Witzig, zynisch, herzlich – und was noch?

ZEITGEIST ⋅ Im Juli kamen die «Statusmeldungen» von Österreichs Kultautorin Stefanie Sargnagel auf den Markt. Im März veröffentlichte Deutschlands frechste Feder Ronja von Rönne ihre «Beschwerden ans Leben». Zweimal Nabelschau und viel Trost für die Welt.
13. August 2017, 05:01

Susanne Holz

Ronja von Rönne, 1992 in Berlin geboren und in Oberbayern aufgewachsen, machte sich viele Feinde, als sie im April 2015 für «Die Welt» einen Beitrag schrieb, der mit «Warum mich der Feminismus anekelt» betitelt war. «Ich bin keine Feministin», schrieb sie, «ich bin Egoistin.» Womit das Wichtigste gesagt war. Die Kolumnistin und Jungautorin erklärte dann noch, die Lohngleichheit von Mann und Frau sei ihr nicht wichtig – fühle sie sich benachteiligt, stelle sie direkte Forderungen: «An die Stelle des Kampfes um Frauenrechte ist schon lange der Kampf des Individuums um sein Glück getreten.» Später beeindruckte von Rönne ihre Kritiker aber wieder: Sie lehnte einen Preis ab, den sie für den Text hätte bekommen sollen: «Mein Text war eine spontane Wutrede im Kontext einer Debatte und sollte kein lebenslanges Statement sein.»

Spontanität, Emotionalität und eine geistige Freiheit, die die Möglichkeit zulässt, seine Meinung zu ändern – auf diese Eigenschaften trifft man nicht nur bei Ronja von Rönne, sondern auch bei ihrer österreichischen Kollegin, der Autorin und Künstlerin Stefanie Sargnagel, geboren 1986 in Wien als Stefanie Sprengnagel. Beide veröffentlichten dieses Jahr ein neues Buch, Sargnagel erst kürzlich ihre «Statusmeldungen», eine Aphorismensammlung aus Facebookposts aus der Zeit von 2015 und 2017 – Ronja von Rönne im März den Band «Heute ist leider schlecht. Beschwerden ans Leben», eine Auswahl ihrer Kolumnen aus der «Welt am Sonntag» und aus ihrem Blog «Sudelheft», neue Texte inklusive.

Ronja von Rönne: spontanes Lachen garantiert

Verweilt man sich in von Rönnes Buch, muss man unwillkürlich der Kolumnistin Margarete Stokowski Recht geben, die einmal im «Spiegel» schrieb: «Nach dem Feminismustext (diesen fand sie «elend», Anmerkung der Redaktion) las ich ein paar andere Texte und mochte sie alle. Ich fand sie auf poetische Art autonom und toll.» Selbst würde man sagen: autonom und unglaublich witzig. Ronja von Rönne lässt einen spontan auflachen, wenn sie beispielsweise schreibt: «Man ist nicht mit 40 zu alt für Miniröcke, sondern wenn man sich kritisch im Spiegel anschaut und denkt: ‹Ich glaube, dieser Minirock steht mir weniger gut als das rattengraue Kostüm.›» Woher in der Welt weiss sie das schon – mit 25, fragt man sich ehrlich beeindruckt von so viel frischer Schreibe.

Frech und menschenfreundlich zugleich lässt sie sich auch über die Menschen auf dem Land aus: «Ich mache mich auf den Weg ins Dorfzentrum, auf dem Weg lächelt mir eine Radfahrerin ein ‹Hallo› entgegen, ich erschrecke mich, wieso lächelt die so, die hat doch gar kein Highspeed-Internet. Bestimmt eine Irre.» Komplett um den Finger gewickelt hat einen die Autorin nach der Lektüre ihrer Kolumne «Conni hat Aids». Der Titel an sich lässt erst mal nur die unbeschwert lachen, die wissen, wer mit Conni gemeint ist. Von Rönne erklärt es dann auch sogleich: «Sie ist die blonde Heldin einer Buchreihe. Conni ist brav, schlau, immer gut gelaunt. Ich hasse Conni. Conni war immer genau so alt wie ich gerade und konnte alles.» Heute noch vollkommen fertig davon, zählt von Rönne Titel auf: «Conni lernt reiten. Conni lernt schwimmen. Conni lernt singen. Conni rettet Oma.» Man kann ihren Frust nachvollziehen, hat man doch selbst seinen Kindern zwischendurch ein Conni-Buch vorlesen müssen und sich jeweils gähnend gedacht: Warum nur ist man ständig mit dieser bieder-humorlosen Conni-Sippe konfrontiert? Verkauft sich das Zeug wirklich so gut oder steckt die Bildungspolitik dahinter?

Doch findet man von Rönne nicht nur witzig, sondern für ihre 25 Jahre auch erstaunlich weise. Der namenlosen Person, die in einer weiteren Kolumne einfach mal gerne die Menschen ­hassen würde, dies aber nicht schafft, sagt sie: «Ihr Glaube an das Gute im Menschen ist anhänglich wie ein Abszess, wahrscheinlich sind Sie schon früh mit Moral oder Liebe in Berührung gekommen, davon nährt sich Hoffnung ­oft jahrelang.»

