Wieder war Stargeiger Renaud Capuçon auf Sarasates Spuren

KKL LUZERN ⋅ Eine bekömmliche Fortsetzung der französischen Programmlinie des Luzerner Sinfonieorchesters war das Extrakonzert des Orchestre Nationale de France und des derzeit bekanntesten französischen Geigers.
14. April 2018, 07:30

Auf den ersten Blick sah das ­Konzert mit dem Orchestre ­Nationale de France unter Chefdirigent Emmanuel Krivine, das unter dem Patronat der Vontobel- Stiftung stand, wie ein «normales» Abonnementskonzert des Luzerner Sinfonieorchesters aus. So war das Programmheft in der üblichen Form mit den ausführlichen Einleitungen zu den Werken und mit den Biografien der auftretenden Musiker abgefasst. Eine weitere Parallele zum Abonnementskonzert im vergangenen Januar: Es wurden hauptsächlich französische Werke gespielt, und mit dem Franzosen Renaud Capuçon war derselbe Geiger als Solist in Aktion.

Dabei spielte der Künstler, eine elegante Erscheinung, diesmal kein französisches Werk, sondern ein deutsches, das aber eine auffallende Ähnlichkeit besitzt: Wie die «Symphonie espagnole» von Edouard Lalo ist das Konzert von Max Bruch kein eigentliches, ja noch weniger ein Violinkonzert, was schon mit dem vollen Titel «Fantasie für Violine mit Orchester und Harfe unter freier Benützung schottischer Volksmelodien» unmissverständlich ausgedrückt wird.

Umso mehr muss man anerkennen, dass Capuçon nicht auf das ultra-populäre erste ­Violinkonzert gegriffen hat, das zum Leidwesen des Komponisten ­alles Übrige, auch seine beiden andern Violinkonzerte, völlig an den Rand gedrängt hat. ­Gewiss man kann Vorbehalte ­haben, da das Werk etwas gar einseitig sich in allen vier Sätzen auf original schottische Volksmelodien stützt und aus diesen immer wieder die betörend schönen und breit ausgesponnenen Melodien schöpft. Gleichwohl wäre es schade, würde man dieses Konzert links liegen lassen, das Bruch dem spanischen Meistergeiger Pablo Sarasate – eine weitere Parallele zum Lalo-Konzert – auf den Leib geschrieben hat.

Deutsch mit französischem Charakter

Capuçon brachte durchaus zum Vorteil den französischen Charakter, den er anstrebt, auch in dieses Konzert ein. Ähnlich wie Itzhak Perlman, der als einer der wenigen vor langer Zeit das Konzert auf CD eingespielt hat, und zwar hervorragend, verband der Franzose, unter Verzicht auf übertriebene Portamenti und vom ehemaligen Geiger Emmanuel Krivine und seinem Orchester rücksichtsvoll begleitet, feinste Sensibilität mit einer ganz auf schönen Ton ausgerichteten Phrasierung. Ebenso geschmackvoll, aber noch betörender und «französischer» im Ton war der Vortrag der sinfonischen «Méditation» aus der Oper «Thaïs» von Jules Massenet. Das war mehr als eine Zugabe, vielmehr eine veritable Verstärkung des französischen Programmcharakters.

Für eine weitere französische Ausweitung sorgte auch das ­Orchester, indem es am Ende die nicht weniger bekannte «Barcarolle» aus Jacques Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen» intonierte. Zeigte sich das Orchester im eröffnenden Vorspiel zu Humperdincks Oper «Hänsel und Gretel» noch nicht von seiner vorteilhaftesten Seite, spielte es seine Qualitäten in Bezug auf Klangsinn, Rhythmus und Agilität in allen Werken, in denen die doppelte Harfe zum Zug kam, umso stärker aus: wogend im Klangrausch in Ravels orchestralem Kleinod «Une Barque sur l’Océan» und grossorchestral auftrumpfend in Claude Debussys Paradewerk «La Mer», wo das begeisterte Publikum sogar zwischen den Sätzen applaudierte.

 

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

 


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