Wie Kunst immer gesprächiger wird

KUNSTBUMMEL ⋅ Absurde Schuhroboter, mit Dorfsujets bemalte Spannteppiche und kaltes Metall, das plötzlich lebendig wird: Wir waren auf Erkundungstour durch einige Ausstellungsräume der Zentralschweiz.
27. Januar 2018, 09:37

Galerie Kriens: Barbara Jäggi

Wer dieser Tage in die Galerie Kriens spaziert, begibt sich auf eine Reise mit Startpunkt Industrie und Endpunkt Poesie. «Objekte», die neuste Ausstellung von Barbara Jäggi, zeigt uns aus Metall gefertigte Kunstwerke, die auf den ersten Blick eher verhalten im Raum zu stehen scheinen und immer gesprächiger werden, je mehr man sich auf sie einlässt. Das grösste Werk der Ausstellung, eine mobileartige Installation, entführt sofort in einen Zustand wachsender Entspannung, ohne dass man sich dabei in ihr verliert.

Christian Hartmann schuf für diese Installation eigens eine meditative Kontrabasskomposition, welche die Schatten der Mobileobjekte akustisch begleiten, während sie langsam an den weissen Wänden entlanggleiten. Am Boden im Nebenraum stehen sechs teilweise rostige Figuren («Vielflächner»), die an eine Geometriestunde oder aber auch an ein Schiffswrack erinnern. Die aus Metallabfällen bestehende «Reliefwand» wird zur geometrischen Augenweide.

Genau das ist es, was diese Ausstellung ausmacht: die Spannung zwischen industriellem Material und dem daraus entstehenden ästhetischen Ereignis. Barbara Jäggi zeigt somit, dass auch in der Industrie poetisches Potenzial brachliegt. In ihrer Ausstellung lässt sie kaltes Metall lebendig werden, Geschichten erzählen, Erinnerungen wachrufen: Plötzlich findet man sich in den Weiten Islands, an einem Strand an der Nordsee oder beim Spaziergang an einem kühlen Herbstmorgen wieder.

Nadine Meier

Galerie Kriens, Obernauerstrasse 1d. Bis 4. 2. Mi/Sa, 16 bis 18 Uhr, sowie So, 14 bis 18 Uhr. www.galerie-kriens.ch


Café Arlecchino: Bruno Müller-Meyer

Mit Spannteppichen war er 1993 unterwegs in der Zentralschweiz. Nein, nein, kein Vertreter einer Teppichfirma, sondern der Luzerner Künstler Bruno Müller-Meyer. Er wollte raus aus dem Atelier, rein in den öffentlichen Raum, in die Dörfer und Gemeinden. Und dort für Gesprächsstoff sorgen. Innerhalb von jeweils zwei bis drei Tagen pinselte er mit roter, weisser und rosa Acrylfarbe akribisch auf Spannteppich zentrale Plätze oder Strassen, beispielsweise in Eberse­cken, Hitzkirch, Eschenbach, Ober­ägeri, Trubschachen oder auch Luzern. Die entstandenen Bilder zeigte er damals über dem Stammtisch eines Gasthauses. Auch das gehörte mit dazu – Kunst sollte für eine breite Öffentlichkeit zugänglich und Teil des Alltags sein.

Eine Auswahl dieser Arbeiten aus den 1990er-Jahren, die Müller-Meyer als Schlüsselwerke versteht, ist zurzeit im Luzerner Café Arlecchino zu sehen.

Beengend ordentlich wirken die «Dorfporträts» mit ihren Gartenzäunen, Geranien und Kopfsteinpflastern. Verstärkt wird dieses Gefühl der Enge dadurch, dass die Ortschaften als leblose Kulisse festgehalten sind. Keine Autos, keine Velos, keine Menschen. Der einzige Hinweis auf die Anwesenheit einer Person ist die schablonenhafte Signatur des Künstlers mittig am unteren Rand – hier hat er sich positioniert.

Die Bilder vermögen aber auch ein Schmunzeln zu entlocken. Ausgesprochen humorvoll ist die Wahl des Bildträgers, und die Farben wirken frisch, man ist versucht, zu sagen poppig. Die industriell gefertigten Spannteppiche in der Grösse von Jassteppichen erzeugen eine fast intime, sehr taktile Nähe zu den Bildern. So, als würde man sie mit den Augen berühren.

Aus dieser Kombination von Akribie im Festhalten des Motivs und einer eigensinnigen Materialwahl entsteht eine Stimmung zwischen Befremdlichkeit und Nähe – ein widersprüchliches Heimatgefühl.

