Ai Weiwei: «Wir sind alle auf der Flucht»

DOKUMENTARFILM ⋅ Mit «Human Flow» begibt sich Ai Weiwei auf die Spuren der internationalen Flüchtlingsströme. Wir trafen den chinesischen Künstler zum Gespräch in seinem Atelier in Berlin.
13. November 2017, 07:54

Interview: André Wesche

Ai Weiwei, wann haben Sie begonnen, sich auch von einer künstlerischen Seite für Flüchtlinge zu interessieren?

Zu einer ersten Annäherung kam es bereits in China. Ich stand unter Hausarrest und mein Pass wurde eingezogen. Es war mir nicht gestattet, zu reisen. Ich setzte mich intensiv mit den Nachrichten über die Krise auseinander, die sich im Nahen Osten ereignete. Viele der Flüchtlinge landeten in irakischen Camps, weil der IS Völkermord an Minderheiten betrieb. Es entstanden Flüchtlingslager der UNO im Irak. Mich interessierte sehr, wer diese entwurzelten Menschen sind und wie man ihnen eine Stimme geben kann.

Was haben Sie getan?

Ich habe zwei meiner Studio­assistenten entsandt. Ich habe sie instruiert, mit jedermann Interviews zu führen. Ich hatte einen Fragebogen entworfen: Woher kommst du? Wie sieht dein ­Leben aus? Welche Bedingungen herrschen im Camp? Wohin soll die Reise führen? Wie siehst du deine Zukunft? Alle haben meine Fragen bereitwillig beantwortet und wir haben einen Film über ihre Situation gemacht. Das war, bevor ich wieder in Besitz meines Passes war. Als ich später nach Deutschland kam, erfuhr ich, dass einige dieser Menschen den Weg hierher gefunden hatten. Jetzt war es möglich, mir persönlich ein Bild zu machen. Ich ging nach Lesbos, um weiter zu filmen.

Sie haben in vielen Teilen der Welt gedreht. Welchen roten Faden legten Sie zugrunde?

Es war klar, dass der Film eine bestimmte Perspektive einnehmen und eine spezielle Sprache ­sprechen soll. Wir bedienen uns ­keiner journalistischen Heran­gehensweise. Die globale Flüchtlingssituation ist sehr komplex. Man trifft sie in völlig unterschiedlichen geografischen Regionen: im Mittleren Osten, in Afrika, in Asien, in Mexiko. Auch in Deutschland, Frankreich, ­Griechenland und Italien wurde gedreht. Wir hatten ein grosses Team, arbeiteten gleichzeitig an verschiedenen Orten. Wir bemühten uns um einen möglichst objektiven Standpunkt. Wir haben mehrere hundert Interviews mit den unterschiedlichsten Leuten geführt: mit Regierungsbeamten, mit Funktionären der UNO, mit freiwilligen Helfern und mit den Flüchtlingen. Wir haben mit Schleppern, einem Priester und mit Totengräbern gesprochen.

Sie wollten nicht dieselben Bilder zeigen, die täglich in den Nachrichten auftauchen?

Genau. Die Aufnahmen sollten weder zu schockierend noch zu sentimental sein. Wir wollen der Humanität und Menschenwürde ein Gesicht geben. Gleichzeitig möchten wir die Schwierigkeiten aufzeigen, mit denen sich diese Menschen konfrontiert sehen. Es sind so viele Probleme, die sich stellen, es ist fast unmöglich, all das in zwei Stunden Film zu zeigen. Wir beobachten aus einer globalen Perspektive. Dazu brauchte es eine filmische Sprache, die diese Perspektive einfangen kann. Hier kamen die Aufnahmen mit Drohnen ins Spiel. Sie zeigen die massive Beschaffenheit des menschlichen Stroms und der Flüchtlingslager oder die natürlichen Bedingungen, die in einem Gebiet herrschen.

Wann wussten Sie, dass der Film reif für das Kino ist?

Der Film ist beendet, aber er ist weit davon entfernt, fertig zu sein. Er bleibt fragmentarisch. Es wird mir niemals gelingen, einen Film über dieses Thema zu machen, den ich als komplett empfinden würde. Der politische Hintergrund ist komplex und schwer zu verstehen. Es ist ein Massenmord, der sich vor dem Angesicht der ganzen Welt abspielt. Wir sehen es und lassen es geschehen. Wir müssen unser Menschsein, unsere Demokratie und unsere zivilisierte, machtvolle Gesellschaft hinterfragen. Wollen wir wirklich so weiterleben oder nicht? Diesen Fragen müssen wir uns stellen.

Lernen wir nichts aus der Geschichte?

Aus der Geschichte nicht, aber auch nicht aus vielen Dingen, die sich gegenwärtig auf der Welt abspielen. Wir haben uns daran gewöhnt, Demokratie und Freiheit als selbstverständlich zu betrachten. Das sind sie aber nicht. Die Zu­stände können sich sehr schnell verändern. Das ist Furcht einflössend. Wie oft zucken die Menschen mit den Schultern und sagen «Was können wir schon tun?». Man kann viel tun. Man kann Einfluss auf andere Menschen ausüben und seiner Stimme Gehör verschaffen.

Sehen Sie sich selbst als Flüchtling?

Ich glaube, wir sind alle irgendwie auf der Flucht. Ich meine nicht unsere Väter oder vergangene Generationen, sondern uns selbst. Wir stellen uns nicht der Verantwortung, anderen Menschen zu helfen. Unser aller moralischer Zustand steht in Frage. Was mich betrifft, so nennen wir uns in China nicht Flüchtlinge. Mein Vater (der Dichter und Regimekritiker Ai Qing) wurde für zwanzig Jahre in den Nordwesten Chinas verbannt. Ich selbst habe einige Zeit in New York verbracht, ohne die Sprache zu sprechen und ohne ökonomische Unterstützung. Ich kann Menschen gut verstehen, die ihr Heim und ihr Milieu verloren haben und irgendwo als Fremde leben.


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