Der Sturz des Fernsehpapstes

USA ⋅ Bill O’Reilly, einer der erfolgreichsten politischen Kommentatoren im US-Fernsehen, ist von Fox News Channel entlassen worden – weil er Frauen sexuell belästigt hat.
21. April 2017, 07:36

Renzo Ruf, Washington

Natürlich war es ein Zufall, dass Bill O’Reilly am Mittwoch im Vatikan dem Papst die Hand schüttelte, als er von seinem Arbeit­geber, dem Nachrichtensender Fox News Channel, auf die Strasse gestellt wurde. Aber vielleicht lässt sich anhand dieser Konstellation erklären, warum O’Reilly in der amerikanischen Fernsehlandschaft eine derart wichtige Stellung einnahm. Der 67-jährige politische Kommentator amtierte zwei Dekaden lang als TV-Papst – ein Mann, der zwar keine demokratische Legitimation besass, aber dennoch die politische Debatte beeinflussen konnte.

Dabei legte sich O’Reilly, dessen Sendung den Namen «The O’Reilly Factor» trug, über die Jahre hinweg das Image eines konservativen Patriarchen zu, der gerne über die gute alte Zeit sprach und sich in der modernen Gesellschaft nicht immer zurechtfand. Weil er dabei, zumindest in den letzten Jahren, auf rhetorische Ausfälle weitgehend verzichtete – anders als andere Aushängeschilder des im Zweifelsfall rechten Fox News Channel –, wurde O’Reilly auch im linken Amerika akzeptiert.

Belästigungen per Telefon

Offensichtlich aber besass O’Reilly auch eine andere Seite. Er ist ein Sexist, der weiblichen Angestellten seines Senders unsittliche Anträge machte und sie belästigte. Theoretisch war das schon bekannt. 2004 wurde er von einer Produzentin seiner Sendung verklagt, die sagte, O’Reilly habe sie des Nachts telefonisch belästigt. O’Reilly wies die Anschuldigungen zwar zurück, einigte sich mit der Produzentin aber aussergerichtlich und bezahlte ihr eine Millionenentschädigung.

Dass der Sender Fox News Channel dennoch an O’Reilly festhielt, hatte zwei Gründe: Erstens bildete der Mann aus Long Island das Fundament des Senders. Ohne die abendliche Predigt des populistischen Moderators hätte sich Fox News Channel nie zum führenden Nachrichtenprogramm der USA entwickelt. Und zweitens war O’Reilly ein veritabler Goldesel: Zuletzt schalteten um 20 Uhr gegen 4 Millionen Menschen ihre Fernsehgeräte ein, um ihm zuzuhören. Die Werbespots generierten Einnahmen von 178 Millionen Dollar.

Dies alles änderte sich im vergangenen Sommer nach dem Rücktritt des dominanten Senderchefs Roger Ailes, der über eine Klage einer Moderatorin gestolpert war, die ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte. Im Zuge dieses Führungswechsels installierte sich der Firmenpatriarch Rupert Murdoch, zu dessen Imperium der Fox News Channel gehört, an der Spitze des Senders. Und der 86-Jährige beschloss, auch weil er unter Druck der Aktionäre seiner börsenkotierten Firmen stand, beim Nachrichtensender aufzuräumen. Eine Anwaltsfirma wurde damit beauftragt, sämtlichen Vorwürfen nachzugehen.

Werbeboykott gegen O’Reillys Sendung

Das Fass zum Überlaufen brachte schliesslich ein Artikel in der «New York Times», in dem in allen widerlichen Details aufgezeigt wurde, wie O’Reilly über die Jahre hinweg mit Frauen um­gesprungen war. In der Folge schlossen sich Dutzende von Firmen einem Werbeboykott an, der «The O’Reilly Factor» wirtschaftlich zu ruinieren drohte. Also beschloss Murdoch, den Stecker zu ziehen.


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