Stefanie Sargnagel: Seelenruhiger Galgenhumor

Und Stefanie Sargnagel? Ihre «Statusmeldungen» sind noch kürzer auf den Punkt gebracht als Ronja von Rönnes Kolumnen. Sprachlich sind sie weniger elegant, aber es findet sich ein ähnlicher Witz und Zynismus in ihnen – und manchmal auch Poesie (siehe Box). Im «Spiegel» hiess es im Juli kurz nach Erscheinen des Buchs: «Ganz egal wie demütigend die Situationen sind, die sie beschreibt, wie trashig das Essen und wie bedrückend das TV-Programm, man geht auf wundersame Weise gestärkt aus der Lektüre hervor.»

Diese Beobachtung möchte man ­sofort unterschreiben. Sarg­nagels seelenruhiger Galgenhumor, eingebettet in die Berichterstattung ihrer absurden Erfahrungen als Telefonistin im Callcenter und ihres scheinbar etwas müde vor sich hinplätschernden Alltags, erinnert einen vage an gespielten Blues. Will heissen: Sargnagel lesen entspräche Blues hören. So wie man vor Jahren dachte: Bukowski lesen ist gleich Blues hören. Es soll schon Leute gegeben haben, die noch nie betrunken waren, aber dennoch Gedichte und Prosa des Henry Charles Bukowski (1920–1994) – alias Roman-Alter-ego Hank Chinaski, dauerbetrunken – tief in ihr Herz schlossen.

Wieso? Das mag am Trost liegen, den diese Lektüre vermittelt, denn für Weltschmerz braucht es kein Alkoholproblem – den kennen wir alle. Und an der erfrischenden Ehrlichkeit der Schilderungen. Fragt sich nur, ob Sargnagels «Statusmeldungen» tatsächlich der «erste grosse Pop-Roman ohne Popmusik und ohne Roman» sind, wie es der «Spiegel» schreibt. Und ob sie tatsächlich mit der Lyrik eines Charles Bukowski (siehe Box) mithalten können? Zwar sind auch dessen Gedichte keine Sonette à la Shakespeare, bewusst geformte Poesie sind sie jedoch allemal.

Bekenntnis zur Unvollkommenheit

Den direkten Vergleich einer Stefanie Sargnagel mit dem US-amerikanischen Kultautor scheut auch Martin Hartmann, Professor für Philosophie an der Universität Luzern: «Bukowski wirkt bei aller wilden Sexualität stilbewusster, künstlerischer und dadurch auch echter.» Doch abgesehen von Stil und Kunst – was Charles Bukowski und heutigen jungen Autorinnen wie Sargnagel, von Rönne oder auch Charlotte Roche gemeinsam ist, ist das Bekenntnis zur Unvollkommenheit. Woher das rührt? Vom Überdruss am Optimierungswahn?

Martin Hartmann: «Wir sind umgeben von optimierten Körpern, und wir sollen uns optimieren. Autorinnen wie von Rönne oder Roche zeigen den Preis auf, den wir für diesen Wahn bezahlen – Depression, Angst, Versagensfurcht. Und formulieren eine Art utopisch befreiter Körperlichkeit. Wie Charlotte Roche in ‹Feuchtgebiete› (2008), wo es um Körperausscheidungen und Masturbation geht.» Der Philosoph weiter: «Es gibt eben doch noch Tabus, und für diese haben Roche und Co. ein Gespür. Insofern halten sie uns den Spiegel vor, was gute Literatur ja immer macht.»

Sind von Rönnes Kolumnenband und Sargnagels Facebook-Aphorismen also doch subversive Literatur und nicht nur populistische Nabelschau? Martin Hartmann: «Sie sind in Grenzen subversiv, aber der Tabubruch wirkt immer etwas inszeniert.» Und: «Es gibt keine klare Definition von Literatur. Manche würden sagen, das Fiktive ist entscheidend – hier changieren diese Bücher enorm. Die Autorinnen kommen kaum weg von sich. Viel Zeitgeist, wenig Fiktion. Literatur, ja, aber eher keine gute.»

 

«Eure Wut beflügelt mich»

«Statusmeldungen», Auszüge:

20.7.2015
«Wenn niemand bei dir ist
Du denkst, dass keiner dich sucht
Du hast die Reise ins Jenseits
vielleicht schon gebucht
wenn dein kaltes Bett 
dich nicht schlafen lässt
halt dich an meinen Büchern fest.»

8.8.2016
«Immer wenn mir fad ist, ruf ich
 in der vollen U-Bahn ‹Allahu akbar›.»

1.9.2016
«Das intellektuelle Niveau unter
Sozialhilfeempfänger-Freunden
ist viel höher als das unter den 
Erfolgreichen.»

Stefanie Sargnagel 

«Was macht dein Herz?»

Auszug aus einem Bukowski-Gedicht:

In einem billigen Zimmer
in einer fremden Stadt
aufzuwachen und das
Rollo hochzuschieben –
das gab mir eine ganz
verrückte Zufriedenheit;
und über die Dielen zu einer
alten Kommode mit einem
gesprungenen Spiegel zu gehen –
mich darin zu sehen, hässlich,
und über alles zu grinsen.

Das Entscheidende ist
wie gut man durchs
Feuer geht.

Charles Bukowski 

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