Rückwärtsfahren ist jetzt (fast) verboten

VERKEHR ⋅ Es sind viele tödliche Unfälle passiert: Deshalb ist Rückwärtsfahren nun fast ganz verboten. Der Automobilclub findet die Neuerung überflüssig.
08. Januar 2016, 05:00

Kari Kälin

Bis zu Silvester durfte man auf Schweizer Strassen quasi beliebig rückwärtsfahren – sofern man niemandem anders in die Quere kam. Seit Anfang Jahr ist damit Schluss. «Über längere Strecken ist das Rückwärtsfahren nur zulässig, wenn das Weiterfahren oder Wenden nicht möglich ist», heisst eine von zahlreichen neuen Verkehrsregeln, die der Bundesrat in Kraft gesetzt hat. Autofahrer dürfen also den Rückwärtsgang nicht mehr nach eigenem Gutdünken einschalten.

Das Nötige und Vernünftige

Die Weisungen aus Bern kommen nicht überall gut an. Die staatliche Regulierungsfreude nehme ständig zu und vergälle den Automobilisten zunehmend die Freude am Fahren, moniert der Automobilclub der Schweiz (ACS). «Das Verbot des Rückwärtsfahrens zeigt exemplarisch, wie der Staat unter dem Deckmantel von Präventionsmassnahmen in die Freiheit der Bürger eingreift», teilte der ACS diese Woche in einem Communiqué mit. Die Vorschrift sei unnötig, weil kein Automobilist zum Vergnügen rückwärtsfahre.

Das Bundesamt für Strassen (Astra) kontert die Vorwürfe. Es handle sich nicht um ein Verbot, sondern um eine Anpassung der Verkehrsregeln, sagt Sprecher Guido Bielmann. Nicht mehr erlaubt sei Rückwärtsfahren über längere Distanzen. Die Verkehrsteilnehmer müssten sich auf das Nötige und Vernünftige beschränken.

Doch was bedeutet das im Verkehrsalltag genau? Was sind «längere Strecken», wie es in der Verkehrsregelverordnung heisst? Klare Antworten gibt es nicht. Die Luzerner Seebrücke rückwärts zu überqueren, wäre sicher verboten. Wer in einer Quartierstrasse 20 Meter rückwärtsfährt, um zum Beispiel sein Auto in eine Parklücke zu zirkeln, verstösst hingegen nicht zwingend gegen die neue Regel, sofern er andere Verkehrsteilnehmer nicht behindert. Will jemand ein solches Manöver bei hohem Verkehrsaufkommen machen, kann er aber vielleicht bereits zur Rechenschaft gezogen werden. Auf jeden Fall erlaubt bleibt das Rückwärtsparkieren. Und wer in eine Sackgasse gerät, darf weiterhin rückwärtsfahren, bis das Vehikel gewendet werden kann.

Richter entscheiden im Einzelfall

Erwischt die Polizei jemanden beim unerlaubten Rückwärtsfahren, kommt es zu einer Anzeige. Der Richter werde dann im Einzelfall über die Bussenhöhe entscheiden müssen, sagt Astra-Sprecher Bielmann.

Eine Art Schonfrist, in der sich die Verkehrsteilnehmer an die neuen Regeln gewöhnen können, ohne eine Sanktion zu riskieren, gibt es nicht. Dies sehe der Gesetzgeber nicht vor, sagt Franz-Xaver Zemp, Chef Fachbereich Verkehr der Luzerner Polizei. Weisungen im Umgang mit Rückwärtsfahrsündern hat sie keine erlassen. «Das ist unseres Erachtens auch nicht nötig», sagt Zemp. Ein gewisses Augenmass sei bei der Arbeit an der Front immer gefragt. «Unsere Leute sind da bestens gewappnet», sagt Zemp.

Zemp gibt zu bedenken, dass Rückwärtsfahrmanöver immer besondere Gefahren bergen. Dieses Argument wirft auch das Astra in die Waagschale. Eine Statistik bestätigt diesen Befund. In den Jahren 2011 bis 2014 starben jeweils fünf bis zehn Personen wegen unvorsichtigen Rückwärtsfahrens, 65 bis 87 Personen wurden in diesem Zeitraum schwer verletzt (siehe Tabelle).

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) begrüsst die neuen Regeln. Auch der ACS wehrt sich nicht dagegen, dass man gegen Unfälle beim Rückwärtsfahren vorgeht. «Allerdings ist ein Appell an die Aufmerksamkeit und Vorsicht der Autofahrer wirkungsvoller, als eine neue Vorschrift zu erlassen», schreibt er.

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