Andrea Portmann

Café Arlecchino, Habsburgerstrasse 23, Luzern. Bis 31. 3. www.muellermeyer.ch


Galerie Meile: «Extended Ground – Group Show»

Über Jahrhunderte war chinesische Kunst traditionsgebunden und den Vorgaben der politischen Führungsmächte unterworfen. Erst seit 1979 wurden überkommene kulturelle und künstlerische Positionen in Frage gestellt. Mit der Öffnung hin zum Westen kam in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre eine Vielzahl an bisher unbekannten Literaturen und Philosophien in das Land, die eine kulturkritische Hinterfragung der chinesischen Tradition entfachte, von der man sich zu Gunsten der Etablierung einer eigenen Identität mehr und mehr distanzierte.

Allerdings war diese «neue» Identität von westlichen Vorbildern geprägt. Neben philosophischen Theorien wurden auch die wichtigsten künstlerischen Positionen der letzten 100 Jahre von chinesischen Künstlern adaptiert. Ein Beispiel dafür ist der Political Pop. Dieser bedient sich der Sprache der Pop-Art, um Figuren sozialistischer Politiker humorvoll darzustellen oder zu verfremden. Ab 1995 begann sich die neu angestrebte Identität allmählich von westlichen Vorbildern zu lösen. Durch die Verwendung von Fotografie und Video wurde die Kunst experimentierfreudiger, aber auch gewaltsamer und körperlicher, was insbesondere mit der Aktions- und Performancekunst zum Ausdruck kam.

Dieser in den letzten Jahren entstandenen Diversität widmet sich die Ausstellung in der Galerie Urs Meile. «Extended Ground» zeigt die Vielfalt zeitgenössischer chinesischer Kunst, die längst nicht mehr das blosse Nachahmen westlicher Kunst vorsieht. So nutzt etwa der chinesische Konzeptkünstler Li Gang (*1986) traditionelle Objekte, um gesellschaftliche Probleme zu thematisieren. Für «The End» hat er den Russ aus Abgasrohren gekratzt und in Form eines Tuscheblocks gepresst. Neben sechs chinesischen Künstlern sind drei Positionen aus der Schweiz vertreten, darunter der Bündner Mirko Baselgia (*1982) sowie Rebekka Steiger (*1993) und das Duo Wittmer & Koenig (*1990) aus Luzern. Sie alle sind beteiligt am Artist-in-Residence-Programm in Peking. Die Ausstellung schafft einen Dialog, der sich über geografische und kulturelle Distanzen erstreckt und Raum für die Sicht einer jungen Künstlergeneration schafft.

Giulia Bernardi

Galerie Urs Meile, Rosenberghöhe 4, Luzern. Di bis Fr, 10 bis 18 Uhr. Bis 9. 2.

www.galerieursmeile.com


Kunsthalle Luzern: «Aus Strom»

Die Technologisierung und ihre Möglichkeiten stiessen schon immer auf grosses Interesse. So beschäftigte sich Jean Tinguely (1925–1991) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Maschine. Er interessierte sich für ihre Zusammensetzung, ihre Bewegung, die von ihr erzeugten Geräusche. Eifrig fertigte er Reliefs und Skulpturen an, die poetisch oder gesellschaftskritisch waren, und wurde zu einem der Hauptvertreter kinetischer Kunst.

Heute scheint das Interesse für dieses Thema immer noch da zu sein. Die Ausstellung «Aus Strom» in der Kunsthalle Luzern präsentiert neun Künstler, die mit unterschiedlichen Medien experimentieren.

Uns begegnen die absurden Schuhroboter «Dirty Ghosts» von Yoan Mudry (*1990, Lausanne), die sich selbstständig durch den Raum bewegen. Zwischen solch aberwitzigen Apparaten lassen sich auch solche mit archaischem oder philosophischem Charakter finden. So etwa die Installationen des tschechischen Künstlers Quido Sen (*1948, Ostrava).

Aus organischen Materialien fertigt Sen tierartige Gebilde: einen Gemüsesack etwa, der sich beispielsweise durch einen Ventilator langsam mit Luft füllt, wieder entleert und so einem atmenden Tier gleicht. Mit «Kommunikation» thematisiert Daniel Imboden (*1960, Luzern) die Verfälschung von Informationen in der digitalen Gesellschaft: Eine Nürnberger Schere, eine Gelenkkette aus mehreren gekreuzten Stäben, schnellt nach vorn und filmt dessen Betrachter. Die Aufnahme wird auf mehrere Bildschirme übertragen, auf denen diese bis zur Unkenntlichkeit verfremdet werden.

Giulia Bernardi

Kunsthalle Luzern, Löwenplatz 11. Mi bis Sa, 15 bis 20.30 Uhr, So, 14 bis 18 Uhr. Bis 18. 2. Künstlergespräch und Podiumsdiskussion: 18. 2., 14 bis 18 Uhr.

www.kunsthalle-luzern.ch

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