Vincent Micotti: «Damit kriegst du alle Mädels»

GERUCH ⋅ Heute ist Valentinstag – Tag der Liebe. Bei Vincent Micotti (38) geht sie durch die Nase: In seinem Basler Labor kreiert der welsche Parfümeur und ehemalige Berufsmusiker Massdüfte für wohlhabende Privatkunden.

14. Februar 2016, 05:00

Es heisst, Sie hätten von klein auf eine «gute Nase». Haben Sie wirklich den besseren Riecher als der Durchschnittsmensch?

Vincent Micotti: Gute Frage. Hat ein Maler eine «bessere Hand» als andere, oder weiss er einfach besser, wie er seine innere Vorstellung in ein Bild umsetzen kann? Ich glaube nicht, dass ich eine bessere Nase habe. Worin ich aufgrund der vielen Übung sicher einen Vorteil habe, ist im Benennen der feinen Nuancen von Geruchskomponenten. Das fällt nämlich den meisten Menschen wahnsinnig schwer.

Ich habe heute Morgen extra gründlich geduscht und das Parfüm besonders sparsam aufgetragen ...

Micotti: (lacht schallend) War das jetzt eine Frage?

Vielleicht eine Einleitung zur Frage, ob es manchmal ein Fluch sein kann, eine feine Nase zu haben.

Micotti: Oh, ja! Es kann öfter passieren, dass ich im Tram – vor allem im Sommer – den Platz wechseln muss. Aber so schlimm ist das nicht. Wie ein Musiker es versteht, Hintergrundmusik auszublenden, kann ich eine Geruchskulisse ausblenden, wenn es sein muss.

Erkennen Sie alle gängigen Parfüms «ab der Stange» sofort?

Micotti: Das wäre zu viel verlangt – es gibt etwa 70 000 Düfte auf dem Markt. Aber die 20 oder 30 meistverkauften Düfte erkenne ich sofort, wenn sie jemand trägt.

Was ist der gängigste Fehler, den Menschen machen beim Parfümieren?

Micotti: Was sehr regelmässig falsch gemacht wird, ist, dass man lieber das Produkt kauft, das auch die Freundin schon hat, anstatt etwas länger im Laden zu stehen und einen Duft auszusuchen, der wirklich zu einem selber passt. Wenn sie an einer Dinnerparty das gleiche Kleid tragen wie eine andere Frau, ist das vielen unangenehm, aber bei Düften findet man das völlig in Ordnung. Das ist doch schade!

Wann hat eine Person denn das «richtige» Parfüm gefunden?

Micotti: Wer sagt denn, dass es nur eine einzige Wahl sein soll? Schweizer kaufen typischerweise nur ein Parfüm, aber in anderen Ländern trägt man ganz selbstverständlich einen anderen Duft zur Party am Freitagabend als fürs Büro am Montagmorgen. Es ist wie in der Mode: Da gehen Sie ja auch nicht mit Jeans und T-Shirt in die Oper beziehungsweise im Frack ins Gartencenter. Bei angenehmen Parfüms ist es wie bei einer bequemen Hose: Man bemerkt sie gar nicht mehr. Wenn die Hose kneift beziehungsweise das Parfüm auffällt, wird es schnell unangenehm.

Was halten Sie davon, wenn jemand einer Parfüm-Marke praktisch ein Leben lang «treu bleibt» und somit immer gleich riecht?

Micotti: Faktisch ist das kaum möglich. Denn von den Behörden kommen fast jedes Jahr neue Vorschriften heraus, die eingehalten werden müssen. Im Laufe von 15, 20 Jahren wird also ein Parfüm, auch wenn es immer noch den gleichen Namen trägt, seinen Duft sowieso leicht verändern. Man könnte also ebenso gut hin und wieder die Marke wechseln. Mit dieser Aussage mache ich mich jetzt natürlich unbeliebt bei der Parfüm-­Industrie. (lacht) Nein im Ernst: Wer will sich heute etwa noch mit echtem Moschus parfümieren?

Ich weiss es nicht. Sagen Sie es mir.

