossen, die gemeinsame Ausrichtung auf ein Ziel mehr oder weniger stark. Zu Gruppen verdichtete Figuren erinnern an die Wortbedeutung von Umzug im Sinne einer Karnevalsveranstaltung. Das schafft unterschiedliche Dynamiken im Raum.

Erschaffen haben Lutz & Guggisberg die «kurligen» Kerle in dreimonatiger Handarbeit: mit der Hand, mit Werkzeugen wie einem kleinen Sieb, durch das sie den weichen Ton hindurchdrückten, oder einem zur Modellierung eingesetzten Nagelkopf. Der Witz, der Schalk, der einfache Zauber, den die Figuren ausstrahlen, sind das Ergebnis einfachster Handwerkskunst, wie sie jedes Kind aus dem Kindergarten kennt. Damit kehren die Künstler an den ungeschminkten Ursprung künstlerischer Schöpfung zurück. Dass die zwei sich bei der Akkordarbeit über die Schulter schauten, lässt den Eindruck entstehen, die Figuren seien die Handarbeit eines Einzelnen.

Kunst ist Handwerk

Die Tonfiguren in der Gestalt von Fingern und Händen nehmen vor dem Hintergrund ihrer Entstehung in der Installation einen ­besonderen Stellenwert ein. Im 45-minütigen, fast ungeschnittenen Making-of-Video, das den Entstehungsprozess in den Ausstellungsraum holt, gehen diese Fingerkuppen und Hand-Männchen mit den in Grossformat ­gezeigten Künstlerhänden Verbindungen ein, die auch Anleihen an die biblische Schöpfungs­geschichte haben: Der Künstler-Gott erschafft seine Ebenbilder.

Die Machart des Making-of ist dabei, ähnlich wie die Figuren selbst, dilettantisch und nicht ­inszeniert und erinnert an die Heimwerker-Videos auf Youtube, wo man sich mit mässig professionellen Präsentationsmitteln, aber äusserst ernsthaft und engagiert eines Themas annimmt. Auch Lutz & Guggisberg geht’s es um die Sache selbst und den unzensierten Spass daran.

Hinweis

Lutz & Guggisberg. «Umzug der Tiere und Möbel». Edizioni Peri­feria, Unterlachenstrasse 12; 12./18./25. 11. sowie 2. 12., jeweils 12 bis 17 Uhr. www.periferia.ch


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