Wo Wind «durch die Wipfel streunt»

ERZÄHLUNGEN ⋅ Wunder gibt es nur im Märchen? Eine Übersetzerin und Lektorin ­veröffentlicht mit 66 ihr erstes Buch. Es ist eine Wucht – und sprachlich eine Wohltat.
07. April 2018, 09:53

Manch unsensible Verlage gibt es hierzulande – ihrer zwölf haben beim Prosa-Début der Luzernerin Erika Frey Timillero abgewinkt. Doch erst der Frauenfelder Verleger Beat Brechbühl hat es wohl wirklich gelesen und gestaunt und es sich geschnappt. Und wer es liest, wird die Begeisterung des Schriftsetzers, Druckers und Büchernarren teilen. Das ist grosses Kino, das ist Arthouse-Literatur. Das ist plastische Sprache, das sind Bilder von Liebe und Freundschaft, von Brüchen und vom Versanden, vom Leben und seiner Verletzlichkeit. Und da ist kein Wort zu viel und keines falsch, da ist «Die Ewigkeit in einem Augenblick». So heisst Erika Freys Buch. Fünf ­Erzählungen enthält es, von fünf Frauen handelt es und von fünf Wegen, das Glück zu erhaschen.

Bei Erika Frey ist das Glück von flüchtiger Gestalt. Da beobachtet Christine den Chinesen vom Hotelbalkon aus, sieht, wie seine Hände den Rücken einer Frau im Bikini massieren. Christine winkt ihn zu sich. «Ihr Körper ist traurig», sagt der feingliedrige Mann aus Shanghai. Sie lädt ihn nach einem gemeinsamen Spaziergang zum Essen zu sich ein – und er bringt alles mit und kocht, und als sie aufwacht, sind da nur noch die Essstäbchen und ein Zettel. «Nein, sie hatte nicht geträumt. Sie hatte in dieser Nacht ihr Leben zurückgewonnen. Genau das und nicht weniger war passiert.» Aber nicht das, was die Leserin vielleicht annehmen mag.

Zartbitterer Ton, liebesgeübte Hände

Erika Frey beobachtet ihre Figuren aufs feinste, entwickelt sacht ihre Geschichten, arbeitet gern mit Rückblenden und filmischen Schnitten wie in «Die Horváths». Leise schält die Autorin Kontraste heraus zwischen einer alleinerziehenden Mutter und einem grosszügigen und doch sehr selbstbezogenen Ehepaar während der gemeinsamen Ferien. In «Nordisches Licht» arbeitet die Studentin Luzia allein in der Wohnung wildfremder Menschen an ihrer Abschlussarbeit über einen dänischen Künstler, und über allem schwebt ihr Schwarm, «der kluge Mauro, der smarte Professor», dessen Frau reich und krank ist. Melancholisch, zartbitter ist der Ton, der die atmosphärisch dichte Erzählung durchweht: «Die Stille der Wohnung liegt auf ihrem Gemüt wie der Staub auf den Möbeln.» Das Licht spielt eine Hauptrolle, es «sickert wie Gift durch ihre ­Lider». Dann lädt der nette Nachbar Luzia zum Essen ein. Und sie ist sich sicher, er ist der Liebhaber ihrer Vermieterin.

«Lena staunte, wie sich das Leben von einem Tag auf den andern ändern konnte.» Sie fährt im Oktober nach Kalabrien, aber sie hat die Rechnung ohne Johan gemacht. Wieder und wieder drängt sich der gebürtige Schwede ins Bild, ein bedächtiger Mensch mit «liebesgeübten Händen», der kein überflüssiges Wort sagte, der die ganze Nacht geblieben war. Mit dem sie dann Schiffbruch ­erlitt wie zuerst mit Marcel. Mit Johan aber hatte sich Lena eine gemeinsame Zukunft vorstellen können. «Und dann der jähe Sturz.» Eine Schülerin hat ihn der sexuellen Belästigung bezichtigt. Und was hat das Foto eines Mädchens in Johans Jacke zu suchen?

Erika Frey Timillero liebt ihre Figuren, liebt ihre Geschichte. Die Schauplätze zeichnet sie präzise und plastisch, Stimmungen und Gefühle deutet sie mit unverbrauchten Bildern an: «Der Sommer begann mit Wärme zu geizen.» Überall verstreut sie solch wundersame Sätze: «Er lacht wieder sein wallendes Lachen» oder «Der ganze Wald ist in Bewegung vom Wind, der durch die Wipfel streunt».

Dieter Langhart


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