Micotti: Echter Moschus wird als Sekret aus einer Drüse am Bauch des Moschustiers gewonnen, ist also ein Jagdprodukt. Ich habe hier noch ein halbes Gramm aus den 50er-Jahren. Das riecht unheimlich intensiv und ist heute, wo man deutlich häufiger duscht, eher weniger raucht und etwa auch gegenüber dem Pelztragen kritischer eingestellt ist, nicht mehr wirklich willkommen. Daher hat die Industrie verschiedene Produkte entwickelt, die zwar ebenfalls aus sich schwer verflüchtigenden Molekülen sind, aber nicht mehr viel mit echtem Moschus zu tun haben.

Hier in Ihrem Labor stehen Hunderte von Fläschchen herum. Sie sind angeschrieben mit «Yasmin», «Rosapfeffer», «Yuzu», «Courmarin», «Karottensamen», «Weihrauch», «Ethylbutyrat», um nur einige zu nennen. Das alles muss ja ein Vermögen wert sein!

Micotti: Da haben Sie allerdings Recht! Ich bin wirklich dankbar, wenn keines dieser Fläschchen umkippt und zerbricht. Es gibt sehr preiswerte Duftstoffe, wie etwa Lavendel oder Zitrone. Diese Öle kosten zwischen 100 und 200 Franken pro Kilo. Andererseits gibt es beispielsweise den wunderbaren Extrakt aus der Iris-Knolle, der über 120 000 Franken pro Kilo kostet. Auch unter den synthetischen Produkten gibt es alles – von ganz billig bis unheimlich teuer.

Wie viele von diesen Riechstoffen kommen in einem Parfüm zusammen?

Micotti: Zwischen 30 und 100.

Als Laie stellt man sich die Herstellung eines Parfüms einfach vor. Zusammenschütten von ein paar Essenzen, schütteln und fertig.

Micotti: Ja, in etwa so ist es. Wie beim Kochen. Aber wenn Sie so kochen, sind Sie kein Sternekoch! (lacht)

Wird auch viel gepröbelt und dann, wenn es nicht fein riecht, wieder weggeworfen?

Micotti: Viel nicht. Aus Erfahrung weiss man ja schon, was zusammenpasst und was nicht. Ein Grossteil der Arbeit findet im Kopf beziehungsweise auf dem Papier statt, bevor irgendetwas zusammengemischt wird. Es kann bis zu einem halben Jahr dauern, bis die Entwicklung eines Parfüms abgeschlossen ist.

Sie kreieren keine Massendüfte, sondern sogenannte Nischenparfüms. Worum geht es da?

Micotti: Nischendüfte sind die Antwort von Parfümeuren und Dufthäusern auf die Produkte der industriellen Grossbetriebe. Den Unterschied kann man vergleichen mit demjenigen zwischen Fast Food und Gault-Millau-Sterneküche. Es gibt zwar Fast Food, der gut sein kann, aber für viele Kunden fehlt dort der Aspekt von Kunst und Persönlichkeit.

Eines der neusten Parfüms Ihres Labels heisst «Sacre du Printemps», wie das Ballett von Igor Strawinsky. Was stecken für Überlegungen dahinter?

Micotti: Wir hatten 2013 einen Event für unsere Stammkunden. Genau 100 Jahre nach der Uraufführung von Strawinskys Ballett im Jahr 1913, das die Welt der Musik so ziemlich auf den Kopf gestellt hat. Also dachte ich, eine Hommage an den russischen Komponisten wäre passend, weil er dieses Ballett in der Schweiz komponiert hat. «Sacre du Printemps», was Frühlingsopfer bedeutet, ist alles andre als eine rosarote Blümchengeschichte, die man normalerweise mit Frühling assoziiert. Also wollte ich auch einen Duft kreieren, der diese eher dunkle, rohe, «opferhafte» Kraft des Frühlings zum Ausdruck bringt. Es ist ein Duft für Männer und Frauen – übrigens sind die meisten Nischenparfüms unisex.

Ursprünglich sind Sie Cellist. Wo liegen für Sie die Parallelen zum heutigen Beruf?

