Den Bienen gehts ans Lebendige

NATUR ⋅ Die Schweizer Bienen sind viel Geld wert. Doch Varroamilben sowie Pestizide und Nahrungsmangel machen den Insekten zu schaffen. Und auch die Bienenhaltung ist nicht durchwegs optimal.
25. September 2016, 05:00

Honigbienen produzieren eine ganze Menge wertvoller Dinge, allem voran den süssen Honig. Die schwarz-gelben Insekten erzeugen ihn, indem sie Nektar und Honigtau mit körpereigenen Stoffen bereichern, in den Waben speichern und dort reifen lassen. Bienen sammeln auch Harz von den Rinden und Knospen der Bäume und verarbeiten ihn zu Propolis. Damit wird das Nest abgedichtet. Propolis eignet sich als natürliches Arzneimittel. Und selbst das Bienengift findet medizinische Verwendung, verfügt es doch über heilende Wirkung.

Die ökonomische Bedeutung der Schweizer Honigbiene ist nicht zu unterschätzen. In den Jahren 1993 bis 2013 wurden jährlich im Schnitt 67 Millionen Franken durch Bienenprodukte erwirtschaftet. Hinzu kommt die Wertschöpfung, welche auf die Bestäubung von Pflanzen durch die Biene zurückgeht: 269 Millionen Schweizer Franken pro Jahr. Von der Bestäubungsarbeit pro­fitieren unter anderem Obst­anbauer. Jährlich weit über 300 Millionen Franken sind die Bienen also insgesamt – rein wirtschaftlich betrachtet – wert, so Vincent Dietemann vom Zentrum für Bienenforschung in Liebefeld-Bern. Der ökologische Wert der Bestäubung liege noch viel höher, ergänzt der Biologe.

Grösster Feind bleibt die Varroamilbe

Jedoch gibt es Probleme mit den Bienen in der Schweiz und allgemein auf der Nordhalbkugel. Das grösste, mit dem es die Imkerei zu tun hat: die Varroamilbe. Der 1,6 Millimeter grosse Parasit trägt passenderweise den Namen Varroa destructor. Er beisst die Bienen, wodurch Krankheitskeime in ihre Körper eindringen. Junge Bienen schlüpfen dann häufig mit verkrüppelten Flügeln und sterben innerhalb von drei Tagen. Auch andere von Varroa übertragene Viren verkürzen das Bienenleben.

Normalerweise zählt ein Volk im Sommer 30 000 Bienen, im Winter 10 000. Eine stark von Varroa befallene Kolonie geht aber geschwächt in den Winter. Das ist fatal, denn in der kalten Jahreszeit müssen genug gesunde Bienen da sein, die mit den Thoraxmuskeln zittern. Nur so kann die Bienentraube warm gehalten werden. Sind es weniger als 5000 Bienen, geht in der Regel das ganze Volk ein.

Die Verluste lagen im Winter 2015/16 vergleichsweise niedrig bei 10,1 Prozent. Im Vorwinter waren es noch gegen 20 Prozent gewesen. Wobei sich die Verluste sehr ungleich verteilen. Einige Imker müssen herbe Verluste oder Totalverluste hinnehmen, viele verzeichnen dagegen keine oder nur geringe. Die Streuung ist gross, die Ursachen dafür noch ungeklärt. Man vermutet, dass es mit dem Wetter zu tun hat. Ein warmer Frühling und ein warmer Herbst bedeuten eine längere Saison für die Bienen, die dann länger Brut produzieren. Somit kann sich Varroa auch über längere Zeit reproduzieren. Mehr Brut gleich mehr Milben gleich höhere Verluste, so die Annahme.

Bestes Gegenmittel ist Ameisensäure

Um die Völker vor Varroa zu schützen, setzt man hierzulande meist auf eine Behandlung mit Ameisensäure im Sommer – für Biologe Dietemann zurzeit das beste Mittel. Er empfiehlt eine Langzeitbehandlung über mehrere Wochen. Vorteile der Ameisensäure: Die Milben entwickeln keine Resistenz dagegen, und es gibt keine problematischen Rückstände in Honig oder Wachs.

Unsicher ist, ob alle in der Schweiz eingegangenen Völker tatsächlich an Varroa gestorben sind. Bei einem Teil könnte es auch andere Ursachen geben, etwa Nahrungsmangel. Die Bienen finden einfach nicht genug zu essen, weil etwa das Gras sehr früh gemäht wird. Das Bienenzentrum arbeitet mit dem europäischen Netzwerk Coloss an einem Projekt, bei dem man die Vielfalt des Nahrungsangebots auf dem Kontinent ermittelt. Auch Pflanzenschutzmittel schaden den Bienen. Man weiss nur noch nicht, wie sehr Pestizidrückstände ein Bienenvolk auf Dauer schwächen.

Hat die Anfälligkeit von Kolonien womöglich auch etwas mit der Bienenhaltung zu tun? «Wie bei allen Nutztieren arbeitet auch die Imkerei manchmal gegen die Natur», erklärt Vincent Dietemann. Zum Beispiel fördert es die Verbreitung der Varroamilbe, wenn mehrere Völker auf dem Bienenstand eng gehalten werden, lediglich ein oder zwei Meter voneinander entfernt. Wildvölker leben viel weiter auseinander in hohlen Bäumen – das ist der natürliche Zustand. Dietemann hält es aber für schwierig, grössere Abstände einzuhalten. Die Imkerei wäre dann nicht mehr so «ökonomisch». Man bräuchte mehr Zeit und Energie, um von Volk zu Volk zu gehen.

Bioimkerei-Anteil ist sehr bescheiden

Bioimkerei ist näher an der Natur. Ein Bioimker darf, um Varroa zu bekämpfen, nur organische Säuren und Komponenten von ätherischen Ölen benutzen, was auch in der herkömmlichen Imkerei keine Seltenheit ist. Dietemann schätzt, dass 80 bis 90 Prozent der konventionell arbeitenden Imker natürliche Produkte gegen Varroa einsetzen. Füttern darf der Bioimker die Bienen nur mit eigenem Honig oder mit Bio­zucker. Die Betriebe müssen zudem von natürlicher Flora und Bioagrarflächen umgeben sein.

Doch der Anteil der Bioim­kerei hierzulande ist sehr klein. Rund 130 Imker produzieren zum Beispiel unter dem Bio-Suisse-Label. Zum Vergleich: Schweizweit gibt es 17 000 Imker.

Andreas Lorenz-Meyer


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