Wir haben uns unseren Untergang verdient

KINO ⋅ Die Alien-Filme sind Abrechnungen mit der Menschheit. Im sechsten Teil erscheinen wir ­ als ­diejenigen, die wegmüssen. Und eine Maschine ist der Richter.
17. Mai 2017, 05:00

Wenn in Ridley Scotts Alien-­Filmen ein fast unbesiegbares Überwesen gnadenlos eine Raumschiffbesatzung dezimiert, geht es niemals bloss um Grusel und Schauwert. Es geht immer um die Zukunftschancen der gesamten Menschheit. Dem sechsten Teil zufolge waren diese noch nie so schlecht. Sind wir es wert, gerettet zu werden? Das ist der philosophische Subtext manchen Horrorfilms. «Alien: Covenant» antwortet: Nein, wir haben uns unseren Untergang verdient.

Kronzeuge dafür ist der Android David (Michael Fassbender), der schon im Vorgängerfilm «Prometheus» vorkam. Der Prolog beginnt mit seinem wissenden Auge. In einem weissen Raum vor einem Seepanorama fragt er seinen Bioingenieur Peter Weyland (Gastauftritt: Guy Pearce) gleich ganz direkt: «Wenn Sie mich erschaffen haben, wer hat dann Sie erschaffen?» Der künstliche Mensch sieht die Schwächen und Erkenntnisschranken seines Schöpfers sofort, weil er sie selbst nicht hat. Trotzdem dient der unsterbliche Android seinem Meister bis zu dessen Tod.

Nicht immer lässt Mutter Natur menschliche Schwächen so ungestraft. Das wird zehn Jahre nach dem Unglück der «Prometheus» am Beispiel des Kolonistenschiffs Covenant durchgespielt. Wie einst die Siedler in Nordamerika soll das Schiff mit 2000 tiefgefrorenen Pionieren und dem Androiden Walter (ebenfalls dargestellt von Michael Fassbender) an Bord eine neue Welt urbar machen. Der Funkspruch einer Frau, die John Denvers «Country Roads» singt, lenkt die Crew auf einen viel näheren Planeten, der sich ihnen als Paradies darstellt.

Die perfekte ­ Spezies

Sie treffen dort nicht nur den mit der «Prometheus» verschollenen David, der in zehn Jahren Müssiggang zum Flöte spielenden Renaissance-Androiden geworden ist. Es gibt dort auch Vorformen des Aliens aus dem später angesiedelten Originalfilm von 1979 sowie eine Art Protomenschen, die Protoweizen anbauen. Der Android lässt eine deutliche Sympathie erkennen für die seines Erachtens perfekte Spezies.

Wie die Crew um den autoritätsschwachen Kapitän Oram (Billy Crudup) über ein gigantisches Forum mit Knäueln verkohlter Menschen- und Alienleichen stolpert, wie David vor einer Toteninsel-artigen Kulisse mit Shelley-Zitaten um die Androidenseele seines Nachfolgers Walter ringt, all das ist höchst ikonisch. Und das, obwohl es weitgehend aus dem Computer kommt; der Abspann listet viele hundert Effektspezialisten auf.

Gefragt wird ganz grundsätzlich: Was ist menschlich? Als die überlebende Daniels den Android nach seiner Meinung zum neuen Planeten fragt, sagt er vieldeutig: «Ich denke, wenn wir gütig sind, wird es eine gütige Welt sein.» Das ist grossartig gespielt. Multitalent Michael Fassbender ist die perfekte Besetzung für die undurchsichtigen Androiden. Dass man künstlichen Menschen nicht trauen soll, weiss man zwar seit dem ersten «Alien»-Film.

Ebenso intensiv verkörpert die aufstrebende Katherine Waterston («Inherent Vice») die mitleidsvolle und mitleiderregende Daniels, die mit ihrem instinktiven Argwohn gegenüber jener neuen Welt völlig Recht behält. Der sechste «Alien» ist in Summe sehr gut und gibt der Reihe einen interessanten Weiterdreh. Dabei ist er natürlich zu schlau, sich selbst auszuerzählen.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Fabian May, DPA

kultur@luzernerzeitung.ch

Video: Alien: Covenant - Trailer

Science-Fiction-Film von Ridley Scott. Kinostart: Donnerstag, 18. Mai 2017. (Tel-A-Vision, 02.05.2017)




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