Der Evolution bei der Arbeit zugeschaut

ARTENTSTEHUNG ⋅ Forschende des Wasserforschungsinstituts Eawag und der Universität Bern haben der Evolution zugeschaut: Sie haben beobachtet, wie eine Fischart beginnt, sich zu zwei neuen Arten aufzuspalten - erstaunlicherweise ohne dass diese räumlich getrennt wären.

29. Februar 2016, 20:00

Beim Begriff "Evolution" denkt man oft an langsame Prozesse. Manchmal geht es aber recht schnell: Von einer erstaunlichen Beobachtung in Sachen Artbildung bei einem Fisch berichten Forschende des Wasserforschungsinstituts Eawag und der Universität Bern nun im Fachjournal "PLOS Genetics".

Laut einer gemeinsamen Mitteilung der beiden Forschungsinstitute vom Montag haben die Wissenschaftler die beginnende Aufspaltung zweier neuer Arten bei Stichlingen in und um den Bodensee gefunden. Demnach unterscheiden sich die Stichlinge im See genetisch von jenen in den Seezuflüssen - obwohl die Stichlinge aus dem See zur Laichzeit in die Zuflüsse wandern, sich also am gleichen Ort paaren.

Unerwarteter Befund

Bisher ging man davon aus, dass sich neue Arten abspalten, indem sie sich an neue Bedingungen anpassen und räumlich - und manchmal auch zeitlich - getrennt fortpflanzen. "Es war völlig unerwartet, dass sich die Stichlinge in so kurzer Zeit auseinander entwickeln, wenn sie sich doch zur gleichen Zeit und an denselben Orten paaren", liess sich Studienautor David Marques in der Mitteilung zitieren.

Bereits bekannt war, dass sich Stichlinge rasch an neue Lebensbedingungen anpassen können, was ihn im Vergleich zu anderen Arten extrem erfolgreich macht: Der kommerziell nicht interessante Kleinfisch breitet sich seit 150 Jahren rasant in den Gewässern des Schweizer Mittellands aus. Millionenfach landen die Stichlinge derzeit in den Netzen der Bodenseefischer.

Äussere Anpassung an See und Bach

Die Unterschiede zwischen den Stichlingen im Bodensee und in den zufliessenden Bächen sind jedoch nicht nur genetischer Natur. Auch in äusseren Merkmalen unterscheiden sich die beiden Stichlings-Typen: Die See-Stichlinge bilden breitere Knochenplatten am Körper und längere Stacheln. Das schütze sie besser vor Raubfischen und fischfressenden Vögeln, so die Mitteilung.

Trotz der Unterschiede zwischen den See- und Bach-Stichlingen sprechen die Wissenschaftler noch nicht von verschiedenen Arten, sondern von "Ökotypen". Dies weil unsicher sei, ob sich daraus wirklich einmal vollständig isolierte Arten entwickeln, schrieben die Eawag und die Universität Bern.

Frühere Studien der Eawag-Forschungsgruppe von Ole Seehausen an Felchen und Buntbarschen im ostafrikanischen Viktoriasee haben nämlich gezeigt, dass solche Ökotypen und erst frisch aufgespaltene Arten sehr empfindlich auf Veränderungen der Umwelt reagieren und auch wieder verschmelzen können. (sda)


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