Das Lauf-Phänomen aus London

FREIZEIT ⋅ Zählen Sie bis 37, und irgendwo auf der Welt wird sich jemand für Parkrun angemeldet haben. Das Lauf-Phänomen hat seine Wurzeln in London, wo sich unser Autor an die Startlinie gestellt hat.
16. April 2017, 10:43

Gabriel Felder, London

«Man fühlt sich so richtig schön rechtschaffen nach einem Lauf. Und man kann sich auf ein Extrastück Kuchen freuen.» John Robak (48) strahlt übers ganze Gesicht an diesem nebligen Samstagmorgen im Highbury-Fields- Park in Nord-London. Als freiwilliger Parkrun-Lotse steht er jeden Samstagmorgen Punkt 9 Uhr am Start und führt verlorene Mitläufer auf die richtige Spur.

Rund 250 Frauen und Männer versammeln sich bei Wind und Wetter an der Startlinie und absolvieren die fünf Kilometer lange Laufstrecke in ihrem ganz eigenen Rhythmus. «Dies ist kein Rennen», erklärt Ben Noisewater (35), der heute mit der dreijährigen Tochter Harriet seine Runden dreht – samt Kinderwagen. «Die Leute hier messen sich an sich selber und haben nur die persönliche Bestmarke im Kopf.»

Der Kaffee danach ist oft wichtiger als die Zeit

Parkrun ist kostenlos und vor allem gesellig. «Die gemeinsame Tasse Kaffee nach dem Lauf stellt einen grossen Teil der Parkrun-Kultur dar», betont Geschäftsführer Tom Williams (37). «Wir wollen, dass sich die Leute besser kennen lernen und sich Freundschaften aufbauen.» In ländlichen Gegenden, wo sich Parkrun einer zunehmenden Popularität erfreut, wird extra ein Kaffeewagen organisiert.

In Highbury schaut Martin Black (45) als Event-Organisator zum Rechten. Der Erfolg von Park­run führt auf die Simplizität der Idee zurück. «Alles, was man braucht, ist ein Barcode von unserer Webseite, und los geht’s», sagt er. «Laufen kann man auf der ganzen Welt, überall, wo es Park­run gibt.» Die nahe gelegene Untergrundstation bringe auch immer wieder internationale Teilnehmer nach Highbury. «Aus der Schweiz hatten wir bisher noch keine Teilnehmer, aber Australier oder Südafrikaner schliessen sich uns immer wieder an.» Parkrun existiert mittlerweile in 16 Ländern, Frankreich und Italien inbegriffen. Das Phänomen startete vor 13 Jahren im Bushy-Park im Südwesten Londons. Gerade mal ein Dutzend Läuferinnen und Läufer versammelten sich um Gründer Paul Sinton-Hewitt, ein leidenschaftlicher Kurz- und Langstreckenläufer, der nach einer Verletzung buchstäblich kürzertreten musste. Sinton-Hewitt hatte eine Distanz im Kopf, die wöchentlich abgelaufen werden könnte und mit einem Gleichgewicht zwischen machbar und herausfordernd eine möglichst breite Masse ansprechen würde. Das Konzept der fixen Distanz von fünf Kilometern und individueller Zeitmessung war geboren. Die Massen bauten sich ohne grosse Werbung organisch auf, und heute gibt es allein in Grossbritannien 425 Events (die Hälfte davon in sogenannt unterbemittelten Gegenden). Tom Williams rechnet damit, dass in diesem Jahr eine Schallgrenze durchbrochen werden kann: «Es sieht ganz so aus, als ob wir im Jahr 2017 eine Million Läufer pro Monat zählen werden.» Ben Noisewater wischt sich den Schweiss aus dem Gesicht und blickt lächelnd in den Kinderwagen: Tochter Harriet hat den Lauf im Nebel unbeschadet überstanden. «Rennen mit einem Knirps bringt einem Extrasympathien ein», sagt er. Und «sympathisch» ist ein Wort, das Parkrun treffend beschreibt.

Hinweis

Weitere Informationen gibt es auf www.parkrun.com


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