Micotti: Bei beiden Künsten muss ich zuerst eine sehr klare Vorstellung im Kopf haben davon, was ich genau schaffen will, sei es ein Klang oder ein Duft. Fehlt diese Vorstellung, kommt nichts Gutes dabei heraus.

Es gibt ja Menschen, die nehmen Musik in Farbtönen war. Ist es bei Ihnen so, dass Sie sofort einen speziellen Duft riechen, wenn Sie bestimmte Akkorde hören?

Micotti: So direkt vielleicht nicht, aber Musik löst bei mir auf jeden Fall Gefühle aus, und genauso ist es auch bei den Düften. Insofern kann man schon Verbindungen zwischen Düften und Musik schaffen.

Wo in Ihrem Leben zeigt sich diese Vorliebe für schöne Dinge sonst noch?

Micotti: Beim Kochen! Ich koche sehr, sehr gerne und oft, fragen Sie mal meine Freunde! Ich kann tagelang nach den perfekten Zutaten für ein bestimmtes Menü suchen. Gerade habe ich eine ganz spezielle Sojasauce aus Japan direkt vom Produzenten importiert, die vier Jahre in 400-jährigen Holzfässern gereift ist. Mit der Sojasauce, die wir hier kaufen, hat das überhaupt nichts zu tun. Darüber kann man philosophieren wie über einen grossartigen Wein!

Bei Ihnen kann man sich ein ganz individuelles Parfüm kreieren lassen, das dann kein anderer Mensch auf der Welt trägt. Was sind das für Kunden, die so was machen?

Micotti: Es sind sicher Leute, die vielseitig interessiert sind, sehr kultiviert. Leute, die vieles im Leben schon haben, und ja: sicher auch viel Geld. Sie sagen sich: Ich trage einen Massanzug, weshalb sollte ich dann das gleiche Parfüm tragen wie mein Nachbar? Es sind auch Leute, die Düfte lieben und diese auch gerne zur Schau stellen und sich damit nicht verstecken.

Solche Klientel kommt wahrscheinlich nicht gerade aus dem Luzerner Hinterland, nehme ich an?

Micotti: Nein, ich habe noch für keinen einzigen Schweizer einen Massduft kreiert. Meine Kundschaft ist international und reist viel, sodass wir uns je nachdem in Berlin, London, Paris, Mailand oder auch in Dubai treffen. Es ist wichtig, dass man sich während der Entwicklung eines Massduftes mehrmals trifft und auch Duftproben dabei hat, denn wenn zwei Leute von einem «frischen Duft» sprechen, können Welten zwischen dem liegen, was sie sich darunter vorstellen.

Das bedeutet also, so ein individuelles Parfüm würde mich mehr kosten, als ich in einem Monat verdiene?

Micotti: Ich fürchte schon, ja. (lacht) Aber es würde keinen Sinn machen, hier eine Zahl zu nennen, denn es kommt sehr darauf an, welche Rohstoffe darin verwendet werden. Ein blumiges Girlie-­Parfüm kann ich viel, viel günstiger herstellen als eines mit Oud – das ist ein äusserst seltenes und kostbares Räucherholz, das nur in Asien erhältlich ist.

Angenommen ich hätte das nötige Kleingeld und wollte auch so ein individuelles Parfüm. Wie würden Sie vorgehen, wenn ich selber keine Ahnung hätte, was zu mir passt?

Micotti: Einerseits würde ich Sie an Essenzen riechen lassen und schauen, wie Sie reagieren. Es steckt aber auch viel Psychologie dahinter. Ich würde viel mit Ihnen reden, versuchen herauszufinden, wie sie leben. Es kann von Bedeutung sein, ob Sie beispielsweise gerne in Grossstädte reisen, ob Sie lieber Katzen oder Hunde mögen, oder was Ihr Lieblingsessen ist. Aus all diesen Eindrücken bekomme ich ein Bauchgefühl, wie Ihr Parfüm sein sollte, mit dem ich im Einzelfall aber auch völlig danebenliegen kann.

