Zweierlei Stille mit und ohne Kuss

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Festival-Höhepunkte mit Heinz Holliger und John Eliot Gardiner: Wer ganz alte und ganz neue Musik hört, bekommt keine Identitätskrise, sondern erlebt Überraschungen.
27. August 2017, 04:38

Das Angebot von Lucerne Festival richtet sich an sogenannte Klassikhörer. Aber wie breit gefächert deren Identität sein muss, lässt das diesjährige Programm erahnen, das genau solche Identitäten thematisiert. Denn noch nie war in den Sinfoniekonzerten das Spektrum zeitlich so breit gefächert wie dieses Jahr. Es reicht über vier Jahrhunderte, von den frühbarocken Opern Claudio Monteverdis bis zu ganz neuer Musik.

Was passiert, wenn beide aufeinandertreffen? Am Freitag dirigierte John Eliot Gardiner im zweiten Konzert der English Baro­que Soloists und des Monteverdi Choir in Monteverdis «Il ritorno d’Ulisse in Patria» im Konzertsaal, gestern Sonntag leitete Heinz Holliger im Luzerner Saal vorzügliche Ensembles der Academy in Werken von Zimmermann und Kurtág sowie in einem eigenen, neuen Werk, «Lunea» nach Texten des Romantikers ­Nikolaus Lenau. Und statt eines Kulturschocks stellten sich überraschende Bezüge ein.

Die stiftete schon das Thema Identität selbst: Bei Monteverdi kehrt Odysseus nach 20 Jahren Irrfahrt derart entfremdet zurück, dass ihn selbst die ausharrende Gattin Penelope nicht erkennt. Holliger interessierte sich für Lenau, weil dieser sich in Briefen an die – verheiratete – Geliebte eine Parallelwelt schuf, indem er sie in einer harmlosen Fassung für sie und in einer ungezügelten für sich privat schrieb.

Das Gemisch von Hoffnung und Verzweiflung, das sich in solchen Identitätskrisen ergibt, führte auch zu musikalischen Parallelen. Die vorherrschende melancholische Dunkelheit grundierten Monteverdi wie Holliger mit Basstönen von Lauten oder Bassklarinette, die sich wie schwarze Tinte ausbreiteten. Und Monteverdis rasselnde Dramatik stand den «Eisenhammer»-Schlägen in «Lunea» in nichts nach.

Viel Theater im Konzertsaal

Dass beide Werke in einer Zeit geschrieben wurden, in der die Tonalität noch nicht standardisiert oder wieder aufgehoben wurde, schuf weitere Gemeinsamkeiten. Sie bezogen sich nicht nur auf überraschende Wendungen (bei Monteverdi) und romantische Rückbezüge (bei Holliger). Statt Ohrwurmmelodien, die es in den volkstümlichen Passagen bei Monteverdi dennoch gibt, herrscht beide Male eine Melodik vor, die sich den rasch wechselnden Affekten unterordnet. Und diese sind bei unbedingten Ausdrucksmusikern, wie auch Holliger einer ist, über die Jahrhunderte hinweg erstaunlich identisch.

Dankbar war der Vergleich zudem, weil die Lenau-Vertonung ebenfalls das Potenzial zur grossen Oper hat, an der Holliger arbeitet. Ohne in Klischees zu verfallen, spitzt das Werk die Textassoziationen bildstark zu, wechselt zwischen «Blitz»-artiger Dramatik, sich windenden, chromatischen Vokallinien, flackernder Virtuosität und unerhörten Geisterklängen, bevor es im Nichts verklingt.

Auch dieser Friede kam dem stillen Kuss zwischen Ulisse und Penelope nahe, mit dem Monteverdis Oper im Konzertsaal in der Regie von Elsa Rooke verlöschte. Im Vergleich zum «Orfeo» (Ausgabe vom Donnerstag) war diese Regie auch stärker präsent – noch nie war bei einer Oper im Konzertsaal so viel Theater, ja Action mit im Spiel, ohne dass das derb-komödiantische Element, das Monteverdi mit Shakespeare teilt, übertrieben wurde.

Noch mehr als beim «Orfeo» staunte man, über welches Reservoir für Stimmcharaktere der Monteverdi Choir für die vielen Rollen vom Fettwanst (Robert Burt) bis zum prahlerischen Freier (Gianluca Buratto) verfügt. Dass das über alle Kunstfertigkeit hinaus direkt ins Herz ging, lag aber an den Hauptdarstellern: Furio Zanasi als Ulisse verband Alterswürde mit einem strahlenden, erzählfreudigen Bariton, Krystian Adam brachte als sein Sohn Telemaco jugendliches Draufgängertum ins Spiel, während Lucile Richardot Penelopes einsamer Trauer ein zwar etwas starres, aber beklemmendes ­vokales Denkmal setzte.

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch


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