Das «Bethlehem» des Buddhismus

NEPAL ⋅ Der Geburtsort Siddhartha Gautamas war über Jahrhunderte vergessen. Heute ist er eines der wichtigsten religiösen Zentren Asiens, ist im Westen aber nach wie vor kaum bekannt.
21. April 2017, 08:13

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Die überlieferten Geburtsorte der Begründer der beiden grössten Weltreligionen sind jedem ein Begriff. Jesus ist in Bethlehem zur Welt gekommen, der Prophet Mohammed in Mekka. Wer beim Blick auf die Religionslandkarte die beiden Exponenten vor Augen hat, denkt im nächsten Schritt an eine andere, nicht minder populäre Figur – häufig als meditierender Mann im Schneidersitz dargestellt: Prinz Siddhartha Gautama, verallgemeinert als Buddha bezeichnet, ist der Begründer des Buddhismus, nach dem Hinduismus die viertgrösste Religion der Welt. Der Ort mit dem Namen Lumbini aber, wo er geboren worden ist, bleibt im Westen nach wie vor weitgehend unbekannt. Buddhas Geburtsstätte liegt in einer unscheinbar flachen, aber fruchtbaren Gegend im südwestlichen Nepal, wenige Kilometer von der Grenze zu Indien entfernt, auf halber Strecke zwischen der Grenzstadt Siddharthanagar und Kapilavastu.

«Zu früh» geboren

Der Legende zufolge war Maya, die Mutter Siddharthas – im Jahre 563 vor Christus (oder je nach Quelle 623 vor Christus) –, auf dem Weg zu ihren Eltern, um dort ihr Kind zur Welt zu bringen, nach buddhistischem Glauben jungfräulich. Doch als sie bei Lumbini vorbeikam, setzten frühzeitig die Wehen ein, und der Prinz erblickte das Licht der Welt. Maya verstarb wenige Tage nach der Geburt. Siddhartha Gautama wuchs im Palast seines Vaters im nahen Kapilavastu auf.

Die genaue Stelle, an der Maya den Religionsgründer zur Welt brachte, liegt heute im Inneren eines palastartigen Backsteinbaus, des Maya-Devi-Tempels, welchen man später über dem Geburtsort errichtet hat. Durch eine Glasscheibe hindurch ist die Steinplatte zu sehen, auf der Maya – stehend und sich an den Ästen eines Baumes festhaltend – Siddhartha geboren haben soll. Rund um diesen Stein und den Maya-Devi-Tempel liegen freigelegte Mauerreste früherer heiliger Stätten, die vermutlich im 3. Jahrhundert vor Christus zu Ehren Siddharthas errichtet worden waren – während der Herrschaft des indischen Maurya-Königs Ashoka.

Eines fällt an diesem Ort sofort auf: Trotz seiner enormen geschichtlichen und religiösen Bedeutung strömen hierhin nicht vergleichbare Menschenmassen wie nach Mekka, Bethlehem oder Varanasi. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Lumbini lange Zeit vergessen war. Erst 1896 wurde die historische Stätte vom deutschen Indologen Alois Anton Führer, der im Dienste des Britischen Kulturministeriums stand, wiederentdeckt. Lange aber blieb die Anerkennung und Wertschätzung dieses Pilgerortes in Nepal und anderen buddhistisch geprägten Gebieten aus, weshalb seine Popularität erst allmählich gewachsen war. Bis heute sind hier Forschungen im Gange. Erst vor wenigen Jahren brachten Ausgrabungen weiteren Aufschluss zur Geschichte Lumbinis.

Ort des Glaubens und der Spiritualität

Wie an vielen bedeutenden Stätten des Christentums oder des Islams vermischen sich auch in Lumbini wissenschaftliche Erkenntnisse und Legendenbildung, man verliert unweigerlich den Überblick, was nun historisch gesichert und was dem Glauben der Menschen entwachsen ist. Der tiefen Spiritualität, die hier in der Luft liegt, tut dies keinen Abbruch – im Gegenteil. Lumbini nährt sich vom Glauben der Menschen aus allen Gebieten und Richtungen des gelebten Buddhismus. Auch Sadhus, die heiligen Männer des Hinduismus, kommen gern an diesen Ort. Kilometerweise spannen sich die Gebetsfahnen über das Gelände, Gläubige berühren das Wasser im Bassin, welches die Stelle markiert, wo Maya ihr Bad genommen haben soll. Unter dem mächtigen Bodhi-Baum gleich daneben sitzen Menschen, zünden Raucherstäbchen an, meditieren, beten. Diese mächtigen Bäume – auch Pappelfeigen genannt – werden von Buddhisten hochverehrt und üben eine enorme Anziehungskraft auf die Gläubigen aus. Unter einem solchen Riesenbaum soll Siddhartha Gautama erleuchtet worden sein.

Buddhas Geburtsstätte in Lumbini ist auf bestem Weg, ein Pilgerzentrum von weltweiter Bedeutung zu werden. In den vergangenen Jahren ist der weitläufige Park des Friedens, welcher um die Geburtsstätte allmählich entstanden ist, laufend erweitert worden. Über 50 buddhistische Tempel hat man innert kurzer Zeit errichtet, mehrere sind noch im Bau. 1997 wurde die historische Stätte samt Friedenspark ins Inventar des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen. Durch die wachsende Beachtung der heiligen Stätte werden auch die Besucherströme immer mehr, weshalb damit zu rechnen ist, dass es in absehbarer Zeit hier nicht mehr so beschaulich zu- und hergehen wird wie noch vor wenigen Jahren.


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