Schenken Sie Ihrer Frau zum Valentinstag einen Duft?

Micotti: Ich schenke meiner Frau immer wieder Düfte, wenn ich etwas Neues ausprobiert habe. Aber jetzt nicht speziell zum Valentinstag. Parfüms auf den Valentinstag zu schenken, würde ich übrigens wirklich nur dann empfehlen, wenn man den Geschmack der Liebsten auch sehr genau kennt.

Ihre Frau, die in der gemeinsamen Firma alle Design-Aufgaben übernimmt, ist in China aufgewachsen. Gibt es da kulturelle Unterschiede bezüglich Düften?

Micotti: In China gibt es zwar eine grosse Tradition von Räucherstäbchen, aber im Zusammenhang mit dem Körper spielen Düfte keine grosse Rolle. Das liegt wohl daran, dass bei Asiaten Körpergeruch kein Thema ist, es werden auch kaum Deos verwendet. Das Interesse an Parfüms ist dort gerade erst am Aufkommen. Auch unsere Assoziation von «Sexi­ness» bei einem feinen Parfüm ist dort nicht verbreitet. Ich schenkte mal einem chinesischen Freund von uns, einem super lockeren Typ, ein Parfüm und sagte: «Damit kriegst du alle Mädels, die du möchtest.» Er hat die Aussage schlicht und einfach nicht verstanden.

Ihre Frau versteht es hoffentlich schon?

Micotti: Oh ja, sie schon, zum Glück! Sie mag Parfüms, ist aber auch sehr kritisch. Wenn Sie meine Parfüms nicht zu schätzen wüsste, könnte sie dazu auch nicht die passenden Flakons entwerfen. Da der Mensch sehr visuell orientiert ist, ist dieses ebenso wichtig wie der Inhalt.

Wie bedeutet eigentlich der Name Ihres Labels, YS-UZAC?

Micotti: Y. S. sind die Initialen meiner Frau, ansonsten hat der Name keine Bedeutung. Es ist einfach ein Klang­gebilde, das uns gefallen hat. Man spricht es «Isusac» aus. Wir wollten keinen typischen Namen à la «Maison de ...».

Was tragen Sie selber für ein Parfüm? Ich tippe auf ein selbst kreiertes ...

Micotti: Ich probiere oft meine neuen Projekte an mir selber aus, das stimmt. Ich muss ja sehen, wie die sich auf der Haut entwickeln und wie die Leute darauf reagieren. Aber ich trage auch viele Düfte von Berufskollegen oder Konkurrenten. Ich wähle je nach Gelegenheit den passenden. Beim Valentinsdinner mit meiner Frau nicht das gleiche wie morgen früh zur Arbeit. Wobei: Bei der Arbeit, wo ich ohnehin von Düften umgeben bin, benütze ich eigentlich kein Parfüm. Das wäre, als ob man beim Kochen rauchen würde.

Interview Annette Wirthlin

Der Duft-Komponist

ZUR PERSON Aufgewachsen in Lausanne in einer kulturell interessierten Familie, liess sich Vincent Micotti (38) zuerst zum Konzertcellisten ausbilden. Nach einigen Jahren als Berufsmusiker, während denen er sich bereits bei verschiedenen Parfümeuren in der Kunst der Parfüm-Kreation unterweisen liess, sattelte er ganz auf die Entwicklung von Düften um. 2009 gründete er gemeinsam mit seiner Frau eine eigene Firma, die Késiode AG – seit drei Jahren mit eigenem Labor und Produktion in Münchenstein bei Basel. Er entwickelt Parfüms für das eigene Label YS-UZAC, das in 22 Länder vertrieben wird, ausserdem Düfte im Auftrag anderer Firmen (nicht der grossen Parfüm-Industrie) sowie Massdüfte für exklusive Privatkunden aus der ganzen Welt. Micotti wohnt in Riehen BS.

Hinweis

Die Parfüms des Labels YS-UZAC sind in der Zentralschweiz ausschliesslich in der Parfümerie Hyazinth am Hirschenplatz 4 in Luzern erhältlich.


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: