«Die Klimaerwärmung ist keine Glaubensfrage, sondern ein Fakt»

TEMPERATUREN ⋅ Der Klimaforscher Thomas Stocker von der Uni Bern sieht in der Spaltung der Gesellschaft eine Gefahr – nicht nur für das Klima. Und auch die Wahl von Donald Trump macht ihm Sorgen.
24. Februar 2017, 07:58

Interview: Beat Glogger

wissen@luzernerzeitung.ch

Thomas Stocker, die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre ist auf einem historischen Höchststand. Das Jahr 2016 war das heisseste je gemessene. Nun hatten wir aber in der Schweiz den kältesten Januar seit 30 Jahren. Erwärmt sich das Klima oder nicht?

Man kann nicht von einem Monat in der Schweiz auf das Klima der Welt schliessen und erst recht nicht den Klimawandel wegen eines kalten Monats anzweifeln. Aber das ist ein oft begangener Fehler. Klima ist, wenn man den Januar 2017 mit allen früheren Messungen dieses Monats seit 1880 vergleicht. Dann wird deutlich, dass der vergangene Januar zwar sehr kalt war, der Durchschnitt der Januare der letzten 50 Jahre aber sehr viel wärmer geworden ist. Und wir sehen die Erwärmung ja nicht nur für den Januar, sondern auch für die Jahresmittel – nicht nur in der Schweiz, sondern global. Auch die Temperatur in den Ozeanen ist in den letzten 50 Jahren bis in eine Tiefe von 2 Kilometern angestiegen. Das sind die Fakten.

Sie entwickeln Computer­modelle, welche die künftige Entwicklung des Klimas simulieren. Die haben aber auch ihre Fehler.

Sie sprechen auf die sogenannte Klimapause an, wie es die Kritiker genannt haben. Tatsächlich stieg die globale Temperatur zwischen 1998 und 2014 weniger stark, als dies die Computermodelle vorausgesagt haben. Darum wurde ich sogar gefragt, wann ich endlich zugäbe, dass die globale Erwärmung nicht stattfinde. Jedoch gibt es in einem allgemeinen Anstieg immer wieder Perioden, in denen die Kurve weniger steil nach oben zeigt. Das sind natürliche Schwankungen, die immer vorhanden sind. Genau solch eine Periode haben die Klimaskeptiker herausgepickt, die ihrer Kritik Recht zu geben schien. Die Klimamodelle ­können solche kurzfristigen Schwankungen zwar simulieren, aber nicht voraussehen, sie sind besser für Entwicklungen über längere Zeiträume. Und da sind sie gut, das zeigen unzählige Tests.

Sie werden für Ihr Engagement immer wieder kritisiert. Sie seien ein Prediger, Missionar und Politaktivist.

Ich habe sogar schon einen Journalisten, der mich angegriffen hat, zu mir eingeladen und ihm einen Nachmittag lang alles erklärt. Das Interview, das danach erschien, war fair. Und ich glaubte naiverweise, ich hätte den Journalisten überzeugt. Aber schon im nächsten Artikel fuhr er wieder den Kurs der Klimaskeptiker.

Der Chefredaktor der «Weltwoche», Roger Köppel, vertritt die Meinung, dass der Klimawandel kein Fakt, sondern eine auszuhandelnde Bewertung sei.

Das ist eben der Unterschied zwischen Geistes- und Naturwissenschaft. Köppel ist Historiker, er versteht nicht, wie Naturwissenschaft funktioniert. Wir erarbeiten Fakten, die auf wissenschaftlichen Methoden und Messungen beruhen, auf Experimenten und theoretischem Verständnis. Wir sind aber sehr offen, wenn eine clevere Person sagt, wir hätten uns geirrt. Und wenn nötig, ändern auch Naturwissenschaftler ihre Aussagen. Aber dazu braucht es mehr als die Behauptung: «Ihr habt nicht Recht». Wir wollen Fakten. Wir wollen sehen, dass diese Person alles, was beobachtet und gemessen und mit der bisherigen Theorie verstanden worden ist, auch mit der neuen Theorie erklären kann. Und dass sie auch das erklärt, was wir noch nicht erklären konnten. Beim Klimawandel wird das schwierig. Wir haben so viele Messungen und Daten – dieses Wissen lässt sich nicht einfach mit «alternativen Fakten» über den Haufen werfen.

Offensichtliche Falschaus­sagen sind gegenwärtig aber salonfähig. Der US-Präsident Donald Trump bezeichnet den Klimawandel als «Witz». Damit spaltet er die Gesellschaft. Die einen glauben an den Klimawandel, die anderen nicht.

Nur schon dieser Satz ist falsch. Klimawandel hat nichts mit Glauben zu tun, sondern mit Wissenschaft, und hier geht es um Fakten. Darauf baut unsere ganze Gesellschaft. Ohne Wissenschaft hätten wir keine technischen Errungenschaften, nicht mal meine Brille gäbe es. Es ist verrückt, dass ein Teil der Gesellschaft heute bereit ist, wissenschaftliche Erkenntnis in gewissen Bereichen wie dem Klima und anderen einfach auszublenden.

Wie sehen Sie die Auswirkung von Donald Trump auf das Klima?

Wenn ich sehe, was er bisher gesagt hat, mache ich mir Sorgen um das Klima. Aber viel mehr Sorgen mache ich mir noch wegen der Art und Weise, wie man weltweit miteinander umgeht. Die globalen Herausforderungen inklusive des Klimawandels fordern Solidarität und Kooperation, nicht Ausgrenzung und Abschottung. Wir brauchen beispielsweise die Entwicklungsländer zum Erreichen der Klimaziele. Und wir brauchen die Industrieländer, damit sie die nötigen Technologien zur Verfügung stellen. Es braucht Respekt, Verlässlichkeit und faktenbasierte Entscheide. All das vermisse ich im Moment.

Was ist zu tun?

Als Konsumenten von Informationen müssen wir bereit sein, mehr als 140 Zeichen aufzunehmen und auch Hintergrundberichte zu lesen oder ein längeres Interview zu hören. Auch die Medien tragen Verantwortung. Und wir Wissenschaftler müssen unabhängig bleiben. Wir müssen unser komplexes Wissen zur Verfügung stellen und auch dafür sorgen, dass Wissenschaft in der Schule einen festen Platz hat.

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