Ophelia's Iron Vest: «Wir sind sehr bewusst Traditionalisten»

COUNTRY ⋅ Die Band Ophelia’s Iron Vest fällt mit ihrem Country und ihren Auftritten in der Luzerner Musiklandschaft immer wieder auf. Jetzt veröffentlicht sie eine neue Platte und spielt bereits zum zehnten Mal am B-Sides-Festival.
14. Juni 2017, 05:02

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Ein feierliches Orgelintro hebt an. Es ist, als ob ein grosser roter Vorhang sich öffnete. Dann setzt die Stimme ein, die Orgel schwillt, leise wimmert die Pedal-Steel, «I ain’t got no home in this world here», singt der Sänger und erzählt von der Dunkelheit hinter all dem Glitter und wie er sich verloren fühlte. «But I know I will be found», klingt es tröstlich, die Band fällt ein, schon rollt der Zug. Die «Railroad to Heaven» ist auf Kurs. Bald sind wir alle gerettet. Und der Teufel im Hinterstübli lächelt auf den Stockzähnen.

Bluegrass und Country

Mit «The Holy Gospel of Country Music» entführen uns Ophelia’s Iron Vest in den Bible-Belt der Countrymusik, wo der Glaube an Gott die Seele stärkt, wo es wimmelt von Versuchungen und die Sehnsucht nach Erlösung auch die Abtrünnigen packt. «It’s the devil who made electro music» heisst eines der Stücke, mit dem uns der Reverend im schönsten Bluegrass-Setting vor der teuflischen Musik warnt und empfiehlt: «Burn that disco down, beat that Dj to the ground.»

Auf zehn Songs feiern Ophelia’s Iron Vest ihre neue Gospel-Country-Messe. Ein paar Tracks sind mit Banjo, Mandoline und akustischen Gitarren im klassischen Bluegrass-Stil gehalten, der Rest präsentiert sich als schön aufgemotzte Country-Version mit Piano/Orgel, Schlagzeug und Pedal-Steel, was bisweilen auch recht rockig daherkommt. Auf ihrem Debütalbum «The Spice River Valley Radio Show» hatten Ophelia’s Iron Vest eine Radioshow à la Grand Ole Opry im County-Mekka Nashville inszeniert. Der Nachfolger fokussierte sich auf die «The Drinking Side» des Country-Music-Lebens.

Jetzt, auf ihrem Holy-Gospel-Konzeptalbum, bringen sie ihre musikalischen und singenden Botschaften so gelassen und beschwingt über die Rillen, dass man im Grunde gar nicht mehr sicher ist, ob sie das alles nun ernst meinen oder nicht. «Das ist das Schöne, dass das in der Schwebe bleibt», grinst Andreas Gantner (32), im richtigen Leben nicht Reverend, sondern Germanist und Berufsschullehrer. Er spielt Gitarre und Mandoline, singt und schreibt alle Songs.

Ganz sicher aber haben die fünf Musiker ein grosses Flair und eine ebensolche Liebe für Countrymusik und Bluegrass samt ihren Ikonen, Traditionen und Mythologien. Das gilt insbesondere für die Brüder Andreas Gantner und Martin Gantner sowie Julius Lange, die als alte Freunde vor bald zwölf Jahren Ophelia’s Iron Vest gegründet haben. «Mein Bruder und ich begannen diese Musik intensiver zu hören. Er kaufte ein Banjo, Julius eine Pedal Steel Guitar, und ich lernte Mandoline.» Mit Vasco Schelbert (p), Remo Baumgartner (b) und Maurin Crameri (Schlagzeug) entstand das heutige Quintett.

Ein wichtiger Impulsgeber für das Country-Interesse der beiden Brüder war Bob Dylan, dessen Kanon tief in die Roots des amerikanischen Liedguts reicht. Wie von selber tauchten die Namen aus der Tradition auf (etwa Bill Monroe und Earl Scruggs & Lester Flatt) und führte das anhaltende Interesse zu all den Verästelungen und Ausprägungen dieser traditionellen Genres.

Die Themen haben überdauert

Nebst der Musik interessiert Gantner vor allem das Performative des Country- und Bluegrass-Universums. «Man kann in eine Rolle schlüpfen und daraus hervor die Lieder spielen, das behagt mir. Egal, ob du ein Reverend oder Redneck bist.» Gantner grinst: «Als Indie-Rocker bist du einfach ein Indie-Rocker, egal ob vor, auf oder nach der Bühne. Das wäre für mich schwierig.» Zum Performativen gehören nicht zuletzt die Outfits der Band, diese rosa und hellblauen Anzüge, mit Gitarren- und Kaktus-Emblemen bestickt, in denen sie stilecht kitschig zur Showtime bitten.

«Wir sind sehr bewusst Traditionalisten», sagt Gantner. Die Tradition in der Countrymusik sei wichtig. «Die Traditions­linien werden zelebriert, auch verklärt und mythologisiert.» Schon die früheren Musiker hätten von den frühen Zeiten erzählt, «da hat sich ein richtiges Pantheon von Musikern und Figuren entwickelt». So gesehen falle Countrymusik völlig aus der Zeit, in anderer Hinsicht jedoch überhaupt nicht, «ihre Themen haben überdauert: Trinken, Liebeskummer, die Suche nach Erlösung. Das ist immer noch zeitgenössisch.»

Ophelia’s Iron Vest haben nicht die grossen Ambitionen, aber sie wissen schon, was sie können. «Wenn wir je den Traum gehabt hätten, richtig gross zu werden, hätten wir ihn längst begraben.» Sie lieben einfach die Musik, spielen sie gerne und erfrischend gut. Ihre mehrstimmigen Gesänge erfreuen das Herz, die Stimmungen zwischen Heiterkeit und Melancholie besänftigen die zweifelnden Stunden. Und manchmal galoppiert es los wie an einer «Country-Stubete».

Überall auf dem B-Sides-Gelände

Oft spielen sie an Hochzeiten und Festen, kommen mit ganz verschiedenen Gesellschaftsschichten in Kontakt, erleben schräge und lustige Stunden. Da sie doch nicht wirklich zur Hardcore-Country-Szene gehören, fallen sie bei den Veranstaltern manchmal zwischen Stuhl und Bank. Natürlich würden sie gerne an grösseren Festivals spielen, zum Beispiel am Albisgüetli. Warum nicht, sagt Gantner. «Dort würden wir hervorragend hinpassen. Und von dem, was ich bisher gehört habe, müssten wir uns auch qualitativ keine Blösse geben.»

Dass sie auch dieses Jahr – zum zehnten Mal – wieder am B-Sides vertreten sind und während zweier Tage irgendwo auf dem Gelände oder am nächtlichen Feuer aufspielen, freut sie tierisch. «Es ist immer super am B-Sides. Immer gleich, aber immer anders, wie eine einzige lange Nacht, mit schönen Begegnungen und witzigen Situationen. Es ist ein Ort, wo man das Glück erleben kann.»

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