«Wir waren Betmaschinen»

HEIMJUGEND ⋅ Sergio Devecchi hat 60 Jahre lang verschwiegen, dass er in einem Heim aufgewachsen ist. Nun hat der renommierte Zürcher Heimleiter ein Buch über seine Lebensgeschichte geschrieben.
13. September 2017, 08:39

Interview: Nina Rudnicki

Lediglich zehn Tage lang lebte Sergio Devecchi im Oktober 1947 als Neugeborener bei seiner Mutter in Lugano. Er war damals ein Kind der Schande: Seine Mutter hatte keinen Ehemann. Die knapp 20-Jährige sollte sich daher gar nicht erst an das kleine Wesen gewöhnen. Das Kind kam ins Heim, erlebt Züchtigung, sexuelle Übergriffe. Als junger Mann ist er am Tiefpunkt seines Lebens angekommen. Doch dann beginnt er eine Ausbildung zum Sozialarbeiter - und wird zu einem der bekanntesten Heimleiter der Schweiz..

Sergio Devecchi, bis zu Ihrer Pensionierung haben Sie niemandem erzählt, dass Sie, ein bekannter Heimleiter, selbst ein Heimbub waren. Wovor hatten sie Angst?

Angst ist das falsche Wort. Viel mehr empfand ich eine tiefe Scham. Ich fühlte mich schuldig und nicht zur Gesellschaft dazugehörig. Das hinterlässt Narben in der Psyche und der Seele. Ich kenne viele Heimkinder, die ihre Geschichte ebenfalls aus diesem Schuldgefühl heraus ein Leben lang verschwiegen haben. Dieses Schweigen verbindet uns. Ich befürchtete damals auch, mir meine berufliche Zukunft zu verbauen, wenn ich von meiner Heimvergangenheit erzählen würde.

Mittlerweile haben Sie in dem Buch «Heimweh» Ihre Geschichte veröffentlicht. Jeder kennt nun Ihr Geheimnis.

Das Echo ist enorm gross. Viele Personen sind erstaunt, weil sie nicht wussten, dass es solche Zwangsmassnahmen überhaupt gab. Mein Buch leistet einen Beitrag zur Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels. Gerade weil so viele Betroffene geschwiegen haben, hat es solange gedauert, bis der Bund bei den Opfern von Zwangsmassnahmen um Entschuldigung gebeten und die ­wissenschaftliche Aufarbeitung begonnen hat. Auch die Wiedergutmachungs-Initiative, der Kino-Film «Der Verdingbub» und die Recherchen von Journalisten haben viel dazu beigetragen.

Wer ist in Ihren Augen der Hauptschuldige: der Staat, die Kirche, die Gesellschaft?

Es gibt keinen Hauptschuldigen. Kirche und Staat sind Hand in Hand gegangen. Als Kind spürte ich kein einziges Mal die schützende Hand des Staates. Ich konnte nicht in Würde aufwachsen. Aus moralisch-religiösen Gründen wurden wir in die Obhut der katholischen und evangelischen Kirche übergeben. Es ist skandalös, dass uns Kindern das angetan wurde. Heute ist es zum Glück nicht mehr möglich, dass ein Kind aus moralischen Gründen fremdplatziert wird.

Sie sind überzeugt, Ihr Schicksal wäre Ihnen erspart geblieben wäre, wenn es früher schon die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) gegeben hätte?

Ja, davon bin ich überzeugt. Hätte es die Kesb damals gegeben, wäre mir das nicht passiert. Der gesetzliche Auftrag der Kesb ist, das Kindeswohl in den Mittelpunkt zu stellen. Über mein Schicksal entschieden mit dem Pfarrer und einem Gemeindemitglied Laien. Meine Mutter hatte Glück, dass sie nicht gleich selbst wegen «liederlichem Lebenswandel» versorgt wurde.

Sie und Ihre Mutter haben nie wieder zueinander gefunden. In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihre Mutter als distanziert und abweisend. Werfen Sie ihr das vor?

Nein, ich werfe meiner Mutter nichts vor. Sie war genauso Opfer. Als unehelich geborenes Kind wurde ich ihr nach zehn Tagen behördlich entrissen. Diesen Schock hat sie nie verkraftet. Wie sie damit umgegangen ist, ist ihre Sache. Meine Vorwürfe richten sich an den Staat und die Kirche. Sie haben als verlängerter Arm der Gesellschaft so gehandelt. Darum ist die Wiedergutmachung auch so wichtig.

Wann wurde Ihnen erstmals bewusst, dass Sie anders aufwuchsen als die anderen?

Das wurde mir bewusst, als ich mit vier Jahren in den Kindergarten kam. Ich ging ganz alleine hin und auf einmal sah ich Mütter und Väter, die ihre Kinder auf dem Arm trugen. Das hatte ich noch nie gesehen. Da merkte ich, dass ich anders bin. Im Heim hatten sie uns bloss ein Familiensystem vorgegaukelt: Wir mussten unsere Betreuer Vati, Mueti, Onkel und Tante nennen. Der Kindergarten in Pura gehört aber zu meinen schönen Erinnerungen. Sobald ich die Kindergarten-Schoss anzog, sah ich aus wie alle anderen. Auch die Kindergärtnerin machte keinen Unterschied. Das tat mir gut.

Dass Sie anders und weniger wert sind, wurde den Heimkindern damals von ihren Erziehern eingetrichtert. Wie gingen Sie damit um?

Viele verdrängen das Heimleben. So auch ich. Als Jugendlicher habe ich angefangen, meinen Lebenslauf gesellschaftsfreundlich anzupassen. Ich schrieb, ich hätte die Schule in Pura und Zizers besucht. Das Heim erwähnte ich nicht. Dafür erfand ich den Namen meines Vaters. So habe ich mir eine Familie zusammengezimmert. Ich hatte oft Angst, die Wahrheit würde entdeckt. Als ich mich etwa in der Jugendstätte Bellevue in Altstätten als Heimleiter bewarb, befragte mich während des Vorstellungsgesprächs gleich eine ganze Kommission. Aber ich hatte mich gut vorbereitet und bekam den Job.

Trauten Sie dieser Expertenkommission denn nicht zu, dass sie Sie verstehen würden?

Nein. Ich empfand einerseits Scham und Schuld. Andererseits vertraute ich der Gesellschaft nicht. Sie hatte mich ja jahrelang «verseckelt». Auch wenn sich die Situation verbessert hat, so ist es für viele Betroffene auch heute noch schwierig, zu ihrer Heimvergangenheit zu stehen.

Woher nahmen Sie die Kraft, alles durchzustehen?

Ich weiss nicht, wieso ich an meinem Schicksal nicht zerbrochen bin. Denn viele andere Heimkinder sind mit ihrer Geschichte nie zurechtgekommen. Ich glaube, mir wurde ein gesunder Widerstand in die Wiege gelegt. Ich habe nicht geglaubt, was uns so streng und penetrant vorgebetet wurde und ich war nie dankbar, ein Sünder zu sein. Ich habe früh hinter die Fassade der Frömmigkeit geblickt. Einmal hat uns Vati, der Heimleiter, aus der Bibel vorgelesen, wie Mose einen Stock warf, der dann zur Schlange wurde. Danach ging ich in den Weinberg und warf einen Stock. Er wurde nicht zur Schlange und ich dachte: «Da kann etwas nicht stimmen.»

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